SPIEGEL ONLINE
13.11.2009
 
Rockerkriminalität
"Wir sind im Krieg"
Aus Duisburg berichtet Jörg Diehl
Todesschüsse auf offener Straße, Schlägereien, Handgranatenattacken - die Gewaltexzesse von Hells Angels und Bandidos fordern den Rechtsstaat heraus. Jetzt wollen die Rocker sich selbst auch noch groß feiern: Die Polizei ist alarmiert.
Duisburg - Die Bandidos müssen scherzen, lachen, trinken, obwohl sie derzeit wirklich keine gute Laune haben können: Einer ihrer "Brüder" ist auf offener Straße erschossen worden, ein Hells Angel soll der Mörder sein. Wochen später versuchten die als "Angler" verhöhnten Rivalen auch noch, das Duisburger Clubhaus der Bandidos zu stürmen. Und zuletzt rückte die Polizei den Rockern mit Razzien und Personenkontrollen auf die Pelle. "Wir sind echt genervt", sagt ein "Bandit" SPIEGEL ONLINE.
Dennoch: Der Partytermin am Samstagabend steht seit langer Zeit fest. Und eine Absage des Festes im nordrhein-westfälischen Schwerte zum angeblich zehnjährigen Bestehen ihrer Deutschland-Abteilung käme in der Bandido-Logik einem Gesichtsverlust gleich. Deshalb werden die Rocker feiern, was das Zeug hält, und sich vor dem Großaufgebot der Polizei, der Presse und ihren zahlreichen Bewunderern gelassen geben. Doch es gärt in ihnen.
"Die Szene ist nervös", sagt einer aus dem Umfeld der "Banditen", der anonym bleiben will. "Das ist längst kein Spiel mehr, wir sind im Krieg." Er selbst fahre inzwischen die Straße, in der er wohne, mehrfach ab, ehe er aus seinem Wagen steige. "Ich habe keine Lust, einem Rollkommando der anderen in die Hände zu fallen." Er sei vorbereitet für kommende Auseinandersetzungen, doch einige seiner "Brüder" versuchten bereits, den Club zu verlassen. "Vor allem die mit Familien."
FOTOSTRECKE
Vielleicht erzählt man sich deshalb in seinen Kreisen gerade eine ganz eigene Version vom Tod des Bandidos Rudi Heinz Eschli E., 32, der Anfang Oktober in Duisburg erschossen wurde, laut Ermittlern im Streit um eine Frau.
Bei den Bandidos kursiert jedoch das Gerücht, Eschli habe während des Münsteraner Rockerprozesses 2007 einen führenden deutschen "Höllengel" mit einer abfälligen Geste beleidigt. Sein gewaltsamer Tod sei letztlich die Quittung für diese Unverschämtheit gewesen.
Es ist eine überaus gewagte These, für die es keinerlei Bestätigung gibt und die von erfahrenen Ermittlern sogar bestritten wird, die aber trotzdem womöglich die rasende Wut der Bandidos zu erklären vermag. Denn die Rocker, die nicht nur in Nordrhein-Westfalen ihr Personal zuletzt deutlich aufgestockt haben, glauben fest daran, von den Hells Angels zunehmend unter Druck gesetzt zu werden. Eine tödliche Abreibung für ihren forschen Freund Eschli passt da genau ins Bild.
Vielleicht geht es also darum, die Bandido-Reihen mit dieser düsteren Theorie zu schließen und das Feindbild zu stärken? Oder aber die Gesetzlosen kennen ihre Welt einfach erheblich besser, als die Gesetzesvertreter es tun.
Die Ermittler gehen von einer Beziehungstat aus
Die Staatsanwaltschaft Duisburg, die den Tod des Bandidos aufklären muss, vermutet hingegen weiterhin eine Beziehungstat. Demnach war der mutmaßliche Todesschütze Timur A., 32, mit Eschlis Partnerin liiert, bis die junge Frau ihn für den Rockerrivalen verließ. Die Bandidos bezweifeln das. "Der hatte schon seit Jahren keine Freundin mehr", behauptet einer.
Die 24-jährige L., die sich inzwischen in einem Zeugenschutzprogramm befindet, hatte sich nach Angaben der Ermittlungsbehörde vor den tödlichen Schüssen in der Nähe des Tatorts mit ihrem Ex-Freund Timur A. verabredet, um ihm seinen Wohnungsschlüssel zurückzugeben.
Suchte er anschließend die direkte Konfrontation mit seinem Widersacher?
Selbst die, die um Eschli trauern, beschreiben den zur Schalker "Gelsen-Szene" zählenden Hooligan, der von der Polizei als "Gewalttäter Sport" geführt wurde, als unüberlegt handelnden "Hitzkopf". Sie wollen nicht ausschließen, dass er den wahrscheinlich bewaffneten Hells Angel Timur A., der sich bereits kurz nach der Tat gestellt hatte, noch provoziert haben könnte: "Eschli kannte einfach keine Angst."
E. und sein mutmaßlicher Mörder - ein sportlich nicht besonders erfolgreicher Free-Fighter, der auch im Duisburger Milieu gearbeitet haben soll - bekriegten sich im Internet schon vor ihrer letzten, verhängnisvollen Begegnung. Die Einträge sind jedoch inzwischen gelöscht. "Es ging dabei nicht bloß um eine Frau", will ein Bandido-Sympathisant wissen.
Streitigkeiten um Reviere
Auch das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt (LKA) vermutet hinter den meisten Auseinandersetzungen von Hells Angels und Bandidos Streitigkeiten um Gebietsansprüche. Es gehe darum, "wer das Sagen hat in einem bestimmten Bereich", so der Abteilungsleiter für Organisierte Kriminalität, Thomas Jungbluth, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.
Die streng hierarchisch organisierten Rockerclubs versuchten, mit großer Brutalität ihre Reviere im Rotlicht und in der Türsteherszene abzustecken, sagt der Leitende Kriminaldirektor. Die Hells Angels hingegen teilten dazu schriftlich mit, "sämtliche Mutmaßungen (…), dass die Konflikte (…) auf Konkurrenzkämpfen z. B. im Drogenmilieu gründen", entbehrten jeglicher Grundlage.
"Der Angriff der Hells Angels verlief geplant"
Doch die "Höllenengel" bemühen sich nicht nur um eine zunehmend professionelle Pressearbeit, sie machten auch bei der Massenkeilerei am Abend des 31. Oktober im Duisburger Rotlichtviertel eine gute Figur, wie die zunächst deutlich überforderten Streifenpolizisten staunend beobachteten. "Der Angriff der Hells Angels verlief geplant und geordnet. Er war genau vorbereitet", heißt es in einem Protokoll, das SPIEGEL ONLINE vorliegt.
"Bei der Anfahrt von der L 60 (…) verließen sie gleichzeitig die Fahrzeuge und griffen gezielt nach fernmündlicher Koordination des Anführers das 'Fat Mexican' an", notierte ein Polizeihauptkommissar noch in der Nacht. "Es handelte sich eindeutig nicht um eine spontane Aktion." Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ritt die Abteilung Attacke von einer Hells-Angels-Feier aus Köln ein, der Sturmtruppe sollen aber auch "Höllengel" aus Niedersachsen und Brandenburg angehört haben.
Vor einem solchen Auftritt graut der Polizei nun auch an diesem Samstagabend, weshalb sie in Schwerte aufbieten will, was die chronisch dünne Personaldecke noch hergibt. "Wir werden uns sehr intensiv um die Veranstaltung kümmern", kündigt LKA-Ermittler Jungbluth an.
Ein Dortmunder Kriminalhauptkommissar, in dessen Zuständigkeit das inzwischen verlagerte Rockertreffen zunächst gefallen war, sagte SPIEGEL ONLINE: "Wir sind wirklich sehr froh, dass die Bandidos nicht bei uns in der Stadt feiern werden."
 
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