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08.10.2010
 
Guttenberg jagt Kinderschänder
Tatort Trash-TV
Von Hannah Pilarczyk
dpa
Stephanie zu Guttenberg hilft RTL 2 bei der Panikmache: In der Show "Tatort Internet" werden potentielle Kinderschänder in die Fernsehfalle gelockt. Doch statt Eltern und Kinder ernsthaft aufzuklären, setzt das skandalöse Format auf billige Schockeffekte.

Was hat sich Stephanie zu Guttenberg, Vorsitzende des Vereins "Innocence in Danger" gegen Kindesmissbrauch, bloß dabei gedacht, bei der Krawallsendung "Tatort Internet" auf RTL 2 mitzumachen? Nichts als Aufklärung - so hat sie es jedenfalls bei der Vorstellung der Reihe am Donnerstagvormittag gesagt. Nach der ersten Folge, die der Sender kurzfristig am Donnerstagabend zeigte, muss man ihr dieses ehrenwerte Motiv nachgerade absprechen: Mit Aufklärung hatte die Sendung nichts zu tun. Mit gezielter Desinformation schon eher.
"Tatort Internet" will auf die Gefahr hinweisen, dass Kinder und Jugendliche online auf erwachsene Männer stoßen können, die sie sexuell bedrängen. Dafür hat RTL 2 ein Team um die freie Journalistin Beate Krafft-Schöning engagiert. Ihre Recherchemethode: Die 45-Jährige gibt sich in Chats und Social Networks als 13-Jährige samt Foto und Fake-Profil aus. Wenn erwachsene Männer sie kontaktieren, chattet sie unter Pseudonym mit ihnen. Machen diese sexuelle Anspielungen, reagiert sie zögerlich-neugierig ("was meinst du damit?") oder direkt ermunternd. Dabei kommen Dialoge heraus, die einem den Magen umdrehen - wegen ihres Inhalts, aber auch wegen ihrer Aufbereitung im TV. Vorgelesen werden sie nämlich von professionellen Sprechern, und da trieft die männliche Stimme so vor Anzüglichkeit und piepst die weibliche Stimme so vor Unschuld, dass man sich fragen muss, wie ernst die Sendungsmacher ihren Gegenstand wirklich nehmen. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass man sich das im Verlauf der Sendung fragt.
Aber nun gut. Übergriffe in Chats und Social Networks gibt es - und es ist gut, auf sie aufmerksam zu machen. Zur Aufklärung über eine Gefahr gehört aber nicht nur, sie zu benennen, sondern auch, sie einzuordnen: Wie häufig kommt es zu solchen Vorfällen? Wie groß ist die Gefahr wirklich?
Keine Zahlen, viel Hysterie
RTL 2 nennt dazu keine Zahlen, weil es keine verlässlichen gibt - jedenfalls zu Übergriffen, die über das Internet angebahnt wurden. Was es an verlässlichen Zahlen gibt, nennt RTL 2 aber auch nicht. Wahrscheinlich, weil man weiß, dass sie eine ganz andere Sprache sprechen: 80 bis 90 Prozent aller Fälle von Missbrauch finden nämlich im sozialen Umfeld des Kindes statt, durch Eltern, Geschwister, Verwandte und Freunde der Familie: "Tatort Familie" - wer Kindesmissbrauch ernst nimmt, müsste hier ansetzen. Aber ernst scheinen RTL 2, Stephanie zu Guttenberg, Beate Krafft-Schöning oder auch Moderator Udo Nagel, ehemals Hamburger Innensenator, das Thema eben nicht zu nehmen. Warum würden sonst am Anfang Zeitungsschnipsel eingeblendet, auf denen Schlagzeilen wie "Mörder sucht Opfer in Chats" eingeblendet werden?
Doch beim reißerischen Vortrag von Chat-Protokollen bleibt es bei "Tatort Internet" nicht. Im Mittelpunkt der Sendung steht vielmehr die Konfrontation der männlichen User im real life. Schöning-Krafft macht im Chat einen Treffpunkt aus; in den mit Überwachungskameras und Sicherheitspersonal ausgestatteten Räumen warten dann eine 18-jährige Schauspielerin und die Journalistin auf den potentiellen Täter. Drei Fälle, in denen sich Männer auf ein solches Treffen einlassen, dokumentiert die erste Sendung - Stoff für neun weitere Folgen scheint es noch zu geben. RTL 2 zeigt sie ab Montagabend.
Guttenberg und die Raubtiere
Aber ob das sein Publikum finden wird? Die Aufnahmen von den Treffen, die eigentlichen money shots in der RTL-2-Logik, sind nämlich seltsam ungreifbar. Das liegt zum einen an der groben Pixelung und Stimmverzerrung, die RTL 2 zum Schutz der Persönlichkeitsrechte der Männer vornehmen musste. Zum anderen legen Schöning-Krafft und die Schauspielerin, die sich als das Mädchen aus den Chats ausgibt, einen seltsamen Sportsgeist an den Tag. Freudig-erregt scheinen die beiden den Treffen entgegenzusehen. Einmal sagt Schöning-Krafft, ein Mann hätte das Mädchen bestimmt "verfrühstückt". Sie meint: missbraucht oder vergewaltigt. Und schon wieder muss man sich fragen: Mit wie viel Ernst sind die Beteiligten wirklich bei der Sache?
Die Konfrontationen der Männer mit dem Fernsehteam werden schließlich ausführlich dokumentiert. Sie zeigen lüsterne Männer, dumme Männer, gefährliche Männer. Sie werden an den Pranger gestellt und die Aufnahmen davon an die Polizei weitergereicht. Ausdrückliches Ziel der Sendung ist es, ein Gesetz zu erwirken, das schon die sexuelle Anmache in Chats und Social Networks unter Strafe stellt.
Dieses Anliegen hat "Tatort Internet" mit seinem US-amerikanischen Vorbild "To Catch a Predator" (etwa: "Ein Raubtier fangen") gemein. Von 2004 bis 2007 stellte ein Team des Senders Dateline NBC potentiellen Tätern auf dieselbe Weise nach - allerdings ohne die Männer unkenntlich zu machen. Auch hier sollte ein neues Gesetz herbeigehetzt werden. Um das zu erreichen, operierte die Sendung sogar mit erfundenen Zahlen: Bis zu 50.000 "Raubtiere" seien in den USA jederzeit online, ließ man verlautbaren. Später musste man zugeben, dass diese Zahl jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehrte - da hatte sie allerdings schon ihren Weg in die Parlamentsdebatten gefunden.
Viel Angst, keine Aufklärung
Das eigentlich Schlimme bei der Kampagne rund um "Tatort Internet" aber ist: Mit diesem Ansatz wird kein Kind und kein Jugendlicher vor Übergriffen geschützt. Die Sendung stürzt sich auf die Täter und vergisst zu zeigen, wie man erst gar nicht zum Opfer wird. Informationen darüber, welche Chats und Social Networks vergleichsweise sicher sind? Fehlanzeige. Ein Gesprächsleitfaden, wie Eltern ihre Kinder über mögliche Gefahren aufklären können? Fehlanzeige. Ein Verhaltenskodex für Kinder, was sie online von sich preisgeben sollten und wie sie auf zweifelhafte Kontaktaufnahmen reagieren sollten? Fehlanzeige.
Bei Social Networks wie SchülerVZ oder Jappy finden sich aber genau solche Informationen - für Eltern und für Kinder. Dass man sie bei einem vermeintlich aufklärerischen Format unterschlägt, kann man nicht anders als fahrlässig bezeichnen. Statt konkrete Hilfestellungen anzubieten, werden bei "Tatort Internet" nur einzelne Websites und Hotlines im Verlauf der Sendung eingeblendet. Die Perfidie, einerseits mit den Ängsten und der Unwissenheit der Leute bezüglich des Internets zu spielen und sie andererseits für weitere Informationen auf das Internet zu verweisen, ist atemberaubend.
Stephanie zu Guttenberg wird bei den nächsten Folgen von "Tatort Internet" nicht mehr dabei sein. Das macht aber keinen Unterschied. Die erste Ausgabe dieses skandalösen Formats dürfte ihr und ihrem Anliegen schon genug Schaden zugefügt haben.
 
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