SPIEGEL ONLINE
22.04.2012
 
Erbeutetes Fluggerät
Iraner bauen angeblich US-Drohne nach
Von Markus Becker
FOTOSTRECKE
Iran behauptet, die von den USA erbeutete Stealth-Drohne kopieren zu können. Experten halten das für eine leere Drohung: Dem Mullah-Regime fehlten die notwendigen Kenntnisse. Für China und Russland gilt das allerdings nicht. Sie sind laut Teheran brennend an dem US-Flieger interessiert.
Für die iranische Regierung war es ein Propaganda-Erfolg erster Güte: Im Dezember 2011 stürzte eine amerikanische Drohne bei einem Einsatz über dem Land ab und geriet äußerlich nahezu unversehrt in die Hände des iranischen Militärs. Obendrein handelte es sich bei dem unbemannten Flugzeug nicht um eines der altbekannten US-Modelle, sondern um eine RQ-170 "Sentinel". Der erste bestätigte Einsatz der hochmodernen Tarnkappen-Drohne fand erst 2009 statt, und seitdem dürfte sie zu einem wichtigen Teil der US-Spionage in Iran geworden sein.
Die Iraner haben das Fluggerät prompt im Fernsehen präsentiert und ein lebensgroßes Modell mitten in Teheran ausgestellt. Eine iranische Firma hat die Drohne sogar als Spielzeugmodell auf den Markt gebracht. Vor allem aber hat das Mullah-Regime angekündigt, den unbemannten Flieger zu analysieren und nachzubauen.
Damit machen die Iraner nun nach eigenen Angaben Fortschritte. Die halbamtliche Nachrichtenagentur Mehr zitierte General Amir Ali Hadschisade mit der Aussage, man habe die Drohne analysiert und baue inzwischen an einer Kopie. Zudem seien Experten damit beschäftigt, die in der Drohne gespeicherten Daten zu sichern, sagte der Leiter der Luftfahrtabteilung der mächtigen Revolutionswächter.
Iraner wollen Daten gewonnen haben
Als Beweis zählte Hadschisade im iranischen Staatsfernsehen einige Daten auf, die man bereits gewonnen habe. So sei die Drohne im Oktober 2010 für Wartungsarbeiten in Kalifornien gewesen und im Monat darauf ins afghanische Kandahar verlegt worden. Im Dezember 2010 seien die Sensoren des Fluggeräts in Los Angeles geprüft worden. Hadschisade behauptete auch, dass die Drohne nur zwei Wochen vor der Tötung von Qaida-Chef Osama Bin Laden in Pakistan im Einsatz gewesen sei. An der Aktion im Mai 2011 soll eine RQ-170 beteiligt gewesen sein.
"Hätten wir uns keinen Zugang zur Soft- und Hardware dieses Fluggeräts verschafft, hätten wir diese Details nicht bekommen", sagte Hadschisade und fügte ein wenig kryptisch hinzu: "Unsere Experten haben ein vollkommenes Verständnis der Komponenten und der Programme des Flugzeugs erlangt."
Dass die Iraner Herren über die Technik der RQ-170 sind, halten Fachleute allerdings für wenig wahrscheinlich - denn dazu ist das Land auf den entsprechenden technologischen Gebieten schlicht nicht fortschrittlich genug. Zwar könnten Teherans Ingenieure aus dem Material und der Konstruktion der Drohne einiges lernen. Fraglich aber ist, was die Software des Systems ihnen verraten wird - und die ist von zentraler Bedeutung für die Flugfähigkeit der Drohne und ihre sonstigen Fähigkeiten.
"Bestenfalls eine Runde um den Block fliegen"
Am Ende könnten die Iraner möglicherweise einen Innovationsschub in einigen Teilbereichen ihres eigenen Drohnenprogramms erzielen. "Ein Nachbau der RQ-170 aber dürfte bis auf weiteres unmöglich sein", sagt etwa Sascha Lange vom Penzberger Drohnenhersteller EMT.
So verfügten die Iraner nicht über die Satelliten, die zur Kommunikation mit der Drohne notwendig seien. "Das bedeutet, dass sie mit einem solchen Gerät bestenfalls eine Runde um den Block fliegen könnten", meint Lange. Auch andere Technologien besäßen die Iraner nicht selbst - weder ein Strahltriebwerk, das eine RQ-170-Kopie antreiben könnte, noch tiefere Stealth-Kenntnisse.
"Um das gesamte System nachzubauen, genügt es nicht, das Original auseinanderzunehmen und die Teile zu analysieren", sagt Lange. "Man muss die Technik verstehen." Die Iraner aber hätten bisher nur kleine taktische Drohnen mit Propellerantrieb gebaut. "Von dort aus ist der Weg zu einer Stealth-Drohne mit Strahlantrieb noch weit", so Lange. Bisher seien die Iraner wohl allenfalls in der Lage, ein Fluggerät mit dem Aussehen einer RQ-170 zu bauen - "nicht aber mit ihrer Funktionalität".
Andere Länder sind dagegen technologisch deutlich weiter. Schon kurz nach dem Absturz der Drohne waren Befürchtungen aufgekommen, Iran könnte Teile des Fluggeräts oder daraus bezogene Erkenntnisse an Staaten wie China oder Russland weitergeben - etwa im Austausch gegen Atom- oder Raketentechnologie.
Iran scheint derzeit alles zu tun, um derartige Befürchtungen des Westens zu verstärken. Am Donnerstag berichtete Irans halbamtliche Nachrichtenagentur Fars, Russland und China hätten Teheran gebeten, die amerikanische Drohnen-Technologie mit ihnen zu teilen.
Die Agentur zitierte Ahmad Karimpour, einen Berater des iranischen Verteidigungsministers, mit der Aussage, dass eine ganze Reihe von Ländern derartige Anfragen gestellt hätten. Moskau und Peking seien dabei allerdings am aggressivsten aufgetreten. Weitere Details nannte Karimpour nicht.
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