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23.04.2012
 
Einzigartige Film-Trilogie im ZDF
Herzen rasen, Schüsse knallen
Von Hannah Pilarczyk
FOTOSTRECKE
Wie glückt ein Leben? Wie scheitert es? Zehn Jahre lang hat eine Filmemacherin drei muslimische Jungs in Köln mit der Kamera begleitet. Herausgekommen ist eine Trilogie mit Humor - aber auch Konflikten. Jetzt ist das preisgekrönte Werk im ZDF zum ersten Mal komplett zu sehen.
Wütend stapft Ali in voller Montur in die Küche, wo seine Eltern, aber auch Filmemacherin Bettina Braun auf ihn warten. Warum die Kamera schon an sei, schimpft Ali. Ob er nicht ein paar Minuten Verschnaufpause haben könnte, bevor es mit der ständigen Filmerei weitergehe?
Über ein Jahr sind die Dreharbeiten zu "Wo stehst du?" bereits abgeschlossen, aber wenn Bettina Braun über die Eingangsszene des Films spricht, kocht bei ihr immer noch Ärger hoch: Ja, sie habe mit der Kamera in der Küche auf Ali gewartet. Der habe sie aber mal wieder versetzt und ihre Verabredung verpennt. "Im Film sieht es nur so aus, als käme er von draußen rein. Dabei hat er bis 14 Uhr geschlafen und sich nach dem Aufstehen einfach eine Jacke angezogen!"
Nicht immer ist es so konfliktreich zwischen Braun und ihren Protagonisten Ali, Alban und Kais verlaufen, aber immer so engagiert - und zwar auf beiden Seiten. Über zehn Jahre hat Braun die drei muslimischen Jungen aus Köln mit der Kamera begleitet. Drei unbedingt sehenswerte Filme sind dabei entstanden: 2004 kam der mehrfach preisgekrönte "Was lebst du?" in die Kinos, 2008 lief "Was du willst" im Fernsehen. An diesem Montagabend sind beide Filme im ZDF zu sehen, am kommenden Montag hat der dritte Teil "Wo stehst du?" TV-Premiere.
Die Herzen rasen, die Schüsse knallen
"Ich brauch' einen, der gut Deutsch reden kann", ruft Ali in die Runde. Es ist 2001, und Ali will seine Ausbildung als Glaser abbrechen. Er weiß aber nicht, wie er das Schreiben an seinen Chef formulieren soll. Da greift sich ein Freund den Stift und fängt an: "Meine Entscheidung habe ich aus folgenden Gründen getroffen: Die Arbeitsatmosphäre entsprach nicht meinen Vorstellungen, weil ich mich von meinem Chef und meinen Mitarbeitern ungerecht behandelt gefühlt habe."
Wie so viele Szenen der drei Filme spielt auch diese im Jugendzentrum Klingelpütz in der Kölner Innenstadt. Dort hat Braun Kais, Ali und Alban kennengelernt, das Zentrum ist ihr wichtigster Treffpunkt. Zu Beginn der Dreharbeiten sind die drei zwischen 16 und 20 Jahren alt, Alban ist im Kosovo geboren, Ali hat marokkanische Eltern, Kais' Familie stammt aus Tunesien. Was sie trotz unterschiedlicher Hintergründe eint, sind mehr als schwierige Schulkarrieren - und ihre Liebe zum HipHop.
"Auf der Straße/ Die Herzen rasen/ Die Schüsse knallen/ Die Menschen fallen/ Das Anderssein wird einem zum Verhängnis/ Und man landet schnell im Gefängnis/ Wenn man ein Schwarzkopf ist"
Gemeinsam mit ihrem Freund Ertan sitzen die drei im Klingelpütz am Küchentisch und proben ihre Rap-Songs, im Hintergrund beäugt sie kritisch ein Sozialarbeiter. Die Talente, das merkt man schnell, sind sehr unterschiedlich gelagert. Fast noch unterschiedlicher fallen bei ihnen aber Ehrgeiz und Durchhaltevermögen aus.
Ein ganz großer Rapper
"Ich werde noch ein ganz Großer. Ich muss einer werden. Ein ganz großer Rapper", sagt Ali halb zu sich, halb in die Kamera. Der zielstrebige Kais hat ganz ähnliche Träume, doch sie scheinen im Verlauf von "Was lebst du?" in immer weitere Ferne zu rücken. Zu Beginn des Films zieht er nach Berlin, um auf eine Schauspielschule zu gehen. Doch nach nur einer Woche bricht er die Ausbildung ab - das Heimweh, sagt er, war zu groß. Als Kais bei einem Casting für ein Musical mit Jugendlichen aus schwierigen sozialen Verhältnissen nicht genommen wird, Ali aber eine Hauptrolle ergattert, scheinen die Perspektiven klar zu sein. Kais steht sich selbst im Weg, Ali wird sich bei allem Wankelmut wegen seines Talents durchsetzen.
So naheliegend diese Schlussfolgerung auch ist: Sie ist falsch - und das gezeigt zu bekommen, ist das große Verdienst von Bettina Braun und der Redaktion vom Kleinen Fernsehspiel im ZDF, die sie bei allen drei Filmen unterstützt hat. Erst im Verlauf der Trilogie zeigt sich nämlich, wie viele Faktoren auf die Lebenswege von Ali, Alban und Kais einwirken und wie komplex sowohl ein Triumph als auch ein Versagen sein kann.
Immer wieder begehen die drei grobe Fehler, rutschen in die Kriminalität ab oder lassen Chancen ohne Not ungenutzt. Während Kais jedoch von seiner Familie aufgefangen wird, die auch finanziell alles gibt, damit er seinen Traum von der Schauspielerei verwirklichen kann, hadert Ali mit seinem streng religiösen Vater, dem er nicht einmal von seiner Musical-Hauptrolle erzählen mag.
Zehnjährige beim Diskriminierungsrollenspiel
Am meisten zerreißt der kulturell-religiöse Konflikt mit den Eltern aber den zurückhaltenden Alban. Im letzten Film kann ihn Braun kaum noch für Aufnahmen erwischen, denn seine Eltern haben ihn rausgeschmissen, er muss bei Freunden auf dem Sofa schlafen. Was in Albans Leben passiert, das sieht man nicht mehr anhand von Filmaufnahmen, sondern kann es nur noch aus bruchstückhaften Erzählungen heraushören. Andeutungen von großen Schulden und einer arrangierten Verlobung reichen jedoch aus, um eine Ahnung von dem immensen Druck, unter dem er steht, zu bekommen. Wie lang wird er ihn noch aushalten?
Vorsichtig dosiert Braun das Thema Diskriminierung in ihren Filmen. Zuallererst erobern einen Ali, Alban und Kais mit ihrem Charme und ihrem verschlagenen Witz. Dass die drei durchaus exemplarische Konflikte durchleben, die über ihre persönliche Lebenswelt hinausweisen, kommt erst nach und nach zum Tragen, etwa wenn plötzlich Aufnahmen von 1993 aus dem Klingelpütz zu sehen sind. Ein kaum zehn Jahre alter Ali schaut aufgeregt zu, wie sein Freund Ertan anfängt zu rappen. Dann geht es über in ein Rollenspiel zum Thema Diskriminierung. "Hier stinkt es", sagt einer der Jungen. "Ey, das sind doch Ausländer!", sekundiert ein anderer. "Die nehmen uns die Arbeitsplätze weg."
Wollte sie jemals eingreifen, den Jungem beim Ausfüllen von Bewerbungen helfen oder sie dazu bringen, rechtzeitig zu einem Gerichtstermin zu erscheinen? Nein, sagt Bettina Braun. "Die müssen mit zwei Kulturen leben. Teilweise resultieren daraus übergeordnete Probleme, die man nicht mit ein paar Hilfestellungen überwinden kann. Und es gibt für sie auch andere Anlaufstellen für Hilfe." Ob die aber immer sinnvoll beraten, ist eine andere Frage: "Da kamen manchmal Empfehlungen zum Beispiel für Moussa (Alis kleiner Bruder, Anm. d. Red), sich mit Hauptschulabschluss auf eine Lehrstelle zu bewerben", erzählt Braun. "Dabei war klar, dass die eine Leonie mit Abitur bekommt."
Die Anteilnahme am Leben der Jungen ist bei Braun noch immer zu spüren. Einen weiteren Film mit Ali, Alban und Kais plant sie trotzdem nicht. "Künstlerisch und persönlich hat sich das für mich erst einmal erledigt", sagt sie. Immer wieder habe sie mit der Unzuverlässigkeit der drei kämpfen müssen, sei versetzt worden oder habe wochenlang auf einen Rückruf warten müssen. "Auf Dauer ist es sehr anstrengend und zeitraubend, mit Menschen zu arbeiten, die so wenig Struktur in ihrem Leben haben."
"Was lebst du?", 24.4., 0.10 Uhr, "Was du willst", 24.4., 1.35 Uhr, "Wo stehst du?", 01.5., 0.20 Uhr, jeweils im ZDF.
 
Zum Thema:
 Fotostrecke: Zehn Jahre mit Ali, Kais und Alban
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