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29.03.2012
 
Missbrauch im Bistum Trier
Aufklärung auf katholisch
Von Anna Loll und Peter Wensierski
DPA
Vertuschung statt Aufdeckung: Schont ausgerechnet der Missbrauchsbeauftragte und Trierer Bischof Stephan Ackermann Kinderschänder? In seinem Bistum scheinen die Aufklärer zum Schweigen verdammt zu sein.
Pater Klaus Gorges öffnet die Tür zu seiner kleinen Einliegerwohnung mit der beeindruckenden Sammlung orthodoxer Ikonen. Der 56-Jährige trägt Priesterrobe mit steifem Kalkkragen und war stets ein frommer und folgsamer Diener der katholischen Kirche. Doch inzwischen ist er tief erschüttert über seine kirchlichen Oberen. Weil er versucht hat, in der Pfarrei St. Martin in Köllerbach im Bistum Trier drei Missbrauchsfälle aufzuklären.
Er ist entsetzt über seinen langjährigen Vorgesetzten und Dechanten, entsetzt über den Trierer Bischof Stephan Ackermann und das ganze Ordinariat. Darum packte der konservative Pater seine ganze Enttäuschung dieser Tage in einen Brief an seine Kirchenoberen. Darin wirft er ihnen Vertuschung statt Aufklärung vor und fordert vom Bistum Trier, "endlich reinen Tisch zu machen".
Es ist in der katholischen Kirche eher unüblich, dass ein Geistlicher wie Pater Gorges seine obersten Dienstherren öffentlich kritisiert. Aber Gorges steht mit seiner Kritik nicht alleine. Bischof Ackermann sieht sich seit der SPIEGEL-Berichterstattung über die Weiterbeschäftigung pädophiler Priester nun neuen, massiven Vorwürfen ausgesetzt. Die katholische Kirche findet einfach nicht die erhoffte Ruhe, weil sie im Umgang mit Missbrauchsfällen offenbar weniger dazugelernt hat, als sie es so gern nach außen verkündet.
Schon gar nicht in Köllerbach. In einem offenen Brief empören sich diese Woche Angehörige eines anderen Pfarrers, dass Ackermann "bis zur Stunde" zu den Geschehnissen "keine öffentliche Erklärung an die Katholiken und Betroffenen" abgegeben habe. Gespräche würden verweigert, Mitarbeiter eingeschüchtert, Aufklärungsmaßnahmen verschleppt oder ganz verhindert. "Diese skandalöse, zutiefst unchristliche Vorgehensweise muss ein für alle Mal ein Ende finden", fordern die Katholiken.
Aufklärer wurden unter Druck gesetzt
Pater Gorges war seit Juli 2007 als Pater der konservativen Petrusbruderschaft vom Bischof mit der Seelsorge in der Gemeinde St. Martin beauftragt. Im März und April 2010 erfuhr er Konkretes über drei Missbrauchstäter. Ein Pater sollte demnach einen fünfjährigen Jungen missbraucht haben, ein anderer Geistlicher ein minderjähriges Mädchen. Dieser verging sich an ihr, hörte Gorges, als sie ihm in der Beichte offenbarte, dass ihr eigener Vater, der nach wie vor einen wichtigen Posten in der Gemeinde bekleidet, sie missbrauche.
Gorges informierte daraufhin im Frühjahr 2010 unverzüglich die Bistumsleitung in Trier sowie den frisch ernannten Missbrauchsbeauftragten Bischof Stephan Ackermann. Eine Aufklärung des Sachverhalts fand aber nicht statt, der aufrechte Pater wurde im Juli 2010 durch Ackermann von seinem Amt entpflichtet. Statt Nachfragen auf seine Entdeckungen gab es Schweigen. Ähnlich ist es einem zweiten Pfarrer vor Ort ergangen, Guido Ittmann. Nachdem dieser durch Gorges von den Missbräuchen gehört hatte, suchte er selbst nach Beweisen. Ein Sohn des Beschuldigten bestätigte Ittmann den Missbrauch an seiner Schwester und die Berichte von Gorges. Unmittelbar danach erstattete Pfarrer Ittmann Anfang Juni 2010 Strafanzeige. Die Bistumsleitung in Trier hatte dies selbst offenbar nicht für nötig befunden.
Auch das Mädchen selbst zeigte ihren Vater wegen Missbrauchs an und beschuldigte die beiden Priester. Ackermann sah jedoch die Anzeigen, wie auch die später lediglich wegen Verjährung eingestellten staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen, offenbar nicht als Anlass, den schweren Vorwürfen in seinem Bistum nachzugehen und die Opfer zu schützen. Stattdessen wurden die Aufklärer immer mehr unter Druck gesetzt. Auch von anderen Katholiken. Ittmann bekam anonyme Drohbriefe, in denen ihm körperliche Gewalt angedroht wurde. Ein Sack voller Tierkadaver lag vor seiner Tür, tote Fledermäuse im Weihwasserkrug der Kirche. Gerüchte kamen in der Gemeinde auf, er habe sich selbst etwas zuschulden kommen lassen - nichts daran stimmte, die Urheber blieben anonym.
FOTOSTRECKE

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