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08.04.2012
 
Tarnkappen-Drohnen
So spionieren die Amerikaner Iran aus
AFP
Dutzende Drohnenflüge über verdächtige Anlagen, eine Spezialabteilung mit Hunderten Analysten, verdeckte CIA-Operationen: So sieht laut "Washington Post" das Spionage-Programm der USA gegen Iran aus. Der Bericht offenbart vor allem neue Details über Operationen mit Tarnkappen-Drohnen. 
Washington - Seit Jahren rätselt der Westen über das Atomprogramm Irans. Dabei wissen die Amerikaner offenbar bestens Bescheid über die nuklearen Pläne Teherans. Wie die "Washington Post" am Sonntag berichtet, haben die Amerikaner seit 2006 ihr Spionageprogramm gegen Iran ausgeweitet. Die Zeitung sprach mit aktuellen und früheren Sicherheitsberatern der US-Regierung. Sie kommt zu dem Schluss, dass man im Weißen Haus davon ausgehe, über eine Entscheidung Irans zum tatsächlichen Atombombenbau rechtzeitig Geheimdienstinformationen erhalten zu können.
Die Erkenntnisse würden die Verhandlungsposition der USA bei den neuen Fünf-plus-eins-Gesprächen stärken, die am Freitag in Istanbul wiederaufgenommen werden sollen, so das Blatt.
Mit neuen Details konnten die namentlich nicht genannten Regierungsvertreter vor allem beim Überwachungsprogramm mit Tarnkappen-Drohnen aufwarten. Bereits vor drei Jahren habe die CIA demnach eine Überwachungsdrohne vom Typ RQ-170 "Sentinel" auf einen Jungfernflug in den iranischen Luftraum geschickt. Knapp tausend Kilometer drang die Drohne über die Grenze nach Zentraliran vor - und kehrte sicher zu einer US-Basis zurück, ohne von den Iranern entdeckt zu werden.
Die Drohne machte Aufnahmen der damals geheimen Atomanlage bei Fordo nahe der zentraliranischen Stadt Ghom. Die Anlage steht im Zentrum des Atomstreits mit Iran - der Westen fordert vor den Verhandlungen kommende Woche die sofortige Schließung der lange geheim gehaltenen Anlage.
Der Flug der "Sentinel" bis nach Zentraliran ist offenbar kein Einzelfall. Laut "Washington Post" hat die CIA in den letzten Jahren Dutzende Tarnkappen-Drohnen in den iranischen Luftraum geschickt. Diese hätten Hunderte Male verdächtige Anlagen überflogen - bis zum Dezember 2011, als eine Drohne, ebenfalls vom Typ "Sentinel", über Iran abstürzte.
Drohnen mit Selbstzerstörungmechanismus?
Die Iraner präsentierten später das Fluggerät und behaupteten, das "Biest von Kandahar" abgeschossen zu haben. Später führten sie die Drohne im Staatsfernsehen vor. Die Amerikaner sprachen von einem technischen Defekt. Der Absturz gab der Öffentlichkeit zumindest einen kleinen Einblick in das Drohnen-Programm.
Vor dem Jungfernflug hatte es laut "Washington Post" eine interne Debatte in der CIA gegeben, ob man die Drohnen mit Selbstzerstörern ausrüsten solle, die das Fluggerät vernichten würden, sobald es vom Kurs abgekommt. Der damalige Nationale Geheimdienstkoordinator, Michael McConnell, habe dafür getrommelt, doch letztlich hätten sich Ingenieure der CIA durchgesetzt. Ihr Argument: Die Vorrichtung würde zu viel wiegen für die austarierte Leichtgewicht-Konstruktion.
Die Regierungsvertreter, die mit der "Washington Post" sprachen, berichteten, dass auch nach dem Absturz die Überwachungsflüge weitergingen und dass der Schaden für die allgemeine Überwachungsfähigkeit gering seien.
E-Mails und Satellitenbilder werden ausgewertet
In der Tat machen die Drohnenflüge nur einen Teil des breiten Spionageprogramms aus, das sich gegen Iran richtet. Die "Washington Post" berichtet, dass die National Security Agency (NSA), der größte Militärnachrichtendienst der USA, elektronische Kommunikation überwache und die National Geospatial-Intelligence Agency (zu deutsch etwa: "Nationale Agentur für geograpfische Aufklärung") Satellitenbilder auswerte. Letztere war es demnach, die die geheime Atomanlage bei Ghom erstmals entdeckte.
Der Westen verdächtigt Teheran, unter dem Deckmantel seines zivilen Atomprogramms am Bau einer Bombe zu arbeiten. Die iranischen Führung streitet dies ab. Israel fühlt sich von Iran in seiner Existenz bedroht und erwägt einen Angriff auf die Atomanlagen - wogegen sich die Amerikaner bislang aussprechen.
Das umfassende Programm hat laut dem Bericht 2006 seinen Ursprung genommen, als den Geheimdienstchefs und Sicherheitsberatern des damaligen Präsidenten George W. Bush aufgefallen sein, wie wenig man über die Absichten Irans in der Atomoffensive wusste.
Iran-Spezialisten werden im "Persia House" gesammelt
Die CIA habe daraufhin eine eigene Iran-Abteilung gegründet. Intern spricht man vom "Persia House". Die Abteilung zählt mittlerweile mehrere hundert Analysten und werde vom früheren CIA-Statthalter im pakistanischen Islamabad geleitet. Offiziell wollte die CIA keine Stellung dazu nehmen.
In der Region habe man fieberhaft ein Informantennetz aufgebaut. Und die Amerikaner konnten ihre Militärpräsenz in den iranischen Nachbarländern Afghanistan und Irak nutzen, um von dort aus Spionageoperationen zu starten, wie beim Fall des "Biests von Kandahar".
Was haben sie herausgefunden? Laut "Washington Post" sind die Amerikaner nach Jahren der verstärkten Spionagetätigkeit zu einer ähnlichen Einschätzung gekommen wie bereits 2007 in einem umstrittenen Bericht. Das Fazit lautete: Auch wenn sich die Iraner aktiv um die Voraussetzungen für ein Atomwaffenprogramm bemühen, hätte sich die Regierung bislang nicht dafür entschieden, auch tatsächlich einen atomaren Sprengkopf zu bauen.
Wenn sich dies ändere, sind die US-Regierungsvertreter überzeugt, würden es die amerikanischen Geheimdienste mitbekommen. Das dürften die Amerikaner auch deshalb betonen, weil sie einen Angriff Israels auf die iranischen Atomanlagen fürchten.
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