SPIEGEL ONLINE
07.10.2010
 
RTL-2-Show "Tatort Internet"
Mit versteckter Kamera gegen Kindesmissbrauch
Von Anna Fischhaber
DPA/ RTL2
Alles für die Publicity? Der Trash-Sender RTL 2 hat kurzfristig das Format "Tatort Internet" am Donnerstag ins Programm gehoben: Co-Moderatorin und Ministergattin Stephanie zu Guttenberg stellte in Berlin die Sendung vor, in der potentielle Kinderschänder online aufgespürt werden sollen. 
Berlin - Als Präsidentin des Vereins Innocence in Danger kämpft Stephanie zu Guttenberg gegen sexuellen Missbrauch an Kindern. Es ist ein ernstes und bedrückendes Thema, dem sie sich da widmet. Und dafür scheint ihr fast jedes Mittel recht zu sein. Ihr Buch "Schaut nicht weg" stellte sie unlängst in der "Bild"-Zeitung vor, obwohl man dort mit nackten Brüsten Auflage macht. Nun hat sich die Ministergattin den Schmuddelsender RTL 2, bekannt für seine Trash-Formate, mit ins Boot geholt. Dort co-moderiert sie am Donnerstagabend um 20.15 Uhr die Auftaktsendung der zehnteiligen Reihe "Tatort Internet - Schützt endlich unsere Kinder". In einer Schule in Berlin-Charlottenburg stellte sie das Konzept der Sendung am Vormittag vor.
Im Mittelpunkt stehen diesmal nicht leicht bekleidete Popdiven wie Lady Gaga, die zu Guttenberg zuletzt kritisiert hatte, sondern echte Täter. Oder zumindest solche, die es werden könnten. RTL 2 findet die so: Mit fiktiven Chatprofilen werden potentielle Kinderschänder angelockt - und vor die laufende Kamera gezerrt. Der Trailer mutet wie ein Krimi an. Versteckte Kameras, verwackelte Bilder, schnelle Schnitte und dramatische Musik peppen die Doku auf. Eine 18-Jährige spielt den minderjährigen Lockvogel, ein Bodyguard beschützt sie dabei. Die Ministergattin hat nur einen kurzen Auftritt als Expertin, die vor unwissenden Kindern und Eltern warnt.
Selbst ein "Bild"-Journalist fragt nach der Vorführung vorsichtig, ob so eine effektheischerische Sendung denn wirklich das richtige Stilmittel für so ein ernstes Thema sei - dabei hatte seine Zeitung am Donnerstag die Sendung als Titelthema. Stephanie zu Guttenberg, die zu dem Termin in züchtigem schwarzen Hosenanzug erscheint, ist auf diesen Vorwurf vorbereitet. "Unsere Erfahrung ist, dass sich kein Mensch damit auseinandersetzen will", erklärt sie und wird nicht müde, sich für den "Mut" von RTL 2 zu bedanken, sich zur Primetime sexuellem Missbrauch zu widmen.
"Wir ziehen alle an einem Strang", sagt sie dann. Ziel sei die Aufklärung über die Gefahren, die im Internet für Kinder lauerten. "Die Menschen müssen lernen hinzusehen, auch wenn es wehtut." Das sei das "wichtigste Kriterium". Deshalb sei es für sie eine "Freude und Ehre", an der Sendung teilhaben zu dürfen. Unterstützung bekommt sie dabei von Udo Nagel. Der ehemalige Hamburger Polizeipräsident und Innensenator moderiert mit ihr die Sendung. Und auch er ist der Meinung, so ein Format müsse "zielgruppenorientiert" sein. "Bei einer langweiligen Dokumentation ohne Dramatik zappen die Leute weiter", sagt er.
"Der größte Tatort der Welt"
Gesicherte Zahlen über potentielle Kinderschänder, die sich im Netz herumtreiben, kann allerdings auch er nicht präsentieren. Experten gehen davon aus, dass 80 bis 90 Prozent der Taten im nahen sozialen Umfeld der Kinder stattfinden. "Natürlich ist der sexuelle Missbrauch in der Familie nicht zu unterschätzen", beeilt sich Nagel zu bestätigen. Warum sich die Sendung dennoch aufs Internet konzentriert? Es gehe um "Prävention", sagt Nagel. Schließlich tue sich im Internet ein neues soziales Umfeld auf.
"Pädokriminalität wird verstärkt von internationalen Netzwerken organisiert, die sich dabei digitaler Technologie bedienen", heißt es dazu blumig in der Pressemappe von RTL 2. Als "neues, investigatives Format" beschreibt der Sender das Magazin, das das Internet als angeblich "größten Tatort der Welt" in den Blick nehme. Erklärtes Ziel der Sendung ist eine Gesetzesänderung, die grooming, also sexuelle Anmache von Kindern im Netz, unter Strafe stellt.
Auch die Frau des Verteidigungsministers setzt sich dafür ein. Den Appell an die Politik darf an diesem Donnerstag aber Nagel übermitteln. Stephanie zu Guttenberg lächelt kurz und wirkt plötzlich ein wenig abwesend. Die schwarz-gelbe Regierungskoalition erwähnt Nagel nicht - schließlich könnte das für Ehemann zu Guttenberg unangenehm werden.
Ärger droht der Sendung aber auch von den mutmaßlichen Tätern, die von RTL 2 vor laufender Kamera an den Pranger gestellt werden. Der potentielle Kinderschänder ist im Trailer nur kurz zu sehen. Gepixelt und mit verzerrter Stimme. Er gibt schließlich zu, mit dem minderjährigen Lockvogel unsittlich gechattet zu haben. Ob er wirklich Sex wollte, wie die sonore Erzählerstimme im Hintergrund immer wieder betont, sagt er nicht.
Bereits im Vorfeld hatte sich einer der überführten Männer gegen die Ausstrahlung gewehrt. Nun fürchtet der Sender weitere einstweilige Verfügungen. Auch deshalb hat man sich dafür entschieden, das Magazin so kurzfristig ins Programm zu nehmen. Um Publicity muss sich RTL 2 dank der prominenten Co-Moderatorin Stephanie zu Guttenberg nicht sorgen. Deren Einsatz sei "Gold wert", wie die Produzenten von "Tatort Internet" am Ende noch einmal betonen.
 
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