SPIEGEL ONLINE
08.03.2011
 
Software aus dem Westen
Schnüffel-Angebot für Ägyptens Stasi
Von Konrad Lischka
FOTOSTRECKE
Computer infiltrieren und die Nutzer belauschen - solche Programme liefern Sicherheitsfirmen an Regierungsbehörden. Nun haben Demonstranten ein verdächtiges Software-Angebot in einem Büro des ägytischen Geheimdiensts entdeckt. Mehrere hunderttausend Euro sollte es kosten.
Als Demonstranten am Wochenende Büros des ägyptischen Staatssicherheitsdiensts in Kairo und Alexandria stürmten, um die Protokolle der Unterdrückung zu sichern, entdeckte Mostafa Hussein ein interessantes Dossier. Der 30-jährige Arzt war mit einem Freund in einem Gebäude der Staatssicherheit im Stadtteil Nasr City in Kairo, berichtete er SPIEGEL ONLINE. Dort habe der Bekannte ihm Unterlagen in die Hand gedrückt. Inhalt der Papiere: Überwachung des Internets. Ägyptische Sicherheitsbeamte erörtern in den Texten, ob und wie man Konten bei Google, Skype, Yahoo und Hotmail überwachen könnte. Angehängt ist ein konkretes Angebot für entsprechende Software, verfasst in englischer Sprache.
Mustafa Hussein hat die Dokumente ins Netz gestellt - und versichert auf Rückfrage: "Ich war am 5. März in dem Gebäude, dort gab mir ein Freund diese Unterlagen, ich vertraue ihm absolut, ich versichere, dass diese Unterlagen hundertprozentig echt sind."
Der Inhalt dieser Papiere ist ebenso brisant wie der Zeitpunkt ihres Auftauchens: Menschenrechtler untersuchen nach dem Sturz des Diktators Husni Mubarak Menschrechtsverletzungen und Unterdrückung in dessen Regierungszeit. In dem Software-Angebot vom Juni 2010 ist die Rede von einem Komplettpaket aus Überwachungssoftware, Installation und Training für die staatlichen Ermittler. Gut 330.000 Euro soll alles zusammen kosten - inklusive einem Jahr Support. Angeboten werden eine "Remote Intrusion Software" und "Remote Infection Tools". Vereinfacht übersetzt: Es geht um Programme, mit denen man in die Rechner von Zielpersonen eindringen kann, vulgo Schnüffel-Software.
Das Dossier, das Mustafa Hussein aus dem Büro in Nassr City gerettet hat, liefert einige Hinweise auf die mögliche Herkunft der angebotenen Programme:
Auf dem Angebot prangt ein Logo der britischen Firma "Gamma International UK Limited" Im Angebotstext ist die Rede von den Programmen "FinSpy" und "FinFly Lite". Die Suche nach diesen Produktnamen führt auf die Seite der Münchner Firma Elaman.
Arbeiten diese beiden Unternehmen zusammen und was haben sie mit Ägyptens Stasi zu tun? Während der Recherche dieser Fragen schalteten sich binnen zwei Tagen drei Anwaltskanzleien ein. Der ganze Fall ist recht verworren, die Sorge einiger Firmen groß, in einem für sie unangenehmen Kontext genannt zu werden.
Was sind das für Unternehmen?
Zur britischen Gamma Group gehören mehrere Firmen, die Überwachungstechnik, Abhörfahrzeuge, Überwachungssoftware (" FinFisher IT Intrusion", " Intrusion Developments") und Kommunikationsüberwachung ("Tactical and Strategic Communications Monitoring ") anbieten.
Die deutsche Elaman GmbH beschreibt sich in ihrer - auch auf Russisch, Arabisch und Englisch verfügbaren - Selbstdarstellung im Netz als Unternehmen mit "15 Jahren Erfahrung in den Bereichen Kommunikation und Sicherheit für Strafverfolgungsbehörden". Man unterhalte Niederlassungen in Dubai und Beirut. Unter dem Stichwort " Kommunikationsüberwachung" fallen konkrete Stichworte wie "Internetüberwachung, Internet Blocking and Shaping, IT-Intrusion, Satellitenüberwachung, Taktische Überwachung und Lokalisierung innerhalb von GSM/GPRS/UMTS Netzwerken" und so weiter. "Elaman bietet Lösungen für alle Bereiche und kann Ihr einziger Lieferant und Berater für solche Systeme sein", schreibt die Firma.
Woher kommt die FinFly-Software?
Auf einer Produktseite der Elaman GmbH heißt es unter der Überschrift Finfisher IT Intrusion: "Führende Experten im Bereich IT-Intrusion gehören zum Elaman-Team. Ihre Aufgabe ist die konstante Entwicklung und Verbesserung von Lösungen für die Informationsgewinnung von verschiedenen IT-Systemen." Dort steht auch etwas mehr zu den einzelnen Programmen: "FinSpy garantiert in Echtzeit den vollständigen Fernzugriff auf einen Zielcomputer und die Kontrolle darüber." Zu FinFly heißt es: "FinFly ist ein Infektionswerkzeug, um einen Zielrechner mit einer Intrusion Software zu infizieren."
Diese Darstellung ist etwas unscharf formuliert. Sie legt die Vermutung nahe, Elaman würde die Software entwickeln. Dem ist nicht so, erklärt die Anwaltskanzlei Nesselhauf im Auftrag der Firma: "FinSpy und FinFly sind keine 'Elaman-Produkte'. Herstellerin ist die Gamma International UK Ltd. Unserer Mandantin ist es als Vertriebspartnerin/ Lizenznehmerin lediglich gestattet, diese Produkte, die nur einen Bruchteil ihres Portfolios ausmachen, in einigen Märkten zu vertreiben." Deshalb hat die Elaman GmbH, so die Aussage ihrer Kanzlei, "nichts mit dem Angebot an das ägyptische State Security Investigation Department zu tun."
Keine Auskunft über "vertrauliche Geschäftsbeziehungen"
Kam das Angebot, das Mustafa Hussein aus den Räumen der Staatssicherheit holte, also von der britischen Gamma International UK Limited? Diese Frage beantwortet die Anwaltskanzlei des Unternehmens nicht, sie erklärt lediglich, dass Gamma International UK Limited keines der Produkte aus ihrer Finfisher-Suite an die ägyptische Regierung geliefert habe. Das Unternehmen liefere nur an Regierungen, befolge dabei britisches Recht und alle andere relevante Vorschriften. Darüber hinaus könne das Unternehmen keine Auskunft über "vertrauliche Geschäftsbeziehungen und die Art der Produkte, die es anbietet", geben.
Nun kann es natürlich sein, dass sich ein Mitarbeiter der ägyptischen Staatssicherheit oder ein Demonstrant die Mühe gemacht hat, ein Angebot über die Lieferung von Schnüffel-Software mit höchstem Aufwand zu fälschen, Produktenamen, Preise und den Namen eines Gamma-Group-Vertreters im Nahen Osten zu recherchieren.
Es könnte aber auch einfach sein, dass ein Unternehmen den ägyptischen Behörden eine Überwachungs-Software offeriert hat, die wohl auch in Deutschland Behörden angeboten wird.
 
Zum Thema:
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