SPIEGEL ONLINE
16.03.2010
 
Katholische Kirche
"Der Zölibat ist eine Fiktion"
Von Annette Langer
Berlin und Hamburg, St. Blasien und Bonn, Ettal und Regensburg: Immer neue Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen werden bekannt - und die Fragen nach dem Sinn des Zölibats lauter. Doch der Vatikan reagiert mit Verschwörungstheorien.
Hamburg - Es gibt Momente, in denen man Joseph Ratzinger geradezu beneidet - um seine Fähigkeit, in eine Art Automatismus zu verfallen und nur noch der inneren Uhr und seiner Agenda zu folgen.
Seelenruhig sprach Papst Benedikt XVI. am Sonntagabend vor der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rom - über die Ökumene und die bedauerlichen Teilungen innerhalb der beiden großen christlichen Kirchen. Zu diesem Zeitpunkt war draußen in der Welt buchstäblich die Hölle los.
Beinahe täglich sorgen Meldungen über bisher verschwiegene Missbrauchsfälle in katholischen Ausbildungszentren in Berlin, Hamburg, St. Blasien, Bonn, Ettal oder Regensburg für Empörung - dann stand der Pontifex selbst im Zentrum der Kritik: Als Ratzinger noch Erzbischof von München-Freising war, wurde ein Priester wegen Missbrauchsvorwürfen in die bayerische Landeshauptstadt versetzt. Später belästigte dieser in Grafing erneut Minderjährige. Ratzinger wird vorgeworfen, nicht interveniert zu haben.
Benedikts Bruder, der ehemalige Chorchef der Regensburger Domspatzen Georg Ratzinger, soll laut SPIEGEL-Informationen nicht nur minderjährige Sängerknaben geohrfeigt, sondern auch mit Stühlen um sich geworfen, überhaupt ein "extrem cholerisches und jähzorniges" Verhalten an den Tag gelegt haben.
"Der Heilige Vater lässt sich nicht einschüchtern"
Ein Image-Gau, auf den jeder halbwegs begabte Politiker mit einer Stellungnahme reagieren würde. Nicht so Benedikt XVI. Er schweigt und schickt seine Mannen vor. Vatikansprecher Federico Lombardi protestierte, witterte sogleich "eine gewisse aggressive Beharrlichkeit", mit der man dem Papst zu Leibe rücke - ohne Erfolg, wie er trotzig versicherte.
Es sei unzivilisiert und sinnlos, den Papst auf diese Weise anzugreifen, schimpfte Erzbischof Rino Fisichella im Interview mit dem "Corriere della sera": "Der Heilige Vater lässt sich nicht einschüchtern." Die von Benedikt XVI. gewollte Nulltoleranz gegenüber Sexualstraftätern sei "keine Option, sondern einen moralische Verpflichtung", betonte der Geistliche.
Benedikt XVI. werde schon bald sein Schweigen brechen, in einem Hirtenbrief konkrete Maßnahmen bekanntgeben, kündigte der Leiter der päpstlichen Akademie für das Leben an. Als Beispiel nannte der Erzbischof eine "aufmerksamere Auswahl der Kandidaten für das Priesteramt". Nach welchen zusätzlichen Kriterien dabei ausgesucht werde, blieb sein Geheimnis.
Im benachbarten Österreich gibt man sich da schon etwas auskunftsfreudiger: Der Sprecher der Erzdiözese Wien sagte SPIEGEL ONLINE, in den vergangenen 15 Jahren habe es hier drastische Verbesserungen gegeben. Man sehe sich die Kandidaten für das Priesteramt inzwischen sehr genau an: "Der Aspekt der psychosexuellen Gesundheit spielt dabei eine große Rolle", so Erich Leitenberger. Im letzten Jahr der Priesterausbildung behandelten zwei Fachleute der Diözese explizit die Themen "sexueller Missbrauch" sowie "Nähe und Distanz in pastoralen Beziehungen".
Dass in Deutschland derart "verschärfte" Zulassungsbestimmungen mit Applaus aufgenommen würden, darf bezweifelt werden - denn der Priestermangel ist hierzulande so groß, dass die Kirche froh sein muss über jeden Anwärter. Zwar wächst die Zahl der Katholiken weltweit - die der Geistlichen allerdings nicht. "Das Betreuungsverhältnis ist schon jetzt denkbar schlecht", sagt Christian Weisner von der Initiative "Wir sind Kirche".
Rigoros im Kampf gegen den Schmutz
Der Bischof der Piemonteser Provinz Alessandria betonte in der Vatikan-Zeitung "Osservatore Romano", dass Benedikt XVI. rigoros gegen den "Schmutz in der Kirche" vorgehe. Der Papst sei "ein Hirte, der aufmerksam über seine Herde wacht", so Giuseppe Versaldi. Man dürfe nicht vergessen, dass gerade Ratzinger als ehemaliger Präfekt der Glaubenskongregation die Fälle von Missbrauch in der Kirche genau verfolgt habe, die eben dort angezeigt wurden.
Von 3000 mutmaßlichen sexuellen Übergriffen in seiner neunjährigen Amtszeit berichtete der Monsignor Charles Scicluna von der Glaubenskongregation der Zeitung "Avvenire". Nur bei einem Zehntel der Fälle habe es sich um Pädophilie "im eigentlichen Sinne" gehandelt. Etwa 300 Priester seien in dem Zeitraum wegen Kindesmissbrauchs angeklagt worden.
Tatsächlich scheinen die täglich eintreffenden Meldungen weiterer innerkirchlicher Schandtaten - zumindest was die Masse betrifft - einen falschen Eindruck zu vermitteln. Der Hannoveraner Kriminologe Christian Pfeiffer sagte der "Süddeutschen Zeitung" am Montag, dass in etwa 138.000 deutschen Missbrauchsfällen zwischen 1995 und 2009 nur 0,1 Prozent der mutmaßlichen Täter Priester gewesen seien. Sein Fazit: "Die katholische Kirche hat gegenwärtig kein primär quantitatives, sondern vor allem ein qualitatives Problem."
Letzteres könnte langfristig dabei helfen, überkommene Strukturen durch zeitgemäße zu ersetzen - so der Wille dazu da ist. Doch wird sich die in Bedrängnis geratene katholische Kirche auch tatsächlich in Bewegung setzen - oder wie gehabt in ihrem eigenen Macht- und Zeitvakuum den Sturm aussitzen?
Zölibat auf der Kippe?
Noch am Freitag hatte der Papst betont, dass der Zölibat "ein heiliger Wert" sei, "ein großes Geschenk", das bewahrt werden müsse. Die römische "Repubblica" orakelte am selben Tag, dass es nach den Missbrauchsskandalen im Vatikan bereits konkrete Bestrebungen gebe, den Zölibat langfristig - soll heißen in den kommenden Jahrzehnten - zu kippen. Vertreter der Kongregation für den Klerus seien bereits mit einer "hochgeheimen" Untersuchung unter Leitung von Monsignor Claudio Hummes beauftragt worden, schreibt das Blatt. Hummes hatte 2006 behauptet: "Der Zölibat ist kein Dogma" - dies aber später nie wiederholt.
Auch der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke und der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, stellten am Wochenende die Pflicht zum Zölibat in Frage. Jaschke plädierte im "Hamburger Abendblatt" dafür, katholischen Priestern die Ehe zu erlauben. Eine Co-Existenz von Zölibat und verheirateten Geistlichen sollte möglich sein.
Der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn hatte die Diskussion ins Rollen gebracht, als er erklärte, man müsse nach den Ursachen sexuellen Missbrauchs in der Kirche fragen: Dazu gehöre der Zölibat ebenso wie das Thema Persönlichkeitsentwicklung und "eine große Portion Ehrlichkeit, in der Kirche, aber auch in der Gesellschaft", schrieb Schönborn.
Der Kardinal betonte, es gehe darum, "den zölibatären Lebensentwurf ehrlich zu leben". Allein mit der Ehrlichkeit ist das so eine Sache: "Der Zölibat ist eine Fiktion, weil ihn die meisten Geistlichen vermutlich nicht leben", sagt Christian Weisner von der Initiative "Wir sind Kirche". Manche schätzten, dass ein Drittel der Priester Beziehungen zu Frauen, ein weiteres Drittel zu Männern unterhalte. "Vermutlich lebt also nur ein Drittel den Zölibat wirklich", so Weisner.
Der Grund? "Der Zölibat ist von Männern erdacht, er ist frauenfeindlich und führt dazu, dass junge Menschen aufgrund so vieler Denk-Tabus keine psycho-sexuelle Reife erlangen können."
Experten wie der Psychiater Klaus Beier vom Institut für Sexualwissenschaften an der Berliner Charité sind der Meinung, dass der Zölibat besonders jene Menschen anzieht, die ohnehin mit einer konfliktbeladenen Sexualität zu kämpfen haben. In der Kirche seien solche Menschen vor Fragen nach einer Freundin oder Familie geschützt und erführen zudem hohe gesellschaftliche Anerkennung: "Für die mir bekannten Geistlichen war das auf jeden Fall ein Grund, Priester zu werden. Die haben aus der Not eine Tugend gemacht."
Aber nicht nur der Missbrauch, auch die mangelnde Beziehungsfähigkeit der Priester, ihr rein theoretisches Wissen um Familie und Erziehung ist offenbar ein Problem. "Während es in den Klöstern noch eine Gemeinschaft gibt, die den Geistlichen auffängt, sind sie in den Gemeinden oft Einzelkämpfer und Manager", sagt Weisner von "Wir sind Kirche".
"Längst im Transformationsprozess"
Immer wieder wurde der Zölibat in der Kirchengeschichte in Frage gestellt. Eingeführt wurde die Ehelosigkeit der Priester keineswegs nur aus theologischen, sondern ganz pragmatischen Gründen. Ausgerechnet Ratzingers Namensvetter Benedikt VIII. hatte den Zölibat 1022 verfügt, vor allem aus erbrechtlichen Motiven, um zu verhindern, dass beim Tode eines Geistlichen das Kirchenvermögen oder das Amt an Familienangehörige übergeht.
In den vergangenen 40 Jahren wurde bei Weltbischofssynoden zweimal über die Frage abgestimmt, ob auch "bewährte verheiratete Männer" (viri probati) zur Priesterweihe zugelassen werden sollten. Beide Male blieben die Befürworter in der Minderheit.
Unter den katholischen Gläubigen hingegen ist die Zustimmung für eine Aufhebung des Pflichtzölibats ausgesprochen groß: Laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts "Polis" aus dem Jahr 2005 sind 78 Prozent der deutschen Katholiken für eine Lockerung des Ehe- und Sexverbots für Priester.
"Wir befinden uns längst in einem Transformationsprozess", sagt Weisner. "Es gibt viele ausgebildete Theologinnen und Theologen, die in der katholischen Kirche arbeiten ohne Priester zu sein." Sie dürften aber nur bestimmte Aufgaben übernehmen und müssten bei Verstößen mit Sanktionen rechnen.
So kapriziös sich die katholische Kirche in der Frage um die Ehelosigkeit ihrer Priester gebärdet, so einfach könnte Benedikt XVI. laut Weisner die Diskussion beenden: "Die Ehelosigkeit ist aus der Bibel schwer abzuleiten und nur eine kirchenrechtliche Bestimmung, die jeder Papst mit einer Unterschrift kippen kann."
 
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