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08.11.2011
 
Die gefährdete Generation
Kleine Machiavellisten
Von Jochen Brenner
dapd
Kinder gehen durch die Hölle, wenn sie von Mitschülern gemobbt werden. Eltern können gegen die Peinigungen oft wenig ausrichten, aber vieles falsch machen. Eingreifen müssten die Lehrer.
Die Räuber ließen sich auf der Terrasse vom Gendarmen hochmütig Limonade kredenzen. So waren die Rollen verteilt zwischen Frank und seinen angeblichen Freunden. "Ein Kinderspiel", dachte Franks Mutter, "endlich kamen mal Schulkameraden zu uns nach Hause."
So erzählt sie es heute, nachdem Zeit vergangen ist und die Wunden zu verheilen beginnen. Was aussah wie der perfekte Nachmittag im Leben eines neunjährigen Jungen, war für Frank die Hölle. Seine Peiniger hatten mit dem Haus der Eltern nun auch noch seinen letzten Rückzugsort vereinnahmt.
Das Räuber-und-Gendarm-Szenario war nur eines von vielen variantenreichen und harmlos scheinenden Vorspielen, in deren weiterem Verlauf mal drei, mal vier Neunjährige ihren Mitschüler Frank insgeheim quälten. So täuschten sie seine Mutter, die Lehrer und ihre eigenen Eltern. Sie prügelten auf Frank ein, wenn sie ihn allein auf dem Schulweg trafen oder auf dem Pausenhof kein Lehrer zusah. Sie schubsten ihn herum, nahmen ihm seine Sachen ab und lachten über seine Brille, seine manchmal ungelenke Art oder sein Interesse fürs Geigespielen und die Mathematik. Zusammen gingen sie in die dritte Klasse einer hessischen Grundschule.
Täter rauben Opfern das Selbstbewusstsein
An deutschen Schulen gibt es rund eine halbe Million Schüler, die angeben, einmal oder mehrmals pro Woche schikaniert zu werden, die durchmachen, was Frank erlebte. Dabei handelt es sich nicht um Zankereien unter Kindern, die ihre Grenzen testen. Was Frank erlebte, war keine Schulhofrangelei, die ein Lehrer mit strengen Worten beendet und nach der sich die Gegner mürrisch die Hände reichen. Frank wurde gemobbt.
Von Mobbing spricht man, wenn die Schikanen und Beleidigungen in einem Kräfteungleichgewicht mindestens einmal pro Woche über einen längeren Zeitraum stattfinden und das Opfer sich nicht aus eigener Kraft aus der Lage befreien kann.
Allein schon das Wort hat in den vergangenen 15 Jahren Karriere gemacht. Immer schon gab es Kinder, die andere hänselten oder piesackten. Früher fiel dann manchmal das Wort Psychoterror, oder Pädagogen bescheinigten einzelnen Kindern ein bösartiges Gemüt. Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz führte 1963 in seiner Tierbeobachtung den Begriff "mobben" ein, um zu beschreiben, wenn mehrere Tiere gemeinsam einen überlegenen Feind angreifen. Gänse gegen Fuchs, das war das Prinzip.
Die Bedeutung des Wortes Mobbing heute ist eine andere. Viele Füchse hetzen jetzt eine einsame Gans. Sie erniedrigen ihr Opfer, treiben es in die Enge und rauben ihm sein Selbstbewusstsein. Sie verunsichern es so sehr, dass viele Schüler sich nicht einmal mehr trauen, den eigenen Eltern von ihrer Hatz zu erzählen - und so schaffen die Täter Opfer in der zweiten Reihe: die Mütter und Väter, die lange ahnungslos sind und dann umso entsetzter auf das Drama reagieren, dessen Protagonist ihr Kind gerade ist.
"Ich habe jeden denkbaren Fehler gemacht"
Eltern können Mobbing bei ihren Kindern nicht immer leicht erkennen. Manche Warnzeichen gehen im Alltag unter. Aufmerksam sollten Väter und Mütter werden, wenn
ihr Kind bedrückt nach Hause kommt oder launisch und aggressiv wirkt; es sich häufig in sein Zimmer zurückzieht, nicht mehr zu Geburtstagsfesten eingeladen wird und viel Zeit vor dem Computer verbringt; die Schulleistungen absacken, Hobbys ihren Reiz verlieren; am Sonntagabend plötzlich Bauchschmerzen auftreten - meist ist die Angst vor der neuen Woche der Auslöser; das Kind ständig Geld verliert - es wird in der Regel gebraucht, um die Mobber zu bezahlen.
Als Franks Mutter dahinterkommt, dass ihr Sohn seit Monaten Opfer eines wachsenden Schüler-Mobs ist, kocht ungeheure Wut in ihr hoch. Sie ist eine kleine, energische Frau, die gut reden kann. Die Täter sollen bestraft, die Gerechtigkeit wiederhergestellt werden.
Das sagt sie Frank, das fordert sie ein und ruft an. Bei den Eltern der Täter, bei der Klassenlehrerin. "Wir kannten uns doch vom Elternabend, vom Sehen aus der Stadt, vom Schulfest", sagt sie heute. Und es schaudert sie immer noch, wenn sie an die Telefonate mit den Täter-Eltern denkt. "Nichts. Kein Wort der Entschuldigung. Ich bin auf Mauern gestoßen." So einfach sei das nicht, entgegnen ihr die Eltern, Frank verhalte sich seltsam, und zum Streit gehörten schließlich immer zwei. Sogar Franks Vater sagt: Jungs sind so.
Frank selbst trägt schwer an der neuen Situation. Er ist zwar froh, dass ausgesprochen ist, was ihm Bauch- und Kopfschmerzen bereitete. Aber seit seine Mutter eines Vormittags für alle sichtbar in der Schule bei der Rektorin war, rufen ihn die Räuber aus seiner Klasse "Muttersöhnchen". Und verhauen ihn weiter, nur ein bisschen besser getarnt.
"Ich habe damals ungefähr jeden denkbaren Fehler gemacht", sagt Franks Mutter heute. Ihre Selbsterkenntnis wird von Experten bestätigt, die sich mit dem Phänomen Mobbing auskennen.
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» Teil1: Kleine Machiavellisten
» Teil2: Stolz auf die Täter: "Eltern imponiert ihr durchsetzungsfreudiges Kind"
» Teil3: Richie schreibt: Verlang nicht, dass ich mich gegen die Klasse stelle
 
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