Studentinnen-Rudern in Cambridge
Reißt euch mal am Riemen!
Wenn Cambridges Frauen-Achter fürs Prestigeduell mit Oxford trainiert, fließen schon im Morgengrauen Schweiß und Tränen. Das Material ist mies, die Trainer sind Opis. Ruhm und Ehre ernten allein die Kerle - und deren Spott gibt's gratis. Doch die Damen geben alles.
Bei Sonnenaufgang gilt es, die Konzentration zu wahren: Wenn die Morgenröte über der Kathedrale von Ely aufzieht, versinkt die flache Landschaft nördlich von Cambridge in einem Licht, das Anne Hempel als kitschig bezeichnet und schon mal ablenken kann.
Die Biochemikerin aus Stralsund promoviert an der britischen Eliteuni und rudert für das Damenteam. Sieben Mal die Woche, monatelang, den ganzen Winter lang. Die etwa 30 Frauen des Clubs fahren schon lange vor den kitschigen Sonnenaufgängen zum Fluss. Mit einem Ziel vor Augen: Oxford zu schlagen.
Die beiden noblen Universitäten pflegen eine Jahrhunderte alte Rivalität, sie sind auch Regatta-Rivalen. Ihr legendäres Ruderduell wird in Großbritannien live im Fernsehen übertragen. Die Sieger steigen zu nationalen Helden auf, Sponsorengelder sprudeln aber auch für die Verlierer.
Sie sitzen doch alle in einem Boot? Keineswegs. Das Dumme für die Ruderinnen: All das gilt allein für die Männerteams. Nach dem Boatrace der Damen kräht kein Hahn. Es findet am Sonntag, 28. März, statt, eine Woche vor dem der Männer auf der Themse.
"Zuletzt hat die BBC in den achtziger Jahren das Damenrennen gefilmt", sagt Claudia Catacchio, Psychologie-Doktorandin aus Hessen und ebenfalls im Damen-Achter. Mittlerweile seien gerade mal Regionalzeitungen daran interessiert. Alle Aufmerksamkeit sei dem "richtigen" Boatrace gewidmet, somit auch die Sponsorengelder.
Gänsekacke als Hilfsthermometer: "Wenn es stinkt, hat es Plusgrade"
Der Trainer des Women's Boat Club arbeitet ehrenamtlich. Er ist 72. Die Trainingspläne schreibt ein 83-jähriger Kollege. "Wenn wir mit dem Boot zu nahe ans Ufer kommen, brüllt unser Coach immer panisch, dass wir kein Geld für neue Ruderblätter haben", erzählt Catacchio. Sportkleidung, Startgebühren, Zugfahrten: Insgesamt zahlt jedes Mitglied der Mannschaft etwa 1700 Pfund pro Jahr aus eigener Tasche. "Wir haben zu wenig Geld für gute Trainingsbedingungen, treten daher teils weniger professionell auf als die Männer, was wiederum Medien abschreckt - und damit auch Sponsoren", so Catacchio. Das sei ein Teufelskreis.
Wenn sie einen typischen Trainingstag beschreibt, dann klingt sie fast enthusiastisch. Dabei klingt der Ablauf für Laien eher mörderisch: Aufstehen um 4.30 Uhr, per Rad zum Bahnhof im Süden von Cambridge, dann mit dem 5.30-Zug nach Ely. Die Kleinstadt liegt etwa 30 Kilometer flussabwärts. "In Cambridge selbst trainieren so viele Ruderclubs, da gibt es morgens regelrechte Staus", sagt Catacchio. In Ely gehört der Fluss um diese Zeit dagegen den Damen, die pünktlich um 6.30 Uhr vor einer Baracke ihr Boot wassern.
Gänsekacke am Kai dient in der Dunkelheit als Thermometer: "Wenn es stinkt, dann hat es Plusgrade." Bis Ende Februar stinkt es meist nicht, die Kälte nimmt erst durch die Bewegung ab. Nach anderthalb Stunden im Boot geht es zurück nach Cambridge, ab etwa 9 Uhr könne man schon wieder im Hörsaal sitzen. "Manchmal sehen wir dann vielleicht etwas abgekämpft aus, aber es geht", sagt Catacchio.
Nach dem akademischen Regelbetrieb geht es dann ab etwa 17 Uhr zurück zum Training: Der Feierabend ist den Rudermaschinen gewidmet. Danach, so Catacchio, sei das Bett eigentlich die einzige verlockende Option, um den Abend ausklingen zu lassen. So sieht das werktags aus. Samstags und sonntags beginnt das Training in Ely erst, nun ja: spät, nämlich kurz vor 7 Uhr. Dafür dauert es aber bis Mittag.
"Wir rudern schon mal mit Pudelmütze"
Auch die Herren vom Cambridge University Boat Club organisieren ihren Tag intensiv. Sie können dafür aber auf hervorragende Infrastruktur zurückgreifen: Um 6.45 Uhr beginnt das Trockentraining im neuen Clubhaus in Cambridge, gefolgt vom Uniprogramm. Erst mittags werden sie im Bus des Clubs nach Ely gefahren und nehmen um 13.30 ihr Training beim clubeigenen Bootshaus in Angriff. Vier Stunden später endet die Einheit, an manchen Abenden stemmt man dann in Cambridge noch Gewichte.
"Die trainieren zwar auch hart, werden dabei aber so verhätschelt, dass sie sich um nichts Organisatorisches kümmern müssen", sagt Claudia Catacchio durchaus ein bisschen neidisch. Zu Begegnungen der Teams kommt es am Fluss nicht oft. Und wenn, machen sich die Herren gern mal über die Damen lustig, verspotten ihre Ruderkunst als "assisted drifting" - quasi Treibenlassen mit Anschiebhilfe.
"Natürlich sind wir weniger professionell", räumt Catacchio ein. "Wir rudern schon mal mit Pudelmütze und weinen in Stresssituationen, das gibt es bei den Männern so nicht." Genau das mache aber den Reiz des Damenruderns aus: Hier seien noch echte Laien am Werk. Während immer wieder männliche Profiruderer extra nach Cambridge gehen, weil sie dort ihren Sport auf hohem Niveau weiter ausüben können, sind die Damen fast immer Neulinge in diesem Sport.
Wo die durchgestylte und gut finanzierte Professionalität der Männer auf femininen Idealismus und Improvisation trifft, da entstehen Begehrlichkeiten: In Oxford würden Ressourcen des Männerteams großzügiger geteilt, so Catacchio. Sie wünscht sich eine Verteilung von Sponsorengeldern zwischen Männern, Frauen und Leichtgewichten - denn auch die bilden einen eigenen Club im Schatten der Vorzeigeboote.
Nett von den Kerlen: Auch Damen dürfen an die Rudermaschinen
"Keiner der vielen Bootsclubs in Cambridge erhält finanzielle Zuwendungen der Universität", entgegnet Moritz Schramm, dieses Jahr der einzige Deutsche im Männer-Achter von Cambridge. "Auch wir sind auf eigene Mittel, Spenden von ehemaligen Ruderern und Sponsorengelder angewiesen." Schramm betont, dass umfassendes Sponsoring auch viele Verpflichtungen mit sich bringe: "Der Sponsor bezahlt dafür, dass sein Name in die Welt getragen wird. Das setzt eine gewisse Plattform voraus." Und die könnten eben nur die Männer bieten, solange die Öffentlichkeit kaum Interesse am Damenrennen habe.
Grundsätzlich würde sich auch Moritz Schramm Verbesserungen für die Situation der Damen wünschen. Man gehe aber schon auf die anderen Clubs zu: So dürften die Damen etwa die Rudermaschinen im modernen Clubhaus der Männer mitbenutzen. Auf separate Umkleidekabinen müssen sie dabei allerdings verzichten. Eine kritische Haltung zur Weiblichkeit hat in Cambridge Tradition: Frauen können dort erst seit 1947 einen Uniabschluss erlangen. Cambridge machte diesen Schritt als letzte britische Hochschule.
Die meisten Ruderinnen verstehen, dass sie keinen Anspruch auf Drittmittel eines anderen Clubs haben. "Es ist aber demotivierend zu sehen, wie leicht es die Männer haben, Sponsoren zu finden", meint Julia Fischer, auch sie eine Deutsche, die es ins Damenboot geschafft hat. Für den eigenen Club würde sie sich vor allem eines wünschen: mehr öffentliche Anerkennung.
Ein Anlass dafür soll das diesjährige Rennen sein. Eine Presseaussendung an alle nationalen Zeitungen soll für Aufmerksamkeit sorgen. Denn eine sonst übliche Reaktion lautet: Was, die Frauen rudern auch? Den Text dafür haben die Damen mit passenden Fotos schon vorbereitet. Eine PR-Agentur? Wäre viel zu teuer.
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