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04.04.2012
 
Unbemannte Späher
US-Regierung besitzt Pläne für Atomdrohnen
Von Markus Becker
FOTOSTRECKE
Die US-Regierung hat gemeinsam mit einem Rüstungskonzern Drohnen mit Nuklearantrieb entworfen. Die unbemannten Späher sollen dank der Reaktoren monatelang ohne Pause fliegen können. Doch die Pläne liegen angeblich auf Eis - weil Atomdrohnen politisch nicht vermittelbar seien.
Noch vor wenigen Jahren waren Drohnen exotische Erscheinungen am Himmel, inzwischen sind sie aus dem Arsenal moderner Militärmächte nicht mehr wegzudenken. Eine Schlüsselfähigkeit der unbemannten Aufklärungsflieger: Sie müssen lange in der Luft bleiben können. Je länger, desto besser.
Das Problem: Bisher verfügen Drohnen ausschließlich über konventionelle Antriebe. Die brauchen Sprit, und nach einigen Stunden ist auch der größte Tank leer. An Bord von Kriegsschiffen und U-Booten ist das Problem auf strahlende Art gelöst: Atomreaktoren sorgen für praktisch unbegrenzte Energiereserven. Ein US-Flugzeugträger etwa kann jahrzehntelang ohne neuen Brennstoff fahren.
Einen Reaktor inklusive Abschirmung, Kühlsystemen und Zusatzaggregaten an Bord in eine Drohne einzubauen, erscheint auf den ersten Blick irrwitzig. Doch die Sandia National Laboratories (SNL), die dem US-Energieministerium unterstehen, haben gemeinsam mit dem Rüstungskonzern Northrop Grumman eine Machbarkeitsstudie angefertigt. Das Ergebnis: Der Bau von Atomdrohnen wäre möglich - allerdings politisch nicht vermittelbar.
Laut dem Dokument, das die Federation of American Scientists (FAS) jetzt veröffentlicht hat, haben SNL und Northrop Grumman das Projekt bereits im Juni 2011 abgeschlossen. Das Ziel war demnach, die Flugdauer von Drohnen "von Tagen auf Monate zu steigern". Der etwa für Kameras und Sensoren zur Verfügung stehende Strom sollte zugleich verdoppelt werden.
Zwar ist in dem Dokument nicht ausdrücklich von Atomenergie die Rede, doch bei genauem Hinsehen bleibt wenig Raum für Zweifel. Der neue Antrieb solle "weit über bestehende Kohlenwasserstoff-Technologien hinausgehen", den Drohnen eine "nie dagewesene Leistungsfähigkeit" verleihen und "unerreichte globale Möglichkeiten" im Kampf gegen Terrorismus und die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen schaffen. Zudem werden Fragen der Betriebssicherheit, des Brennstoffkreislaufs, der Stilllegung und der Entsorgung diskutiert. Der Leiter der Studie, Steven Dron, gilt als Spezialist für Nuklearantriebe.
Forschung an Atomflugzeugen begann im Kalten Krieg
Es ist nicht das erste Mal, dass Ingenieure über den Einsatz von Atomantrieben in Flugzeugen nachdenken. Schon 1988 hat Northrop Grumman ein Patent für eine Drohne mit Helium-gekühltem Atomreaktor eingereicht. Doch die Forschung auf dem Gebiet geht zurück bis in die Anfänge des Kalten Krieges.
In der UdSSR etwa absolvierte die Tupolew Tu-119, eine Variante des Langstreckenbombers Tu-95, zwischen 1961 und 1965 Dutzende Testflüge. Sie besaß Turboprop-Motoren, die sowohl mit Kerosin als auch mit Atomkraft betrieben werden konnten. Ähnliches gilt für die Antonow AN-22PLO, ein Atomflugzeug-Prototyp, der Anfang der siebziger Jahre Testflüge absolviert haben soll.
Das amerikanische Konkurrenzmodell war die Convair NB-36H, die bereits von 1955 bis 1957 flog. Bei ihr trug der Reaktor an Bord allerdings nicht zum Antrieb bei: Das Experiment sollte lediglich beweisen, dass ein Flugzeug einen Kernreaktor tragen und in der Luft betreiben konnte.
Doch das amerikanische "Aircraft Nuclear Propulsion"-Programm wurde 1961 eingestellt. Auch die Sowjets gaben auf. Das lag zum einen daran, dass nach der Entwicklung von Interkontinentalraketen kein Bedarf mehr für Bomber mit extremen Reichweiten bestand. Zum anderen gab es auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs erhebliche Bedenken, was die Sicherheit von Atomflugzeugen betraf.
Politisch nicht vermittelbar
Die Sandia National Laboratories und Northrop Grumman glauben nun aber, die Probleme in den Griff bekommen zu haben. "Die technischen Ziele des Projekts wurden erreicht", heißt es in dem Abschlussbericht. Northrop Grumman sei zufrieden mit den Ergebnissen von Analyse und Design, "doch es war für alle enttäuschend, dass die politischen Realitäten die Nutzung der Resultate nicht gestatten". Die Verantwortlichen hielten das Thema offenbar für so brisant, dass sie die Machbarkeitsstudie unter Verschluss halten wollten. "Wegen Fragen der nationalen Sicherheit darf keines der Ergebnisse an die Öffentlichkeit gelangen", heißt es in dem Dokument.
Damit dürften die Experten durchaus richtig liegen. Nicht nur, dass Drohnen zur geheimen Überwachung großer Gebiete eingesetzt werden, dass mit ihnen Terrorverdächtige ohne Gerichtsverfahren liquidiert und dabei regelmäßig Unbeteiligte in die Luft gesprengt werden. Könnten sie bei Abstürzen künftig auch noch die Gegend verstrahlen, wäre ihr Einsatz politisch wohl völlig untragbar.
Kaum war das Dokument bekanntgeworden, versuchen die SNL, seine Bedeutung herunterzuspielen. "Sandia wird oft gebeten, Lösungen für die größten technischen Herausforderungen zu finden", hieß es in einer Erklärung. Die Arbeit sei "hochtheoretisch und sehr konzeptuell" gewesen, das Ergebnis eine reine Machbarkeitsstudie. Nichts sei jemals gebaut oder getestet worden. "Das Projekt wurde beendet."
Ohnehin scheint die Untersuchung quer zum aktuellen Trend zu liegen, der eher von großen Drohnen wegführt. Stattdessen kommen immer kleinere Modelle auf den Markt. Bei Aufklärungsdrohnen liegen die Vorteile auf der Hand: Wer effektiv den Gegner ausspähen will, sollte möglichst nicht selbst entdeckt werden. Doch auch bewaffnete Drohnen werden immer kleiner, weil inzwischen auch geradezu winzige Raketen und Bomben angeboten werden.
Eine atomgetriebene Drohne besäße dagegen wohl selbst beim Einsatz eines hochmodernen Reaktors beeindruckende Ausmaße - schon allein wegen der Abschirmung, die notwendig wäre, um das Bodenpersonal vor der Strahlung zu schützen. Die derzeit größte militärische Drohne, die RQ-4 "Global Hawk", bringt ein Leergewicht von fünf bis knapp sieben Tonnen auf die Waage. Bei der Convair NB-36H aus den fünfziger Jahren wog allein die mit Blei verkleidete Mannschaftskabine elf Tonnen.
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