SPIEGEL ONLINE
10.04.2012
 
Fotoplattform Instagram
Das kann die Milliarden-Dollar-App
Von Konrad Lischka
FOTOSTRECKE
Diese Firma hat 27 Millionen Nutzer, aber gerade mal ein Dutzend Angestellte: Binnen zwei Jahren hat Instagram den Massenmarkt erobert, jetzt gibt Facebook eine Milliarde Dollar dafür aus. Warum? Weil das Foto-Netzwerk fürs Smartphone Nostalgie und Modernität auf sehr einfache Weise verbindet.
Es ist eine traurige Koinzidenz: Im Januar meldete die Foto-Traditionsfirma Kodak Insolvenz an, bis 2013 soll der Konzern unter Gläubigerschutz die Sanierung schaffen. Zuletzt, im Jahr 2010, machte Kodak mit etwa 18.000 Mitarbeitern sieben Milliarden Dollar Jahresumsatz und eine halbe Milliarde Verlust. Drei Monate nach der Kodak-Pleite gibt Facebook eine Milliarde Dollar für Instagram aus - eine Fotoplattform mit gerade mal zwölf Mitarbeitern. Ihre App verpasst Handyaufnahmen den Look der Analogfilme, mit denen Kodak einst Milliarden verdiente.
Instagram ist enorm erfolgreich: Binnen zwei Jahren hat die Plattform 27 Millionen registrierte Nutzer angezogen, obgleich bis Anfang April die Instagram-Anwendung zum Fotografieren, Bearbeiten und Veröffentlichen von Aufnahmen iPhone-Besitzern vorbehalten war. Was hat all diese Menschen angezogen?
Am Anfang waren es mit Sicherheit die Filter: Unter 16 Voreinstellungen zur Bildbearbeitung können Instagram-Nutzer inzwischen wählen, um ihre Fotos etwas anders aussehen zu lassen als die Masse der direkt vom Smartphone ins Netz gestellten Aufnahmen.
iPhone-Software simuliert Diafilm
Fast alle Instagram-Filter lassen die Smartphone-Fotos so aussehen, als seien sie auf Film fotografiert worden. Man kann mit einem Filter zum Beispiel den Eindruck erwecken, als sei da ein Diafilm im Negativverfahren entwickelt worden. Cross-Entwicklung heißt das im Labor, bei Instagram wird das als X-Pro abgekürzt. Wahrscheinlich weiß nur eine Minderheit der Nutzer, dass hier ein chemischer Effekt aus Analogzeiten per Software nachgeahmt wird. Die Wirkung erkennen aber alle: Die Farben sind sehr satt und knallig, der Kontrast hoch, die Ergebnisse wirken manchmal surreal.
Bei einem Instagram-Filter findet man sogar einen direkten Hinweis auf das Filmvorbild: "RVP100" steht auf dem analogen Filmrand, den Instagram beim "Nashville"-Filter in die Aufnahme kopiert. RVP steht für den Fuji-Diafilm Velvia (Reversal/Velvia/Professional), die 100 für die ISO-Empfindlichkeit. Bei diesem Instagram-Filter erinnern die intensiven Blautöne an das legendäre Vorbild aus der chemischen Fotografie.
Instagram-Fotos zeigen: Ich gestalte!
Wer bei seinen Smartphone-Fotos zwischen verschiedenen Filtern wählt, bringt eines zum Ausdruck: Er denkt beim Fotografieren nach, er knipst nicht, sondern will etwas gestalten. Was immer man über die Instagram-Filter denkt, das dürfte ein Antrieb für viele der 27 Millionen Nutzer sein. Man kann auch unterwegs schnell zumindest ein wenig gestalten, man kann seine Aufnahmen von der Schnappschussflut im Netz, gerade auf Plattformen wie Facebook, abheben.
Instagram-Aufnahmen heben sich von der Uniformität der standardmäßig und automatisch auf ein Ideal hin optimierten Handy-Schnappschüsse ab. Keine Digitalaufnahme ist unbearbeitet. Es wirken immer die in der Kamerasoftware codierten Annahmen der Ingenieure darüber, was eine gute Aufnahme ausmacht. Aufnahmen im Rohdatenformat sind von dieser fest codierten Bearbeitung ausgenommen. Instagram-Fotos unterscheiden sich von der Uniformität der Automatik-Schnappschüsse. Dass dabei wiederum eine Uniformität der Unangepassten entsteht, ist eine schöne ironische Wendung.
iPhone hilft Instagram und schadet Kodak
Dass Instagram so schnell so beliebt wurde, dass Kodak trotz all der Aktivitäten im Digitalgeschäft (Kameras, Digitalentwicklung, Fotoplattformen) so schnell Umsatz verlor, liegt auch am Erfolg des iPhones. 183 Millionen dieser Smartphones hat Apple bis Ende 2011 weltweit verkauft und damit jedem Besitzer auch eine Kamera geliefert, die immer dabei und immer online ist. Inzwischen ist bei der Fotoplattform Flickr das iPhone 4 die beliebteste Kamera überhaupt.
Instagram hat es mit einer sehr einfachen App geschafft, das Fotografieren, Bearbeiten, Veröffentlichen eigener und das Sichten der Fotos Gleichgesinnter auf dem Smartphone zusammenzufassen. Keine Logins, kein Speicherkartenwechsel, keine zusätzliche Software ist auf dem Computer zu Hause nötig.
FOTOSTRECKE
Instagram popularisiert den Lomo- und Polaroid-Erfolg
Dass die Zeit reif ist für ein solches technisch sehr modernes, optisch nostalgisches Foto-Netzwerk, hätte man 2009 ahnen können, als der Polaroid-Retter Florian Kaps seine Zielgruppe beschrieb. Der Unternehmer kaufte damals eine Produktionshalle in Enschede aus dem Polaroid-Rest, um dort Kameras und Sofortbildfilme für eine kaufkräftige, designorientierte Zielgruppe zu fertigen. Die Käufer der neuen Sofortbildfilme beschrieb Kaps' Businessplan so: "24 bis 47 Jahre alt, 55 Prozent männlich, hohes Bildungsniveau, kreativ, hohes verfügbares Einkommen, mehr als 52 Prozent Apple-Anwender."
Sein Polaroid-Plan ist aufgegangen - inzwischen hat die Firma Ladengeschäfte in Tokio, New York und Wien.
Eine kleine, technikverliebte Zielgruppe gibt viel Geld für Analogfotografie aus, weil die Bilder interessant und anders aussehen. Das hat schon der Erfolg der Lomographischen AG gezeigt - um Polaroid- und Lomo-Fotos hat sich im Netz eine sehr aktive Gemeinschaft gebildet. Instagram hat dieses Modell für eine größere Zielgruppe zugänglicher gemacht: Man braucht keine Filme, keine Analogkameras und muss nicht auf die Entwicklung und das Scannen warten, um nach Cross-Entwicklung aussehende Aufnahmen zu veröffentlichen.
Darf man Filme simulieren?
Man kann die Instagram-Filter natürlich als unehrlich kritisieren - hier wird nur der Anschein von Analogtechnik simuliert und dabei vor allem ihre Einschränkungen. Stattdessen könnte man ja versuchen, mit Digitaltechnik den Vorteilen der Analogfotografie nachzueifern, dem enormen Kontrastumfang von Filmmaterial zum Beispiel. Aber an sich ist nichts per se verwerflich daran, Digitalaufnahmen so zu bearbeiten, dass sie an bestimmte Filmeffekte erinnern. Für professionelle Bildbearbeitungssoftware erledigen das seit Jahren Zusatzprogramme wie das DxO FilmPack oder Nik Silver Efex Pro, die bestimmte Filme simulieren.
Der irische Fotograf Johnny Patience hat eine sehr pragmatische Antwort auf die Frage nach der Zulässigkeit digitaler Analogeffekte. Er schrieb im Fotoblog Kwerfeldein, es sei relativ schwierig, einen bestimmten "Film-Look" in digitalen Bildern zu emulieren. Andererseits sei es andersherum fast unmöglich, aus analogen Aufnahmen mit einem Scan an die Möglichkeiten einer Raw-Datei zu gelangen, falls man diese Farbwelt auf Wunsch einmal verlassen möchte. Patiences Antwort:
"Für mich ist dies auch der Hauptgrund, überwiegend digital zu fotografieren: Für Gegenlichtaufnahmen in der Hochzeitsfotografie mögen die cremigen Pastelltöne eines überbelichteten Fuji 400 H wunderbar passen. Für viele andere Situationen allerdings nicht. Und über den kreativen Freiraum meiner Farben möchte ich gern selbst entscheiden."
 
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