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08.09.2009
 
US-Schulpolitik
Obama will Streber fürs Vaterland
Von Gregor Peter Schmitz, Washington
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Es wird eine präsidiale Lehrstunde: In einer Rede will Barack Obama an diesem Dienstag Amerikas Schüler zum Lernen anspornen - für "Familie und Land". Doch kritische Eltern und Republikaner wittern sozialistische Indoktrinierung wehrloser Kinder und drohen mit Boykott.
Amerikaner wünschen sich ihren Präsidenten immer auch als eine Art Lehrer - und kaum einem Bewohner des Weißen Hauses ist die Rolle so auf den Leib geschneidert wie Barack Obama. Der Demokrat hat einst als Dozent für Verfassungsrecht an der Universität von Chicago gewirkt. Als im Wahlkampf seine Hautfarbe zum Thema wurde, hielt Obama dazu eine einstündige komplexe Rede, die wie ein Uni-Seminar aufgebaut war. US-Bildungsexperten sprechen schon vom "Obama-Phänomen", einem Schulleistungssprung gerade bei schwarzen Jugendlichen, welche die Wahl eines gut ausgebildeten Afro-Amerikaners ins Weiße Haus zum Lernen anspornt.
Eigentlich passend also, dass der Präsident Amerikas Schüler am ersten Schultag nach den Sommerferien persönlich begrüßen will. Obama wird an diesem Dienstag um 12 Uhr (Ortszeit) in der Wakefield High School in Arlington, Virginia, vor Schülern eine knapp zwanzig Minuten lange Ansprache halten, via Internet soll die Rede an Klassen im ganzen Land übertragen werden.
Obama-Gegner warnen vor Gehirnwäsche
Doch längst nicht alle US-Schüler werden die Präsidentenworte hören. Viele Schulen übertragen Obamas Ansprache nicht - oder stellen ihren Zöglingen ausdrücklich frei, ob sie lauschen möchten oder nicht. Dafür sorgten Proteste von Kritikern, die in der Rede politische Indoktrinierung junger beeinflussbarer Menschen witterten. "Er soll nicht sein Amt missbrauchen, um sozialistische Propaganda zu verbreiten", schäumte der Republikaner-Chef in Florida, Jim Greer. Ein rechter Radiomoderator verglich Obamas Schulauftritt mit der Gehirnwäsche der Hitler-Jugend. Insbesondere im konservativen Texas drohten Eltern, sie würden ihre Kinder notfalls am Redetag gar nicht zur Schule gehen lassen. "Ich will nicht, dass der Präsident vor meinen Kindern eine politische Rede hält", schimpft Brett Curtis aus Pearland, Texas, in der Zeitung "USA Today". "Das ist einfach falsch."
Besonders empörte Kritiker ein Vorschlag des Weißen Hauses, Schüler sollten in einem Brief festhalten, wie sie dem Präsidenten bei seiner Arbeit helfen könnten. Dies sei eine Anleitung unschuldiger Jugendlicher zur politischen Unterstützung des Demokraten. Diese Vorgabe sei unglücklich formuliert gewesen, gab das Weiße Haus rasch zu. Nun sollen die Schüler lieber Briefe über ihre persönlichen Ziele verfassen.
Reagan nannte Steuern in seiner Schulrede eine Strafe
Zwar betonte Obamas Bildungsminister Arne Duncan, die Aufregung um die Rede sei "albern", der Präsident wolle einfach die Bedeutung von Bildung und hartem Lernen betonen - genau wie es der ehemalige republikanische Präsident George H. W. Bush 1991 in einer Live-Ansprache an Schüler getan habe. Drei Jahre zuvor beglückte Ronald Reagan Schüler gar mit politischen Botschaften: Er sagte, Steuern seien eine Strafe, weil die Leute so viel an die Regierung zahlen müssen.
Doch das Weiße Haus kann in einer Zeit, da Obamas Umfragewerte fallen und er am kommenden Mittwoch vor dem Kongress für seine umkämpfte Gesundheitsreform werben muss, keine Kontroverse gebrauchen. Daher veröffentlichte das Weiße Haus als Friedensangebot den Text vorsorglich schon am Montag, um Skeptikern genügend Zeit zur sorgfältigen Lektüre zu geben.
Wer die Ansprache studiert, kann die ganze Aufregung nicht so recht verstehen. Obamas Bemerkungen lesen sich statt einer Einführung in den Sozialismus eher wie eine Aufforderung zu mehr Eigenverantwortung. "Wir können die hingebungsvollsten Eltern, die besten Schulen der ganzen Welt haben", warnt der Präsident. "All das wird keine Rolle spielen, wenn Ihr nicht Eurer Verantwortung gerecht werdet: wenn Ihr nicht zur Schule kommt, den Lehrern nicht zuhört, nicht auf Eure Eltern, Großeltern und andere Erwachsene hört und nicht die harte Arbeit tut, die man zum Erfolg braucht."
"Macht uns stolz, ich weiß, Ihr könnt es schaffen"
Obama erinnert die Schüler daran, wie seine alleinerziehende Mutter ihn frühmorgens vor der Schule extra lernen ließ, wie die Eltern seiner Frau Michelle nicht aufs College gegangen waren, aber alles opferten, um sie auf die besten Schulen gehen zu lassen. Wie er selbst als junger Mann bisweilen nicht recht wusste, was er wollte - aber ihn Bildung auf den rechten Weg führte. Und er fordert: "Ich erwarte große Dinge von jedem von Euch. Lasst uns nicht hängen, und auch nicht Eure Familie oder Euer Land. Macht uns stolz. Ich weiß, Ihr könnt das schaffen."
Statt nach Indoktrinierung klingt das eher nach einer präsidialen Motivationsrede im Stil eines John F. Kennedy und dessen Botschaft: "Frag nicht, was Dein Land für Dich tun kann. Frag, was Du für Dein Land tun kannst." Manche Gegner zeigten sich nach der Lektüre daher auch versöhnt. "Es ist eine gute Rede, sie betont die Bedeutung von Bildung. Meine Kinder lasse ich sie sehen", gab Obama-Kritiker Jim Greer klein bei, der den Präsidenten zuvor einen Marxisten genannt hatte.
Nun droht dem Präsidenten nur noch eine Gefahr: Zwar schneiderte der gewiefte Redner Obama seine Rede mit Referenzen an Harry Potter oder Basketball-Helden Michael Jordan gewieft auf eine junge Zielgruppe zu. Dennoch muss der 48 Jahre Präsident fürchten, wovon jeder ganz gewöhnliche Lehrer ein Lied singen kann, gerade am ersten Schultag nach den Ferien: Dass die Kids seine Motivationsrede einfach nicht richtig cool finden.
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