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21.10.2011
 
Drohnenkrieg
Fliegende Killer schrumpfen auf Kleinformat
Von Markus Becker
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Drohnen werden immer kleiner, unauffälliger und präziser. Jetzt sollen die Winzlinge, die bisher nur spioniert haben, auch bewaffnet werden - das US-Militär führt sogar eine Kamikaze-Drohne ein. Experten befürchten, dass die fliegenden Killer künftig zunehmend im Geheimen töten.
Den Drohnen gehört die Zukunft der modernen Kriegsführung - darin sind sich nahezu alle Experten einig. Bewaffnete Modelle wie die "Predator" und die "Reaper" sind für das US-Militär im Kampf gegen Terroristen und Taliban unverzichtbar geworden. Die Bundeswehr setzt auf Spionagedrohnen, Staaten wie China und Iran haben eine aggressive technologische Augholjagd gestartet.
Neben der rasant steigenden globalen Verbreitung der unbemannten Flieger gibt es einen weiteren Trend: Sie werden kleiner, leiser, unauffälliger. Schon heute gibt es tragbare Modelle wie die vier Kilogramm leichte "Aladin", die bei der GSG 9 im Einsatz ist, oder die noch kleinere "Wasp III" der U.S. Air Force. In Zukunft könnten die fliegenden Spione sogar so klein werden wie Insekten.
Bisher werden die Winzlinge jedoch ausschließlich zur Aufklärung eingesetzt. Das Schießen bleibt den großen Exemplaren wie der fast fünf Tonnen schweren MQ-9 "Reaper" überlassen: Nur sie können die aktuell verfügbaren Raketen und Bomben tragen, nur sie besitzen eine Reichweite, die einen Einsatz tief im Feindesland sinnvoll macht.
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Doch das ändert sich gerade: In mehreren Staaten laufen Programme zur Miniaturisierung von Raketen und Bomben, die auch von kleinen unbemannten Flugzeugen getragen werden können. Das US-Militär führt jetzt sogar eine Drohne ein, die selbst eine Waffe ist: Sie kann per Kamikaze-Angriff Gegner in die Luft sprengen. Wie die Herstellerfirma AeroVironment mitteilt, hat das Pentagon für 4,9 Millionen Dollar eine nicht genannte Anzahl der Drohne namens "Switchblade" eingekauft, um sie schnellstmöglich an die kämpfende Truppe auszuliefern.
Der etwa zweieinhalb Kilo leichte Flugkörper wird aus einem rund 60 Zentimeter langen Rohr gestartet, entfaltet seine Flügel und fliegt mit Hilfe eines Elektromotors. Bis zu 40 Minuten soll die "Switchblade" in der Luft bleiben können, Geschwindigkeiten von 130 bis 170 km/h erreichen und mit zwei Kameras Luftbilder an den Piloten am Boden senden. Hat der das Ziel identifiziert, kann er die Drohne auf den Gegner stürzen lassen - sie explodiert entweder beim Aufschlag oder kurz vorher in der Luft. Die Treffergenauigkeit liegt bei rund einem Meter, wie AeroVironment behauptet.
In einem martialischen Werbevideo ist zu sehen, wie US-Soldaten von Aufständischen beschossen werden und die Angreifer mit Hilfe von "Switchblade" im Handumdrehen erledigen; wohl ein von AeroVironment herbeigesehntes Idealszenario.
So ist die "Switchblade" offenbar ein Einwegsystem: Eine Landung und ein erneuter Start sind nicht möglich. Feuergefechte etwa in Afghanistan dauern aber nicht selten Stunden. "Man kann nicht alle fünf Minuten eine neue Drohne aufsteigen lassen", sagt ein Brancheninsider. Er bezweifelt auch, dass Soldaten den Flugkörper sicher bedienen können, während ihnen in einem Feuergefecht die Kugeln um die Ohren schwirren. Ein weiteres Problem sei das Gewicht. Schon heute müssen Infanteristen bis zu einen Zentner an Ausrüstung mit sich tragen.
Auch manche Details des Werbevideos wirken fragwürdig. So ist in dem Film zu sehen, wie die "Switchblade" ihr Ziel im Vorbeiflug im Blick behält - was nur mit Hilfe einer schwenkbaren Kamera möglich wäre. Eine solche ist aber nach den bisherigen Informationen von AeroVironment nicht vorgesehen. Zudem behauptet die Firma, dass die Drohne tags und nachts einsetzbar sei. Die dafür notwendige Sensor-Ausstattung würde das Vorhaben, "Switchblade" als Billig-Flugkörper anzubieten, wohl zunichte machen.
Drohnen und Munition schrumpfen
Dennoch könnten die neuen Mini-Drohnen einen Wandel im Drohnenkrieg bringen. Zwar ist die "Switchblade" nur ein taktisches System zur Unterstützung von Bodentruppen. Doch auch andere kleine Drohnen könnten bald zu Waffen werden - weil die Munition schrumpft. Die "Hellfire"-Rakete, die zur Standardbewaffnung von "Predator"- und "Reaper"-Drohnen gehört, bringt noch knapp einen Zentner auf die Waage. Doch inzwischen gibt es Lenkwaffen, die im Vergleich geradezu winzig sind. Die "Saber" des internationalen Rüstungskonzerns MBDA etwa wiegt nur fünf oder 15 Kilogramm, je nachdem, ob sie als ferngelenkte Freifallbombe oder mit Raketenmotor ausgeliefert wird. Noch kleiner ist die "Spike"-Rakete der US-Marine: Sie ist knapp 64 Zentimeter lang und wiegt lediglich zweieinhalb Kilo.
Derartig kleine Waffen könnten auch Drohnen tragen, die schon seit Jahren für Aufklärungszwecke benutzt wurden, etwa die amerikanische RQ-7 "Shadow". Mit einem Gewicht von nur 170 Kilogramm und einer Spannweite von 4,30 Metern wirkt sie wie eine Miniaturausgabe der "Reaper". Im August dieses Jahres hat das US-Marinekorps die Freigabe für Experimente bekommen, die "Shadow" zu bewaffnen. Im Erfolgsfall könnte die Flotte der Angriffsdrohnen "um Hunderte Flugkörper wachsen", meldete der Nachrichtendienst "Flight Daily News".
"Die demokratische Kontrolle fehlt"
Die "Switchblade" und andere Modelle "passen nahtlos in den Trend zu immer kleineren und präziseren Drohnen", sagt Martin Kahl vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Uni Hamburg (IFSH). Das lasse auf weniger tote Zivilisten in der Zukunft hoffen; doch genau das könnte am Ende die Hemmschwelle senken. "Der Einsatz bewaffneter Drohnen wird immer einfacher werden und zu immer weniger Kollateralschäden führen", sagt Kahl. "Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu noch mehr Einsätzen bewaffneter Drohnen kommt, ist groß."
Die Statistiken untermauern das: Die Zahl der amerikanischen Drohnenangriffe etwa in Pakistan ist in den vergangen Jahren rasant gestiegen, bisher kamen rund 2300 Menschen auf diese Weise zu Tode.
Niklas Schörnig von der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung glaubt, dass der "ganz klare Trend" zur Miniaturisierung von Drohnen Militärs und Politikern weiter helfen wird, "bestehende Zwänge zu umgehen". "Tote Zivilisten generieren Aufmerksamkeit", sagt Schörnig. "Verringert man die Zahl der Opfer, vergrößert man zugleich die Spielräume für gezielte Tötungen." Wenn bei einem Angriff nur noch ein mutmaßlicher Terrorist und keine Unbeteiligten mehr ums Leben kämen, seien solche Aktionen wesentlich leichter geheim zu halten - und könnten so "unter den Radar der Öffentlichkeit fallen", argwöhnt Schörnig. "Dann fehlt auch die demokratische Kontrolle."
Die ethischen und juristischen Probleme aber bleiben. Das hat zuletzt die Exekution des militanten Predigers Anwar al-Awlaki durch einen Drohnenangriff gezeigt. Awlaki war US-Bürger - und ist durch seine Regierung umgebracht worden, ohne dass es zu einem Gerichtsverfahren gekommen wäre.
In den USA sorgte das für heftige Debatten. Selbst Mitglieder der konservativen Republikaner äußerten öffentlich ihr Unbehagen. Der Präsidentschaftsbewerber Ron Paul etwa warf Amtsinhaber Barack Obama vor, "Menschen zu ermorden, die er für böse Buben hält". "Sollte die amerikanische Öffentlichkeit das blind und beiläufig hinnehmen", so Paul, "wäre das traurig."
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