SPIEGEL ONLINE
15.09.2010
 
Stephanie zu Guttenbergs Buchvorstellung
Ernster Abend mit großem Auftritt
Von Dominik Peters
FOTOSTRECKE
Es ist ein wichtiges und bedrückendes Thema: Stephanie zu Guttenberg hat ein Buch über sexuellen Missbrauch von Kindern geschrieben. Am Mittwochabend präsentierte sie das 180-seitige Werk - im Beisein ihres Mannes, des deutschen Verteidigungsministers.
19.30 Uhr: die Frisur sitzt. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) eilt im schwarzen Anzug mit rosa Krawatte die Treppen herunter in den Saal. Der Meister der Selbstinszenierung wird vom Scheinwerferlicht der Kameramänner begrüßt - dieses Mal scheint es ihn zu stören.
Der Grund: Seine Frau soll eigentlich im Mittelpunkt stehen.
Stephanie zu Guttenberg, die Ministergattin, Ur-Urenkelin des ersten deutschen Reichskanzlers Bismarck und Mutter zweier Töchter hat ein Buch geschrieben: "Schaut nicht weg!", heißt das 180-seitige Werk, das sie an diesem Mittwochabend vorstellt.
Sie liest gerade daraus vor, den meisten Zuhörern merkt man Betroffenheit an. Das Thema ist ernst: Sexueller Missbrauch von Kindern.
Karl-Theodor zu Guttenberg merkt, dass er sich besser nicht in die erste, reservierte Reihe setzt. Mit seiner Entourage bleibt er hinten im Saal im Kulturkaufhaus Dussmann.
Der Mann, der sonst immer ein Gespür dafür hat, wann er wo sein muss, hat seiner Frau mit seiner Anwesenheit an diesem Abend keinen Gefallen getan. Dabei hatte alles so gut angefangen.
"Eines der wichtigsten Bücher dieser Zeit"
Stephanie zu Guttenberg hat am frühen Abend eine überzeugende Pressekonferenz bestritten. Ihre blonden Haare hat sie zu einem einfachen Pferdeschwanz zusammengebunden, trägt schlichten Schmuck, schwarzen Blazer und schwarzen Rock. Es soll nicht um sie gehen, sondern um ihr Anliegen - das ist die Botschaft, die sie vermitteln will.
Gemeinsam mit ihrem Verleger Manuel Herder spricht die Präsidentin des Vereins "Innocent in Danger", der sich aktiv gegen sexuellen Missbrauch von Kinder einsetzt, über das "Tabu-Thema", das sie in die Öffentlichkeit "zerren" will. Herder nennt ihren Ratgeber "eines der wichtigsten Bücher dieser Zeit."
Stephanie zu Guttenberg doziert über den Pornokonsum von Jugendlichen im Internet, die Strategien von Pädophilen und warnt davor, Kinder "fahrlässig auf die neuen Medien loszulassen." Gelegentlich wird sie richtig wütend: "In unserer Gesellschaft, die alles zu erlauben scheint", sagt sie, "gibt es sechsjährige Mädchen, die nichts toller finden, als halbnackt auf dem Laufsteg zu laufen, sich im Schlamm zu suhlen und dabei fotografiert zu werden." TV-Formate wie "Germanys Next Topmodel" seien daran mit Schuld, dass kleine Kinder nicht zwischen Realität und Fernseh-Fiktion unterscheiden könnten.
Beifall bei öffentlicher Buchvorstellung
Auf der anschließenden öffentliche Buchvorstellung samt Lesung wurde die Autorin mit großem Applaus des - zumeist älteren - Publikums empfangen. Sie wettert gegen die Politik, die sich dem Thema bisher nicht wirklich angenommen habe und über die "runden Tische", deren Ergebnisse meist nicht über "Lippenbekenntnisse" hinausgingen. Auch die katholische Kirche nimmt sie ins Visier. Sie nennt Zahlen und Fakten, beispielweise, dass sich ein missbrauchtes Kind im Schnitt acht Erwachsenen anvertrauen müsse, bevor man ihm glaube. "Das ist einfach sieben Mal zu viel", sagt sie empört und erntet zustimmendes Nicken im Saal.
Als die Ministergattin aus ihrem Buch vorliest, herrscht bedächtiges Schweigen. Ein einziges Mal kommt Unruhe auf - es ist der Moment, als ihr Mann in den Raum kommt.
"Der Mann ist hier fehl am Platz"
Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hatte am Morgen noch im Bundestag für ein parteiübergreifendes Vorgehen bei der Bundeswehrreform geworben, am Nachmittag dann seinen schwarzen Anzug gegen eine bayerische Tracht getauscht und gemeinsam mit Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner das Berliner Oktoberfest eröffnet.
Nun also kommt er, um seine Frau bei ihrer Buchvorstellung zu unterstützen. Die Kameramänner stürzen sich auf ihn und seine Frau schaut irritiert.
Der Verteidigungsminister versucht nicht aufzufallen. Es fällt ihm sichtlich schwer. "Der Mann ist hier fehl am Platz, Ingrid", raunt eine Rentnerin ihrer Freundin zu. Die nickt - und dreht sich dann aber doch nochmal um. Hin zu ihm, dem Minister.
Mit verschränkten Armen und ernster Miene hört der den Ausführungen seiner Frau zu. Als Stephanie zu Guttenberg ihre Vorlesung beendet, die Bühne verlässt, um Bücher zu signieren, ist ihr Mann sichtlich stolz und klatscht. Er klatscht laut - und ist in Sekundenbruchteilen von einer großen Menschentraube umringt, gibt Fernsehinterviews und lächelt in die Kamera. Es ist die übliche Guttenberg-Show.
 
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