SPIEGEL ONLINE
26.06.2008
 
Atommülllager Asse II
Strahlende Fracht, düstere Zukunft
Von der Grube Asse II berichtet Christoph Seidler
DPA
Einsturzgefahr, dubiose strahlende Lauge im Untergrund: Das Atommülllager Asse II kommt nicht aus den Schlagzeilen. Was für die Ewigkeit halten sollte, ist schon nach 40 Jahren am Ende - wie es mit dem radioaktiven Müll weitergehen soll, ist unklar.
Vom Rand des rechtwinkligen Stahlbeckens wuchern weiße Mineralablagerungen wie Geschwüre in das grüne Wasser. Hochkorrosive Flüssigkeit, zehnmal salziger als Meerwasser, plätschert aus einem Plastikrohr.
Ein Laugenbecken in der Grube Asse II, 658 Meter tief in der niedersächsischen Erde. Seit Jahrzehnten lagern hier rund 130.000 Fässer schwach und mittelradioaktiver Abfall. Seit Tagen kommt das ehemalige Salzbergwerk nicht aus den Schlagzeilen, wegen möglicher Einsturzgefahr und dubioser radioaktiver Lauge im Schacht.
Das harmlos klingende Plätschern im Laugenbecken ist einer der Gründe dafür. Seit Jahren dringt unkontrolliert Wasser in die Grube ein, rund 12.000 Liter am Tag. Woher die ungewollten Bäche kommen, weiß niemand so recht. Weil das Wasser auf seinem Weg durch die Grube aber einen Teil des Gesteins auflöst, fürchtet der Betreiber, das Helmholtz-Zentrum München, um die Standsicherheit des Bergwerks.
Wegen der unkontrollierten Wasserzuflüsse soll die Grube, von der die meisten Bundesbürger zuvor wohl kaum jemals etwas gehört haben, möglichst schnell geschlossen werden. Aber wie?
"Wir sehen uns absolut außerstande, die Zutrittsstelle abzudichten", sagt Annette Parlitz. Die junge Frau mit dem blauweißen Hemd und der weißen Hose organisiert die Grubenführung für das Helmholtz-Zentrum.
Auf ihrer Brust baumelt ein orangefarbenes Dosimeter. Routiniert spult die sympathische Sprachwissenschaftlerin Fachbegriffe wie "Rahmenbetriebsplan", "Umweltverträglichkeitsstudie" und "Optionenvergleich" ab, während sie unser Fortbewegungsmittel, einen staubigen, offenen Mercedes-Jeep durch die warmen und stickigen Gänge des Bergwerks jagt.
Abgekippt, mit Salz bedeckt, fertig ist das Endlager
Der Atommüll ist verpackt in 200-Liter-Rollreifenfässern. In dunklen Kammern - 60 Meter lang, 40 Meter tief und 15 Meter hoch - lagern sie. Hier wurde früher das Salz abgebaut. 1967 begann man mit der Einlagerung des Mülls. Elf Jahre dauerten die Arbeiten. Ein großer Teil der Abfälle stammt aus dem Kernforschungszentrum Karlsruhe.
Die zumeist mit Bitumen oder Zement ausgegossenen Behälter stehen aufrecht oder liegen auf dem Boden. Offiziell ging es darum, möglichst ideale Lagerformen zu untersuchen. Deswegen heißt die Asse bis heute Forschungsbergwerk. Das ist auch der Grund, warum die Grube im Gegensatz zu anderen deutschen Atomlagern wie Gorleben nicht dem Bundesamt für Strahlenschutz untersteht, sondern dem Niedersächsischen Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie.
Von einem rostigen Drahttor vor Kammer 7 aus kann man das Ergebnis dessen sehen, was zum vermeintlichen Nonplusultra der Lagertechnik in der Asse wurde: Ein Radlader fuhr die Fässer in eine der Lagerkammern - und kippte sie über eine Böschung einfach ab. Anschließend kam eine Ladung Salz darüber. Dann wurde die Böschung ein Stück nach oben verlegt, und weiter ging's. Am Ende dann noch mal eine große Fuhre Salz drauf- fertig war das Endlager für die Ewigkeit.
Fässer in einem halben Kilometer Tiefe
"Wenn man viel und schnell lagern will, bringt diese Technik mehr", sagt Annette Parlitz. Und in gewisser Weise hat sie Recht: Das Salz schirmt die Strahlung ab, die Arbeiter haben außerdem nur kurz mit der gefährlichen Fracht zu tun.
Bei den Fässern mit dem mittelradioaktiven Müll war das Prinzip ähnlich: Sie wurden in eine Kaverne in 511 Metern Tiefe fallen gelassen, wo sie sich zu einem gespenstischen Kegel türmen. Aus den Augen, aus dem Sinn, schien die Devise. Für Menschen, die in der Logik der Asse denken, sind solche Verfahren das Normalste der Welt. Für jeden anderen sind sie unbegreiflich - weil klar ist, dass die Behälter nur unter gigantischem Aufwand wieder geborgen werden können.
Das jedoch sei ohnehin niemals die Absicht gewesen, sagt der Betreiber. Hier wurde für die Ewigkeit gelagert, ist auf einem Informationsschild nahe dem Eingang zu lesen.
Auf einer überdachten Bank direkt vor dem Schild sitzt Udo Dettmann. Eigentlich arbeitet er im Rechenzentrum der Uni Braunschweig. Doch in seiner Freizeit beschäftigt er sich vor allem mit dem Kampf gegen die Zustände in der Asse. Damit ich ihn nicht verfehle, hat er ein gelbes "A" aus Holz mitgebracht. Es ist das Erkennungszeichen der Bürgerinitiative "aufpASSEn". Es ist an einigen Häusern hier in der Gegend zu sehen, doch nur vergleichsweise wenige Zeichen des Widerstandes sind in den propreren niedersächsischen Dörfern der Umgebung zu finden. "Es ist nicht Gorleben", sagt Dettmann beinahe ein wenig resigniert.
Transport von strahlender Lauge mit dubioser Rechtsgrundlage
Doch gerade erlebt die Protestbewegung eine Renaissance. Am Freitag wollen Dettmann und seine Mitstreiter ein fünf Meter hohes hölzernes "A" am Waldrand, nahe des Eingangs zum Bergwerk aufstellen. "Jetzt kommt wieder Bewegung in die Bevölkerung", glaubt Dettmann. Auf einmal interessiert sich Deutschland - und damit auch die unmittelbare niedersächsische Nachbarschaft - wieder für die prekären Zustände im Berg. Schuld sind nicht zuletzt die Umweltaktivisten - und ein paar tausend Liter radioaktive Flüssigkeit.
Die Lauge ist mit dem Isotop Cäsium-137 belastet und tritt seit einiger Zeit vor der Kammer 12 des Bergwerks aus, in 750 Metern Tiefe. Lange wusste davon kaum jemand etwas.
Woher die strahlende Fracht der Salzbrühe kommt, ist umstritten. Die Betreiberfirma geht davon aus, dass es sich um Rückstände eines Unfalls aus dem Dezember 1973 handelt. Damals hatte ein Gabelstaplerfahrer versehentlich 260 Quadratmeter Grubengang mit radioaktivem Müll besprenkelt. Zusammen mit Salzlauge aus nass verfüllten Kammern des Bergwerkes ergebe sich dadurch der Cocktail.
Asse-Gegner halten dagegen, dass die Fahrbahn nach dem Unfall abgefräst worden sei; Belastungen dürften also kaum mehr auftreten. "Die Unfallthese hat nur der Betreiber", sagt Heike Wiegel. Sie sitzt für die SPD im Kreistag Wolfenbüttel - und wie Dettmann in der Asse-II-Begleitgruppe, einem Diskussionsforum, das kritische Öffentlichkeit, Lokalpolitiker, Betreiber und Aufsichtsgremien zusammenbringt.
Wiegel befürchtet, dass es in Wahrheit leckende Atommüllfässer in der verschlossenen Kammer 12 sind, die die Salzlauge achtmal radioaktiver machen, als sie laut Grenzwert sein dürfte. Dies zu beweisen, ist aber schwierig, da derzeit niemand daran denkt, die fragwürdige Kammer 12 zu öffnen.
Nicht nur über die Herkunft der Radioaktivität wird gestritten - man weiß auch nicht, wie man mit ihr umgehen soll. Seit dem Jahr 2005 haben die Betreiber die Flüssigkeit nämlich über eine eigens angelegte Bohrung in tiefere Bereiche des Bergwerks rauschen lassen, auf 925 Meter. Zunächst führte ein Schlauch zum Bohrloch in die Tiefe, später wurden 1000-Liter-Kunsstoffbehälter und ein Radlader zum Transport verwendet.
Dubios ist allerdings die Rechtsgrundlage für diese Aktion, die unlängst vom Niedersächsischen Umweltministerium gestoppt wurde. Das Helmholtz-Zentrum erklärt, man habe stets mit Zustimmung des Bergamtes gehandelt. Allerdings trägt dessen Genehmigung ("Sonderbetriebsplan Nr.18/2007"), die SPIEGEL ONLINE vorliegt, das Datum vom 3. März dieses Jahres. Die rechtlichen Umstände würden derzeit geklärt, heißt es aus dem Bergamt. Genaueres könne man derzeit nicht sagen. Die Asse-Gegner sind sauer. Udo Dettmann fordert, dass die strahlende Lauge in Fässer gefüllt und zurück an die Erdoberfläche gebracht wird. "Warum soll ich mit Atommüll aus der Asse anders umgehen als mit anderem deutschen Atommüll?"
Geplante Flutung würde Fässer zerstören
Derzeit sucht eine Expertengruppe nach Lösungen. Das Helmholtz-Zentrum würde die gesamte Grube am liebsten mit einer Magnesiumchloridlösung fluten, einem sogenannten Schutzfluid. "Wir sehen dazu keine Alternative", sagt Annette Parlitz zu dem knapp eine Milliarde Euro teuren Plan. Umweltschützer warnen davor, dass eine Flutung endgültig wäre, weil die salzige Flüssigkeit die Fässer auflösen würde. Gleichzeitig sei überhaupt nicht geklärt, ob die strahlende Suppe dauerhaft von der Biosphäre abgeschlossen wäre - oder ob nicht doch Radionuklide ins Trinkwasser und die Atmosphäre vagabundieren würden.
Deswegen, so sagen Aktivisten wie Dettmann und Wiege, sollten andere Konzepte zum Zuge kommen: Zum Beispiel ließe sich die gesamte Grube unter einen Druck von 80 Bar setzen, um einen Kollaps zu vermeiden. Oder, und das sei noch besser, man bringe den gesamten Müll der Asse wieder ans Tageslicht. Kostenpunkt: drei bis vier Milliarden Euro, so schätzt das Helmholtz-Zentrum.
Umstritten ist, wie viel Zeit für Überlegungen zur Zukunft des Endlagers eigentlich bleibt, denn der Berg bröckelt. Das Helmholtz-Zentrum mahnt zur Eile und verweist auf die Salzwasserzuflüsse. Für eine Standfestigkeit der Grube könne man nur bis zum Jahr 2014 garantieren, die Entfernung des eingelagerten Mülls würde schlicht zu lange dauern. "Die dafür nötigen 40 Jahre haben wir nicht", sagt Annette Parlitz.
"Ich glaube nicht, dass der Druck des Betreibers gerechtfertigt ist", kontert Heike Wiegel. Seit 20 Jahren gebe es dieselben Mengen an Laugezuflüssen, nichts habe sich geändert. Man müsse verhindern, dass die Asse in aller Eile zugeschüttet werde - nicht zuletzt wegen ihrer Präzedenzwirkung: "Wenn ich aus den Fehlern der Asse nicht lerne, dann fahre ich auch Morsleben und Gorleben vor die Wand", warnt Udo Dettmann.
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