SPIEGEL ONLINE
06.04.2012
 
Mitgliederschwund
Die Linke blutet aus
dapd
Führungsstreit, Wahlniederlagen, drohende Pleiten in Schleswig-Holstein und NRW: Die Linke plagt sich mit vielen Problemen und hat nach SPIEGEL-Informationen jetzt ein weiteres - die Mitgliederzahl ist erstmals seit der Fusion von Linkspartei und WASG unter 70.000 gesunken. Gregor Gysi ist genervt.
Berlin - 70.000 Parteimitglieder - für die Linke war das eine psychologische Marke. Nach SPIEGEL-Informationen ist die Partei jetzt erstmals seit der Fusion von Linkspartei.PDS und WASG im Jahr 2007 unter diesen Wert gesunken.
Während sich die Zahl in den mitgliederstarken, aber überalterten Ostverbänden hauptsächlich durch Todesfälle dezimiert, leidet die Linke im Westen unter Austritten oder Parteiwechseln. Allein in Nordrhein-Westfalen verlor die Linke im vergangenen Jahr mehr als 500 Mitglieder.
Bundestagsfraktionschef Gregor Gysi klagte kürzlich intern, der Zustrom aus der SPD und von den Gewerkschaften sei völlig zum Erliegen gekommen. Ihren Höchststand hatte die Partei im Bundestagswahljahr 2009 mit mehr als 78.000 Mitgliedern erreicht.
Die kriselnde Partei hat damit ein weiteres Problem. Seit Monaten quält sich die Linke schon mit der ungeklärten Führungsfrage: Im Juni soll auf dem Parteitag in Göttingen ein neuer Vorstand gewählt werden. Dem amtierenden Duo Gesine Lötzsch und Klaus Ernst werden kaum noch Chancen auf eine weitere Amtszeit eingeräumt, auch wenn Lötzsch bereits ihre erneute Kandidatur angekündigt hat. Völlig offen ist, ob der saarländische Fraktionschef Oskar Lafontaine auf die bundespolitische Bühne zurückkehrt und Anspruch auf den Posten erhebt.
Der Abwärtstrend für die Partei hält sich hartnäckig: Bei einer Reihe von Landtagswahlen im vergangenen Jahr musste sie deutliche Verluste einstecken, in Berlin ging sogar die Regierungsbeteiligung verloren. Auch der Wahlauftakt in diesem Jahr bei der Landtagswahl im Saarland war nur bedingt erfolgreich. Mit 16,1 Prozent steht die Linke im kleinsten Flächenland zwar deutlich besser da als in jedem anderen westlichen Bundesland, dennoch verlor sie 5,2 Prozentpunkte gegenüber 2009.
Schon bald drohen die nächsten Pleiten: Umfragen zufolge könnte die Linke bei den anstehenden Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen unter die Fünfprozenthürde rutschen. Vor allem dem Abschneiden in NRW, dem bevölkerungsreichsten Bundesland, wird parteiintern hohe Bedeutung zugemessen.
Großen Optimismus haben die Genossen auch bei der Mitgliederentwicklung nicht. So hatte der "Tagesspiegel" zuletzt unter Berufung auf ein internes Papier des Parteivorstands über folgendes Szenario berichtet: Wird der Negativtrend nicht gestoppt, könnte die Zahl der Mitglieder 2020 auf rund 58.000 zurückgehen.
 
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