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20.11.2011
 
Ein-Kind-Politik in China
"Wir haben unser eigenes Volk getötet"
Von Sandra Schulz, Shanghai
The Hindu
Nur ein Kind pro Familie, so hätte es der chinesische Staat gern. Nun regt sich Widerstand: Ein Vater kämpft für seine zweite Tochter, selbst einheimische Medien feiern ihn - und eine Abtreibungsärztin spricht öffentlich über ihre grausame Arbeit.
An einem windigen Tag zog ein Mann in Peking los, um sich selbst zu versklaven. Die Passanten musterten den seltsamen Kerl auf der Fußgängerbrücke, er sah nicht aus wie ein Bettler. Er trug eine randlose Brille, einen Gürtel in seiner kurzen Hose, er faltete die Hände und lächelte schief, als die Menschen sein grünes, flatterndes Plakat lasen: "Mein Name ist Yang Zhizhu", stand dort, "die Familienplanungsbehörde hat mir eine Geldstrafe von 240.000 Yuan auferlegt. Ich kann nicht zahlen, deswegen muss ich mich verkaufen. Ich werde demjenigen, der mich erwirbt, bis zu meinem Tod dienen."
Yang Zhizhu ist einer der berühmtesten Väter Chinas. Für manche ist er sogar ein Held, weil er sich für seine jüngste Tochter entschied. Und weil er sich wehrte, als der Schrieb von den Behörden kam: "Das zweite Kind wurde illegal geboren, es handelt sich um einen Verstoß gegen Paragraf 17, Absatz 1 der Verordnung für Bevölkerung und Familienplanung in Peking." Ruonan heißt sein Verstoß, ein kleines, süßes Mädchen mit abstehenden Ohren.
Jetzt steht Yang in seiner winzigen Küche in Peking, er hackt Brokkoli und sagt: "Zum Helden haben mich die Medien gemacht. " 60, 70 Interviews habe er gegeben, erzählt Yang, und ein wenig stolz klingt er jetzt doch. "Southern Weekend" schrieb, sein Fall habe mehr Aufmerksamkeit erregt als jeder andere seit Einführung der Ein-Kind-Politik. Selbst die parteinahen Zeitungen mochten gar nicht mehr lassen von diesem 44-jährigen Mann, bei dem jeder Satz ein Ausruf ist, zornig und laut.
Yang sagt: "Die Medien dürfen über mich berichten, weil ich nicht der schlimmste Fall bin." Er ist keiner der vielen Bauern, denen Beamte das Haus zerstörten. Yang sollte nur das Neunfache des durchschnittlichen Jahreseinkommens eines Pekinger Bürgers zahlen. Es hätte auch das Zehnfache sein können. Yang, ehemals Rechtsdozent an der Jugend-Politik-Hochschule in Peking, verlor nur seinen Job.
Yang, das Opfer, will kämpfen
Mehr als 30 Jahre ist es jetzt her, dass der chinesische Staat beschloss, das Wohl aller über das Wohl des Einzelnen zu setzen. Die Zeitung "Renmin Ribao", Sprachrohr der KP, formulierte es im Jahr 1979 so: "Soll die Produktion sich in hohem Tempo entwickeln, muss das Bevölkerungswachstum unter Kontrolle gehalten werden, nur so ist eine schnelle Verwirklichung der sozialistischen Modernisierung möglich." Doch der Fall Yang zeigt, dass die Chinesen sich nicht länger still fügen. Yang, das Opfer, will kämpfen.
Und Wu, eine Täterin, will reden - auch wenn sie ihren richtigen Namen nicht nennen möchte. Denn sie fühlt sich schuldig, weil sie einem Staat diente, der den Volkskörper pries und sich an den Körpern von Menschen verging.
Wu sitzt in ihrer Wohnung in Peking, in der Schale auf dem Tisch liegen Macadamia-Nüsse, mitgebracht aus Südafrika. Sie hat ein schönes Leben jetzt, Reisen nach Schweden und Malaysia, und sie hat Erinnerungen, die sie quälen.
Im Schnitt, sagt sie, habe sie zehn Abtreibungen pro Tag vorgenommen, damals Anfang der achtziger Jahre, als sie im Krankenhaus arbeitete. Manchmal kam sie auch auf 16 tote Föten am Tag. "Und das", sagt sie, "war ja nur, was ich selbst tat." Sie erzählt leise, ausdruckslos, wie sie die Auszeichnung bekam "Kein Unfall während 1000 Operationen" und den Bonus von 50 Yuan für ihre gute Arbeit. Wie die Frauen nach der Injektion ins Badezimmer liefen und erst zu spät merkten, dass das, was sie die Toilette hinuntergespült hatten, ihr eigenes Kind gewesen war. Wie diese kleinen Körper in der Abfallgrube hinter der Klinik landeten und Nachbarskinder mit Stöcken in der Grube stocherten. Vier, fünf, sechs, manchmal auch sieben Monate waren die Föten alt, die Wu tötete. Sie sagt: "Wir waren gleichgültig. Wir hatten keinen Respekt vor dem Leben." Auch die Frauen, die zu ihnen auf die Station gebracht wurden, seien so still gewesen, stumpf. "Wie eine Kuh, die darauf wartet, geschlachtet zu werden."
In den siebziger Jahren, als Wu täglich 40 Frauen sterilisierte, hatte sie den Bäuerinnen, die sich so sehr einen Sohn wünschten, immer noch die Politik der Regierung erklärt. Später, als man auch die Hochschwangeren zu ihr schickte, als sie wusste, wie es ist, mit den eigenen Händen neugeborene Babys in einem Wassereimer zu ertränken, da erklärte sie nichts mehr.
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» Teil1: "Wir haben unser eigenes Volk getötet"
» Teil2: Der Staat lockt und droht
 
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