SPIEGEL ONLINE
25.04.2012
 
Datenberge bei Google und Co.
Gefangen in der Wolke
Von Ole Reißmann
Corbis
Apple, Facebook, jetzt auch Google mit seinem Speicherdienst Drive: Unsere Daten wandern in die Wolke, liegen auf Servern im Internet. Solche Clouds sind praktisch. Aber bei Web-Diensten, sozialen Netzwerken, Film- und Musikanbietern entstehen Datenberge, die sich unserer Kontrolle entziehen.
Jetzt auch noch Google. Am Dienstag präsentierte der Internetkonzern seinen Datei-Speicherdienst Google Drive - und reihte sich damit ein in ein breites Angebot kostenloser Gigaybyte-Speicher im Web.
Verabschieden Sie sich schon einmal von den Dateien auf ihrer Festplatte. Damit Texte, Kontakte, Musik und Filme überall erreichbar sind, auf verschiedenen Computern, auf Smartphones und Tablets, wandern diese Daten künftig in die Cloud. Das heißt, auf an das Internet angeschlossene Server, die in großen, weltweit verteilten Rechenzentren stehen.
Das ist praktisch, der lästige Umgang mit Dateien, das Synchronisieren, die Backups, das Umkopieren, alles entfällt. Wir Nutzer klicken und stupsen nur noch Inhalte auf Ihren Bildschirmen hin und her. Zum Beispiel E-Books auf dem Kindle: Nach dem Kauf landet die Datei automatisch auf den angeschlossenen Lesegeräten, ohne dass der Nutzer sich um Dateien kümmern müsste. Liest man auf einem der Geräte bis zu einer bestimmten Seite, wissen das auch die anderen Geräte.
Oder Fotos auf dem iPhone: Die werden automatisch in die Apple-Cloud hochgeladen, wenn man das nicht abstellt. Die Musik, die man über Facebook-Apps hören kann, kommt über das Internet gestreamt. Ähnliches gilt für Dokumente, die mit Google Docs bearbeitet werden: Wo genau diese Daten gespeichert sind, wie oft, in welcher Form, ist für den Nutzer intransparent, aber auch irrelevant.
Der Preis dafür ist die Abhängigkeit von den Cloud-Betreibern. Deren Systeme sind im Zweifel zwar denen von Privatanwendern überlegen, wer kann sich schon mehrfach redundante Backups und technisches Personal rund um die Uhr leisten? Dennoch sind auch Cloud-Betreiber nicht vor Pannen gefeit, wie etwa die Blackberry-Nutzer während der Cloud-Katastrophe im Oktober 2010 erfahren mussten. Vor kurzem erst streikten Apples iCloud-Mail-Dienste für viele Nutzer. Doch die Abhängigkeit ist noch größer.
Gefangen in der Google-Cloud
Mit zum Teil kostenlosen Angeboten locken derzeit eine Handvoll Konzerne - Facebook, Google, Apple, Microsoft, Yahoo und Amazon - Privatanwender in ihre Wolke. Und das ist ein Problem, wie der slowenische Philosoph Slavoj Zizek kritisiert. Denn die Cloud-Technik ist verbunden mit einer zunehmenden vertikalen Integration, mahnt der Theoretiker der neuen Linken: Google bietet nicht nur Textverarbeitung und Musikspeicher an, sondern stattet Telefone und Tablets mit Software aus, verkauft obendrein Musik und Videos.
Auch Apple und Amazon bieten, vertikal integriert, nicht nur Hardware und Software, sondern auch noch die Medieninhalte mit an. Alles von einem Anbieter. In Verbindung mit den mehr (Facebook) oder weniger (Apple) erfolgreichen sozialen Netzwerken ergeben sich somit riesige, integrierte Verkaufsplattformen. Das führt dazu, dass wir alle stets an den langen Leinen der Konzerne hängen, wenn wir eines ihrer Geräte benutzen, wie der Harvard-Jurist Jonathan Zittrain warnt. Mehr noch: Den Zugang zu den Kunden, die dazu verleitet werden, möglichst viele ihrer Daten von einem Anbieter verwalten zu lassen, können auch andere Firmen bekommen. Oder Regierungsbehörden.
Turbo-Philosoph Zizek spricht von einer Konzernherrschaft über den Cyberspace. "Zwei oder drei Unternehmen mit einem Quasi-Monopol können nicht nur die Preise festsetzen, sondern auch die Software auswählen, die sie anbieten." Was in der Wolke schwebt, entscheidet eine Handvoll Firmen, nach "kommerziellen und ideologischen" Interessen. Der Nutzer gibt die Kontrolle ab - Richard Stallman, Aktivist für freie Software, sagt deswegen: "Dieses neue Web ist voller Verlockungen - doch wir müssen ihnen widerstehen."
Zentralrechner mit herrischem Systemadministrator
So gesehen hat die Cloud - zumindest für Privatanwender - mehr etwas von einem Vergnügungspark mit Aufsicht oder einem Zentralrechner mit herrischem Systemadministrator. Wer sich nicht an die Hausordnung hält, dem wird die Zuckerwatte weggenommen und die Rechenzeit gekürzt. Die kostenlosen Dienste verdienen außerdem daran, dass sie ihre Nutzer möglichst umfassend ausforschen, um gezielte Werbung verkaufen zu können.
Die Cloud wird zum goldenen Käfig - und schuld daran sind nicht allein die Hausregeln. Denn worüber die Betreiber von Cloud-Infrastruktur mit 99,9999-prozentiger Ausfallsicherheit und zig Millionen zufriedener Kunden ungern reden: Ihre Datenspeicher stehen bei Strafverfolgern und Sicherheitsbehörden hoch im Kurs. Auf ihnen liegen private Nachrichten, Abbilder von Beziehungsnetzwerken, Fotos und Dokumente, die einen intimen Blick ins Privatleben einer Person zulassen.
Google listet zwar auf, wie viele Regierungsanfragen der Konzern bekommt - in den USA wie in anderen Ländern existieren jedoch Gesetze, die es den Firmen sogar verbieten, die Betroffenen auch nur über einen Antrag auf Datenherausgabe zu informieren. Gegen solche Maulkörbe können Firmen im Interesse ihrer Nutzer zwar juristisch vorgehen - sie müssen den finanziellen und zeitlichen Aufwand aber nicht auf sich nehmen.
Ohne zusätzliche Vorkehrungen, wie eine End-to-End-Verschlüsselung, geben Nutzer ihre Daten bei vielen kostenlosen Angeboten den Unternehmen und womöglich sogar Behörden oder Hackern ungeschützt preis.
Wie Sie Ihre Daten in der Wolke sichern können, lesen Sie hier.
 
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