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16.03.2010
 
Missbrauchsskandal
Aufklärer Ackermann prangert Vertuschung in katholischer Kirche an
DPA
"Falsche Rücksichten", "mangelnder Aufklärungswille", "Vertuschung": Der Beauftragte der Katholischen Kirche, Ackermann, hat ungewöhnlich deutlich die Probleme bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen angesprochen. Einen Zusammenhang zwischen Zölibat und sexuellem Vergehen sieht er nicht.
Mainz - Stephan Ackermann, 46, Bischof aus Trier spricht Klartext. "Aus unseren Erkenntnissen heraus, die wir nun haben, hat es Vertuschung gegeben. Das müssen wir heute schmerzlich zur Kenntnis nehmen", sagte der Beauftragte der katholischen Kirche zur Aufklärung von sexuellem Missbrauch der "Rhein-Zeitung".
"Wir haben falsche Rücksichten genommen. Falsche Rücksichten auf den Ruf der Kirche, auf bestimmte Institutionen, auf den Ansehensverlust", sagte Ackermann. Wo kein wirklicher Aufklärungswille vorhanden gewesen sei "und Täter einfach nur versetzt wurden, müssen wir in einer ganzen Reihe von Fällen gestehen, dass vertuscht worden ist".
Seit Wochen werden in Deutschland und Europa immer mehr Vorwürfe gegen katholische Einrichtungen und Priester bekannt. Der Kölner Kardinal Joachim Meisner sagte nach Angaben der Erzbischöflichen Pressestelle, er habe in seinen 48 Jahren als Priester noch nie eine so schwere Zeit für die Kirche erlebt.
Ackermann war Ende Februar von der Deutschen Bischofskonferenz mit der Aufklärung des Missbrauchsskandals beauftragt worden. Er sieht die Schuld für das Vertuschen allerdings nicht bei der Kirche als Institution, sondern vielmehr bei einzelnen Tätern und deren Vorgesetzten, die ihrer Verantwortung nicht gerecht wurden. "Einfach verkürzt zu sagen, es ist das System, wird der Angelegenheit nicht gerecht und würde die Täter in ungutem Maße entschuldigen."
Ackermann verteidigte zudem Papst Benedikt XVI. gegen die Kritik, sich bislang nicht zu den Missbrauchsfällen in Deutschland geäußert zu haben. "Man tut dem Papst Unrecht, wenn man den Eindruck erweckt, er wäre in dieser Frage nicht klar." Er verwies auf das Gespräch des Papstes mit dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, in dem Benedikt den Weg der Aufklärung bestärkt habe.
"Wir wollen uns nicht freikaufen"
Ackermann gab sich zuversichtlich, die Missbrauchsfälle nun zügig aufzuarbeiten. "Wir werden in diesem Jahr unsere Leitlinien überarbeitet und die Entschädigung geklärt haben." Neben einer finanziellen Unterstützung der Opfer müsse aus seiner Sicht die Anerkennung des Unrechts diesen Menschen auch gerecht werden. "Wir wollen uns nicht durch bestimmte Summen freikaufen", sagte der Bischof.
Einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Zölibat und den sexuellen Missbrauchsfällen sieht Ackermann jedoch nicht - dieser Zusammenhang war in Deutschland zuletzt stark diskutiert worden. "Eine sexuelle Störung liegt früher fest. Sie wird nicht durch ein Versprechen ausgelöst, das ein erwachsener Mann ablegt", sagte Ackermann.
Er sprach sich zwar für die Beibehaltung des Zölibats aus, betonte jedoch gleichzeitig, dass er kein "dogmatischer Glaubenssatz" sei. In der vergangenen Woche hatte der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn auch innerhalb der katholischen Kirche eine Diskussion über die umstrittene Enthaltsamkeit angestoßen.
Kardinal Meisner entsetzt über Missbrauchsfälle
Kardinal Meisner zeigte sich unterdessen entsetzt über die zahlreichen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. "Die Trauer, der Schmerz und auch der Zorn über das schreckliche Versagen von manchen Priestern und anderen Mitarbeitern machen mich fassungslos und trostlos", sagte der 76-Jährige der Erzbischöflichen Pressestelle zufolge.
Meisner schrieb in einem Brief an die Orden und geistlichen Gemeinschaften des Erzbistums: "Von innen und außen ist über unsere Kirche und das sind ja wir alle eine schwere Bedrängnis hereingebrochen." Er bat die Angeschriebenen um ein Gebet: "Beten wir für die Opfer von Missbrauch um Heilung ihrer Wunden! Beten wir für die Täter um Einsicht, Umkehr und Buße! Beten wir für die, die wegen dieser Geschehnisse an der Kirche Ärgernis nehmen!"
Benediktiner-Mönch zeigt sich selbst an
Im nordrhein-westfälischen Meschede im Sauerland erstattete ein Benediktiner-Mönch der Abtei Königsmünster Selbstanzeige wegen sexuellen Missbrauchs. Die Vorwürfe bezögen sich auf Vorfälle bis zum Ende der neunziger Jahre, teilte die Abtei am Dienstag mit.
Nach erstmaligem Bekanntwerden der Vorwürfe im Jahr 2000 sei der Mann mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden worden. "Die Familie des Betroffenen und die Verantwortlichen der Abtei haben damals von einer Strafanzeige abgesehen", hieß es weiter. Zwischen 2000 und 2005 lebte der Mönch in einer Abtei im deutschsprachigen Ausland. Den dortigen Verantwortlichen waren die Hintergründe bekannt. Während dieser Zeit habe sich der Ordensmann einer mehrjährigen Therapie unterzogen.
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