SPIEGEL ONLINE
30.05.2010
 
Brüchiger Rockerfrieden
"Schieß doch!"
Von Jörg Diehl
Krieg oder Frieden - wie lange währt die Waffenruhe zwischen Hells Angels und Bandidos? Ermittlungsakten zeigen nun, dass einige hochaggressive Rocker nur sehr schwer zu bändigen sein werden. Die Feindseligkeiten könnten bald wieder aufflammen.
Hamburg - Es war zwei Wochen vor Weihnachten 2008, als in einem Magdeburger Hotel die führenden deutschen Rocker zusammenkamen. Anderthalb Stunden lang berieten die Gesetzlosen darüber, wie sie ihre nach dem Mord an dem Ibbenbürener Hells Angel Robert K. eskalierten Feindseligkeiten eindämmen und wieder in Ruhe ihren Geschäften würden nachgehen können.
Der deutsche Bandido-Boss Peter Maczollek wies seine Clubkameraden anschließend sogar per Mail an, bis auf weiteres "den Ball flach zu halten". Man wolle demnächst einen endgültigen Frieden aushandeln, den nur noch "unbelehrbare und uneinsichtige Rocker" wie Eschli E. gefährden könnten. Doch dazu kam es nicht mehr. Zehn Monate später wurde genau dieser E. erschossen, auf offener Straße und von einem Hells Angel.
Der Krieg begann.
Brutale Fehden
Am vergangenen Mittwoch haben sich Bandidos und Angels in einem öffentlichen Akt erneut feierlich geschworen, die Waffen ruhen zu lassen. Maczollek und dessen Todfeind, der hannoversche Hells-Angels-Fürst Frank Hanebuth, reichten sich sogar die Hände. Es wurde ein Vertrag aufgesetzt, anschließend ließen sich die Outlaws Fragen gefallen und übten sich in zaghafter Selbstkritik: "Wir haben zu wenig miteinander gesprochen."
Das Problem ist jedoch wohl eher, dass die Rocker in ihren Reihen zahlreiche schwer zu kontrollierende Charaktere haben. Wie Ermittlungsakten der Polizei zeigen, die SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL TV vorliegen, rissen in der Vergangenheit brutale Fehden einzelner immer wieder auch die gesamten Gangs mit in den Strudel aus Überfällen, Rachefeldzügen und Gegenschlägen. Es ist die Schattenseite des "Alle für einen"-Prinzips der Banden, von dem nur wenige profitieren.
So lieferte sich Bandido-Mitglied Eschli E., ein führender Hooligan der Schalker Gelsen-Szene, Zuhälter, Bordellbesitzer, Geldeintreiber und Türsteher, schon Monate vor seinem Tod eine erbitterte Auseinandersetzung mit genau dem Hells-Angel-Anwärter, der ihn laut Staatsanwaltschaft Duisburg im Oktober 2009 dann erschießen sollte: Timur A.
Deckname "Hombre"
Aus einem Bericht des Polizeipräsidiums Bochum, das noch Anfang vergangenen Jahres unter dem Decknamen "Hombre" ein umfangreiches Ermittlungsverfahren gegen die Bandido-Bosse im Ruhrgebiet geführt und sogar deren Clubhaus verwanzt hatte, geht hervor, dass Eschli E. Anfang 2009 eine Bestrafungsaktion gegen A. plante - aus Rache und aus Kalkül. A. soll zuvor einen anderen Bandido angegriffen und sich mit Rückendeckung seiner neuen Rockerfreunde immer stärker im Duisburger Rotlichtviertel engagiert haben.
Am 8. Oktober 2009 kam es dann in der Duisburger Charlottenstraße zum Showdown zwischen Rudi Heinz "Eschli" E. und dem Hells Angel Timur "Timo" A. Letzterer hielt mit seinem schneeweißen Mercedes CLK an einer roten Ampel vor dem Bandido-Vereinsheim, als Eschli auf ihn zustürmte. Nach Schilderung eines anderen Bandidos, der Augenzeuge des Zwischenfalls wurde, soll E. geschrien haben: "Komm raus, du Sau!" Daraufhin habe A. ihm seine Pistole gezeigt und Eschli gebrüllt: "Na, komm! Mach! Schieß doch! Komm raus!"
A. schoss.
Die Schlägertrupps
Eschli E. und Timur A. waren Prototypen der jungen Wilden in den Clubs: hochaggressiv und kaum zu bändigen. Die Banden haben in den vergangenen Jahren, die nach Einschätzung der Polizei von Territorialkämpfen und Expansionsbestrebungen bestimmt waren, zahlreiche Männer aufgenommen, die ältere Outlaws wenig charmant als "das Gesocks" bezeichnen. Bei Angels und Bandidos mischen inzwischen ehemalige Hooligans, Neonazis und Neuköllner Kleinkriminelle mit - nicht immer als reguläre Rocker, oftmals nur in Schlägertrupps, "Supporter" genannt. Ob sich diese Heißsporne künftig an die neu verfügte Freundschaft zwischen den Gruppen halten werden, ist zweifelhaft. Schließlich war bislang Attacke ihr Auftrag.
Nach Aussage des Rocker-Aussteigers Rolf D. förderten die Bosse "die abgedrehten Leute, um die eigene Schlagkraft zu erhöhen". So würden bei den Bandidos brutale Mitglieder, die Hells Angels schwer verletzt oder gar getötet hätten, mit dem Aufnäher "Expect No Mercy" ("Erwarte keine Gnade") ausgezeichnet. Darüber hinaus gäbe es eine "Abschussprämie", für die dann jedes Clubmitglied in Deutschland knapp hundert Euro spenden müsse. So könnten nach einer Bluttat schnell Zehntausende Euro zusammenkommen.
Die Bandidos bestreiten das. Das Abzeichen "Expect No Mercy" werde an "verdiente Mitglieder" vergeben, die mit ehrenamtlichem Engagement für den Club aufgefallen seien, sagte Bandido-Sprecher Micha SPIEGEL TV. Belohnungen für Straftaten gebe es nicht, behauptete er.
Kutte geraubt
Nach welchen kruden Ehrbegriffen die Rocker jedoch wirklich leben, zeigt eine Begebenheit aus dem August 2007. Damals soll der inzwischen zu den Hells Angels übergelaufene Ex-Bandido Kadir P. in Berlin den "Höllengel" Robert F. niedergestochen und dessen Kutte geraubt haben.
Nach Erkenntnissen der Polizei raste P. umgehend mit seiner Beute ins Ruhrgebiet und übergab die Trophäe an einer Tankstelle dem obersten Bandido in Deutschland, Peter Maczollek - wahrscheinlich als Verhandlungsmasse für künftige Gespräche mit dem Feind. "Karten ziehen" nennen die Rocker den demütigenden Kuttenraub, für den das Opfer später oft noch im eigenen Lager bestraft wird.
Damit soll nun angeblich Schluss sein, doch selbst Maczollek schließt weitere Scharmützel nicht kategorisch aus: "Ja, es wird wieder rappeln irgendwo, aber dann muss der Club denjenigen entsorgen." Ruhe ist nun erste Rockerpflicht, Disziplin die neue Tugend der Gesetzlosen.
Denn die Outlaws wissen: Wenn sie sich einige Zeit lang still verhalten, wird die öffentliche Aufmerksamkeit abebben und mit ihr auch der Ermittlungsdruck der Polizei. Von einem Verbot der Bandidos und Hells Angels könnte dann schon sehr bald niemand mehr sprechen.
Oder wie es ein Bandido-Führer in dem abgehörten Bochumer Vereinsheim vor einiger Zeit formulierte: Die Ermittler "wissen, dass wir - wenn es darauf ankommt - sehr gewaltbereit sind. Und ich denke mal, das steht für den Staat mehr an erster Stelle als die Kriminalität bei uns."
 
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