Gewalt gegen Rettungskräfte
Angepöbelt, angespuckt, attackiert
Sie sind gekommen, um zu helfen. Und brauchen mitunter selbst Hilfe. Wie häufig Rettungskräfte Tritte oder Schläge kassieren, zeigt eine Studie: Jeder Vierte wurde schon Opfer von Gewalt. Die Täter sind meist betrunkene Männer - beileibe nicht nur in sozialen Brennpunkten.
"Wenn mein Bruder stirbt, stirbst du auch. Ich weiß, wo du wohnst." Solche Sätze hören Heiko Bickel, 51, und seine Kollegen häufiger. Das klingt nach Mafia, dabei ist Bickel schlicht Rettungsassistent in Grünberg bei Gießen. Beleidigungen gehören zu seinem Berufsalltag, nahezu täglich hört er Wörter, die man besser nicht zitiert. Wenn es nur dabei bliebe: Inzwischen ist Heiko Bickel froh, wenn er nicht tätlich angegriffen wird.
So geht es vielen deutschen Rettungskräften. Sie wollen helfen, oft aus Berufung. Aber im Einsatz werden sie behindert und beschimpft, angespuckt und geschubst, geschlagen und getreten. Welche Dimension das Problem hat, zeigt eine neue Studie aus Nordrhein-Westfalen: Die Soziologin Julia Schmidt von der Ruhr-Universität Bochum befragte fast 900 Sanitäter und Feuerwehrleute. Verbalen Angriffen war fast jeder schon ausgesetzt, 59 Prozent auch aggressiven Übergriffen. Und mehr als jeder vierte Retter wurde Opfer von körperlicher, strafrechtlich relevanter Gewalt - nicht etwa im Laufe eines langen Berufslebens, sondern in den letzten zwölf Monaten.
In 36 Jahren hat Heiko Bickel allerhand erlebt. So drehte ein alkoholabhängiger Patient ihm bei einem Einsatz den Daumen um, bis alle Bänder rissen. Der Rettungsassistent musste operiert werden, konnte zweieinhalb Monate nicht arbeiten. Ein Kollege wurde in Einsatz gebissen, ein anderer mit einem Messer bedroht.
"Wir kommen zu einem Opfer und werden selbst zum Opfer", sagt Bickel fassungslos. Der Täter, der ihn attackierte, ist der Untersuchung von Julia Schmidt zufolge ein typischer: Wer auf Rettungskräfte losgeht, ist meist zwischen 20 und 39 Jahren alt, männlich und im Rausch.
Das ist nicht überraschend, andere Ergebnisse der Untersuchung aber schon. So geschehen verbale oder körperliche Angriffe öfter tagsüber als nachts, ebenso oft im privaten wie im öffentlichen Raum. Großveranstaltungen wie Demonstrationen, Volksfeste oder Sportereignisse spielen dabei keine herausgehobene Rolle. Und soziale Brennpunkte sind bei weitem nicht die einzigen Tatorte: Mehr als jeder vierte Übergriff gegen Rettungskräfte ereignet sich in bürgerlichen Wohngegenden.
"Solche Attacken haben in den letzten zehn Jahren deutlich zugenommen", sagt Heiko Bickel. "Inzwischen überlegen viele Kollegen, ob sie nicht einen Kampfsportkurs absolvieren sollen. Einige tragen schon gepanzerte Westen gegen Stichverletzungen."
Viele Rettungskräfte fühlen sich angesichts der täglich lauernden Risiken inzwischen überfordert. Immerhin reagieren die Berufsverbände und gehen das Problem in Fortbildungen an. "In einem Kurs eines Kripobeamten haben wir gelernt, unsere Umwelt bei Einsätzen auf potentielle Schutzräume zu scannen", erzählt Bickel. "Wenn ich eine Wohnung betrete, schaue ich inzwischen zuerst nach Möglichkeiten, die mich bei einer Attacke schützen. Die Versorgung des Patienten steht längst nicht mehr allein im Mittelpunkt unserer Einsätze."
Abwehrtechniken für die Retter
Auch Julia Schmidt empfiehlt in ihrer Studie solche Kurse, um die Rettungskräfte besser auf Konfliktsituationen bei ihren harten Einsätzen vorbereiten zu können. Trainingsprogramme zur Deeskalation und zu "körperschonenden Abwehrtechniken" sollen die oft hilflosen Helfer unterstützen. Das wünschen sich auch 77 Prozent der Rettungskräfte.
Die Bochumer Soziologin befragte Mitarbeiter von Rettungsdiensten und Berufsfeuerwehren in Nordrhein-Westfalen, darunter die großen Städte Essen und Dortmund sowie die kleineren Städte Mülheim an der Ruhr und Remscheid. Hinzu kamen die ländlichen Regionen um Düren und Warendorf.
Könnte der Gesetzgeber die Rettungskräfte besser schützen? 2011 wurden die Paragraphen 113 und 114 im Strafgesetzbuch verschärft; dabei geht es um "Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und gegen Personen, die Vollstreckungsbeamten gleichstehen". Auch Rettungskräfte sind nun in den Schutzbereich einbezogen. Ihre Sicherheit hat das der Bochumer Untersuchung zufolge aber nicht verbessert.
Trübe Erfahrungen hat auch Heiko Bickel gesammelt. Nach der Verletzung seines Daumens hat er gegen den Täter geklagt. Allerdings sei das Verfahren eingestellt worden - der Täter habe schon wegen anderer Delikte eingesessen. Der Verdienstausfall, zu dem die Attacke führte, wurde ihm nicht ersetzt, sagt Bickel.
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