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15.03.2010
 
Missbrauchsskandal
Vatikan geißelt Kritik an Papst als "Barbarei"
REUTERS
Der Druck auf den Papst wird größer: Politik und Gläubige fordern eine Stellungnahme zum Missbrauchsskandal in Deutschland. Nun hat der Vatikan Kritik an Benedikt XVI. scharf verurteilt und eine Erklärung des Kirchenoberhaupts angekündigt - zu alten Vorfällen in Irland.
Hamburg - Seit Wochen schlägt der Skandal um sexuellen Missbrauch an katholischen Schulen in Deutschland immer höhere Wellen. Am vergangenen Freitag war bekanntgeworden, dass in Joseph Ratzingers Amtszeit als Münchner Erzbischof (1977 bis 1982) ein Priester nach Missbrauchsvorwürfen von Essen nach München versetzt worden war und sich in Bayern erneut an minderjährigen Jungen vergangen hatte.
Doch der Papst schweigt - und gerät zunehmend in die Kritik.
"Das beschäftigt die Menschen, ob sie gläubig sind oder nicht, und der Heilige Vater sollte sich dazu äußern", forderte der Vorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), Dirk Tänzler. Die Kirche in Deutschland stecke in einer ihrer tiefsten Sinnkrisen seit 1945.
Die katholische Reformbewegung "Wir sind Kirche" kritisierte, dass sich Papst Benedikt XVI. auch beim Angelus-Gebet nicht zu den jüngsten Missbrauchsfällen geäußert hat. "Viele kirchentreue Katholiken bedauern es, dass Benedikt XVI. nicht einmal ein kleines Wort des Mitgefühls geäußert hat", sagte Vorstandsmitglied Christian Weisner der Münchner Zeitung "tz". Offenbar habe das Kirchenoberhaupt "das wahre Ausmaß der Verunsicherung nicht wahrgenommen".
Am Sonntag hatte der Papst beim Angelus-Gebet in Rom die Gelegenheit verstreichen lassen, auf den Skandal einzugehen. Dabei kommentiert er dort sonst durchaus aktuelle Themen. Nach einer Krisenaudienz mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, war am Freitag lediglich an die Öffentlichkeit gedrungen, dass Benedikt sehr erschüttert sei.
Auch die Politik findet inzwischen deutliche Worte: Nach Ansicht von Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse ist die Vertrauenswürdigkeit der Kirche schwer beschädigt. Der SPD-Politiker, der auch Mitglied im Zentralkomitee der Katholiken ist, forderte "mehr Ehrlichkeit der Kirche". Das gelte auch für den Papst, mahnte Thierse im ARD-"Morgenmagazin".
Papst sitzt "nicht in einem Elfenbeinturm"
Am Montag kündigte der Vatikan nun eine Erklärung des Papstes an. Benedikt XVI. werde sein Schweigen brechen und schon bald klare Maßnahmen bekanntgeben, sagte der Chef der päpstlichen Akademie für das Leben, Erzbischof Rino Fisichella, dem Mailänder "Corriere della Sera". Doch die Form der geplanten Erklärung lässt viele Kritiker aufhorchen: Der Papst will sich in einem Hirtenbrief an die irischen Bischöfe äußern - also in einem schon lange bekannten Skandal. Von Deutschland ist nicht explizit die Rede.
Schon im November war in Irland ein Untersuchungsbericht veröffentlicht worden, der katholischen Würdenträgern der Erzdiözese Dublin vorwirft, über Jahrzehnte Vergewaltigungen und Misshandlungen von Kindern durch Geistliche verschwiegen zu haben. Im Dezember hatte der Papst die Missbrauchsfälle in Irland als "abscheuliche Verbrechen" verurteilt - und schon damals einen Hirtenbrief zu dem Skandal angekündigt.
Fisichella verteidigte Benedikt XVI.: Der Papst sitze hinsichtlich der bekanntgewordenen Missbrauchsfälle "nicht in einem Elfenbeinturm". Das Oberhaupt der katholischen Kirche sei im Gegenteil eine "klar denkende Persönlichkeit", die die nötigen Maßnahmen bei der Auswahl der Kandidaten für die Priesterweihe ergreifen könne. Das bisherige Schweigen des Kirchenoberhaupts sei auf die "Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit" des Pontifex zurückzuführen, mit der dieser sich ein Bild der Lage mache. "Den Papst und die gesamte Kirche in die Missbrauchsskandale hineinziehen zu wollen ist ein Zeichen von Gewalt und Barbarei", kritisierte Fisichella. "Die Geschichte Benedikts, sein Leben und seine Schriften sprechen für ihn."
Merkel zufrieden mit bisherigen Botschaften aus dem Vatikan
Etwaige neue Maßnahmen bei der Auswahl der Priester könnten sich an den Erfahrungen und Lehren der USA orientieren, die diese aus ihren eigenen Missbrauchsfällen gezogen hätten, sagte der Erzbischof der Zeitung. Er habe bei der Auswahl für die Priesterweihe eine "achtsame Urteilsfähigkeit" in den USA beobachtet, nachdem dort die Kirche ebenfalls von Missbrauchsfällen erschüttert worden war. Fisichella verteidigte zudem den Zölibat: Der Eheverzicht sei eine "freie Wahl der Hingabe und der Liebe zur Kirche".
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bewertet das Verhalten des Papstes als Unterstützung für die deutschen Bischöfe. "Die Bundeskanzlerin begrüßt, dass der Heilige Vater die Notwendigkeit einer vollständigen Aufklärung dieser abscheulichen Taten ausdrücklich unterstrichen hat", sagte der stellvertretende Regierungssprecher Christoph Steegmans am Montag in Berlin. Für die Bundesregierung sei es ein gutes Zeichen, dass die Bemühungen der katholischen Kirche und des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, "ausdrücklich die Rückendeckung des Vatikans haben". Die Regierung sei zufrieden mit dem, was Zollitsch an Botschaften aus dem Vatikan mitgebracht habe.
Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees deutscher Katholiken (ZdK), wies Forderungen zurück, das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche müsse sich öffentlich zu den Missbrauchsfällen in Deutschland äußern. "Wir haben es hier mit einem hausgemachten Problem unserer Kirche in Deutschland zu tun", sagte Glück der "Passauer Neuen Presse". Wenn die Verantwortlichen der katholischen Kirche in Deutschland ihrer Pflicht zur Aufarbeitung nicht gerecht würden, wäre es Sache des Papstes, sich einzuschalten. "Aber ich sehe nicht, dass das notwendig wäre", sagte Glück.
Irisches Kirchenoberhaupt lehnt Rücktritt ab
Für Aufregung sorgt unterdessen auch das Oberhaupt der katholischen Kirche in Irland. Kardinal Sean Brady, der Vorsitzende der irischen Bischofskonferenz, der in der Debatte um Vertuschung von Kindesmissbrauch stark unter Druck geraten ist, lehnt einen Rücktritt ab. Nur der Papst könne ihn zu solch einem Schritt bewegen, sagte Brady am Montag.
Brady soll in den siebziger Jahren als Priester dabei gewesen sein, als zwei von dem Geistlichen Brendan Smyth missbrauchte Kinder in der Diözese Kilmore dazu gebracht wurden, ein Schweigegelübde abzulegen. Opferverbände werfen dem Kardinal vor, dass er den Missbrauch nicht der Polizei gemeldet hatte und Smyth sich so weiter an Kindern vergehen konnte.
Smyth wurde in den neunziger Jahren wegen des Missbrauchs von 20 Kindern in einem Zeitraum von 40 Jahren verurteilt. Die irische Regierung war über dem Fall zusammengebrochen. Smyth starb 1997 im Gefängnis.
Kardinal Brady verteidigte sich, er habe Beweise für die Kirche gesammelt, damit Smyth nicht mehr als Priester arbeiten konnte. Die Verantwortung für den Fall habe dann aber nicht mehr bei ihm gelegen. "Ich weiß, dass das Verbrechen waren, aber ich habe es nicht als meine Verantwortung angesehen, Smyth' Taten der Polizei zu melden", sagte er. Er sei an keiner Vertuschung beteiligt gewesen.
Gleichzeitig räumte er Fehler ein: "Im Nachhinein weiß ich, dass ich mehr hätte tun sollen. Aber damals habe ich gedacht, alles zu tun, wozu ich aufgefordert war." Damals habe es in der Gesellschaft eine "Kultur des Schweigens" gegeben.
Ein Opferverband forderte den Kardinal zum Rücktritt auf. Missbrauchsopfer Marie Collins sagte, Brady habe seine moralische Glaubwürdigkeit verloren: "Er wusste 1975, dass Brendan Smyth ein Kinderschänder war, aber hat die nächsten 20 Jahre geschwiegen."
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