Alltag einer Animateurin
Ab in den Süden
Nach dem Abitur wollte Imke Raubbach, 19, nur eines: gut gelaunt an den Strand. Per Casting bewarb sie sich als Animateurin und arbeitet seit einigen Wochen in einem Hotel auf Gran Canaria. Viel Partyspaß, wenig Schlaf, großes Abenteuer - Ferienflirts aber sind tückisch.
"Die Pullis waren das Problem. Zehn Stück hatte ich in meinen Koffer gepackt. Vorsichtshalber - ich komme aus Norddeutschland, bin daher immer auf Regen vorbereitet, auch auf Gran Canaria. Fast wäre ich deshalb nicht ins Flugzeug gekommen. Denn ich durfte auf den Kanaren-Flug nur 20 Kilo mitnehmen. Die Waage am Check-in zeigte genau 19,99 Kilogramm an.
Ich durfte mitfliegen, bekam meinen Boarding Pass - und ein bisschen Angst: Jetzt konnte ich nicht mehr zurück. Ich würde wirklich für mehrere Monate in einem anderen Land leben, dort als Animateurin arbeiten und meine Familie und Freunde nicht sehen.
Bis zu dieser Sekunde hatte ich mich riesig gefreut und nicht groß drüber nachgedacht, was gut oder schlecht werden könnte. Ich wollte einfach raus aus Deutschland, ein bisschen Freiheit nach dem Abistress, was erleben. Als Animateurin durfte ich in die Sonne und bekam dafür auch noch Geld! Aber jetzt, als meine Familie und meine besten Freunden da standen und ich mich von ihnen verabschieden sollte, da musste ich heulen.
Auch Ententanz kein Problem, ich blamiere mich gern
Als ich dann allein in Spanien am Flughafen ankam, war da: nichts. Es war Sonntag, Feiertag, niemand konnte mich abholen. Ich nahm mir also ein Taxi und fuhr zum Hotel in Maspalomas. Dort bekam ich ein Zimmer in einem Apartment-Komplex etwas außerhalb zugewiesen. Die Animateure leben hier in Zweierzimmern zusammen, die Räume sind sehr klein, zwei Betten, ein Schrank, das war's - aber ich war ja auch nicht wegen der schönen Inneneinrichtung hergekommen.
Eigentlich wollte ich nach der Ankunft nur eines: schlafen. Mich von der Reise erholen und langsam an das Gefühl gewöhnen, hier für die nächsten Monate zu Hause zu sein. Aber meine neue Kollegin und Zimmernachbarin schleppte mich zum Strand und danach in einen der etwa 30 Clubs hier in der Gegend. Wir feierten bis zum nächsten Morgen. Da musste ich um zehn bereit stehen, den Gästen singend einen 'Guten Morgen' wünschen, obwohl ich mir lieber den Abend und mein Bett herbeiwünschte.
Nach diesem anstrengenden Anfang ist es jetzt aber super. Ich bin richtig drin im Animateursleben. Tagsüber leite ich den Teenie-Club, spiele Volleyball oder Boccia mit den Kindern. Abends steht Mini-Disco auf dem Programm, Ententanz und so was. Ich
blamiere mich gern, daher ist das kein Problem für mich. Zu Abend essen wir Animateure in einem Extraraum, es gibt dieselben Gerichte, die auch die Touristen bekommen.
Affären mit Hotelgästen? Streng verboten
Bei den Abendshows muss ich nur für die Gäste da sein, aber zum Glück nicht selber auf der Bühne stehen. In meinem Hotel sind wir nur drei Animateure, wir können nicht ganz allein die komplette Abendunterhaltung machen. Dafür kommen spezielle Leute von außerhalb. Wir sind erst wieder dran, wenn die Show zu Ende ist, da leiten wir dann die Wahl zum schönsten Mann des Hotels oder organisieren eine 'Wetten, dass'-Show für die zu 90 Prozent deutschen Gäste. Danach gehen wir feiern. Clubs gibt es ja genug, und als Animateur kommt man überall kostenlos rein.
Pro Nacht schlafe ich zwischen zwei und vier Stunden. Ich hätte nie gedacht, dass ich mit so wenig Schlaf noch funktionieren kann. Mittlerweile kann ich gar nicht mehr länger im Bett liegen bleiben, das macht mich nervös. Und ich habe auch gelernt, mit den dauernden Anmachsprüchen umzugehen. Ich bin blauäugig und blond, das finden hier alle super - auf die Dauer etwas anstrengend, aber natürlich gut fürs Selbstbewusstsein.
Mit den Gästen der Hotels, in denen sie arbeiten, dürfen Animateure nichts anfangen, sagen die Verträge. Man sollte sich also nicht verlieben. Mir ist das passiert, Christian wohnt aber in einem anderen Hotel. Kennengelernt haben wir uns in einem Club und haben dann die ganze Nacht am Strand gesessen und geredet. Seitdem sehen wir uns fast ununterbrochen.
Man freundet sich schnell an
Er ist nur noch vier Tage hier, dann ist sein Sommerurlaub vorbei und er fliegt wieder zurück nach München. Eine Fernbeziehung ist Christian zu kompliziert, ich hoffe trotzdem, dass ich mehr für ihn bin als ein kurzer Ferienflirt.
Das ist das einzige, was mich stört an dem Job: Man lernt viele Leute kennen und freundet sich mit ihnen an, mit den Gästen, den anderen Animateuren. Ich kann nicht strikt trennen zwischen rein 'beruflicher' und echter Sympathie. Deshalb macht es mir immer ehrlich zu schaffen, wenn ein besonders netter Gast abreist oder ein Kollege in ein anderes Hotel wechselt.
In solchen Momenten bekomme ich dann auch Heimweh. Letztens habe ich mir ein Fotoalbum angeschaut, das meine beste Freundin mir zum Abschied gebastelt hatte. Ich habe sie so vermisst und mir gewünscht, dass ich zu Hause wäre und sie einfach mal schnell im Café um die Ecke treffen könnte. Es hat ja nichts geholfen, also bin ich raus, habe mich an den Strand gesetzt und das Meer angeguckt.
Da dachte ich dann: Imke, reiß dich zusammen. Du hast wahnsinnig Glück, dass du hier sein darfst. Das ist das größte Abenteuer deines Lebens."
Aufgezeichnet von Sophie Lübbert
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