SPIEGEL ONLINE
03.05.2012
 
Kurtulus-Abschied beim "Tatort"
Amok für Amor
Von Christian Buß
FOTOSTRECKE
Was für ein Abgang! "Tatort"-Cop Cenk Batu muss am Sonntag in seiner letzten Episode eine ungeheuerliche Entscheidung treffen: Soll er den deutschen Bundeskanzler töten, um eine Frau zu retten? Und damit sich selbst? Ein Spektakel für Darsteller Mehmet Kurtulus - und die Zuschauer.
Als Abschiedsgeschenk gibt es einen Auslands-Dreh und die große Liebe: Ein letztes Mal wird an diesem Sonntag der Hamburger Undercover-Ermittler Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) in einem "Tatort" zu sehen sein. Und am Anfang des Endes sieht man ihn mit seiner neuen Freundin (Anna Bederke) im Fischerdörfchen Caleta de Famara im rauhen Westen Lanzarotes. Vor ihm der offene Atlantik, hinter ihm die vielen falschen Identitäten, die er annehmen musste, um das Verbrechen zu bekämpfen. Er stürzt sich mit der Frau in die aufgewühlte See, scheint sich all die berufsbedingten Lügen endlich abzuwaschen. Ja, das muss der echte Cenk sein, der Mann hinter den tausend Legenden.
Jedenfalls für ein paar Minuten. Eben sehen wir ihn noch beim Liebemachen in der kargen Vulkan-Kulisse Lanzarotes, da bimmelt das Dienst-Handy. Kurz darauf ist Cenk Batu schon wieder in ein Undercover-Kostüm geschlüpft, diesmal ist er als Händler in der Hamburger Börse mit schmalem Schlips und italienischem Anzug unterwegs. Sorry Kleine, Liebe machen wir später, muss nur kurz die Welt retten.
Oder zumindest das Land: Ein genialischer bubihafter Trader namens Dobler (Christopher Letkowski) hat eine Killerin auf den Bundeskanzler (Kai Wiesinger) angesetzt, denn der will den Spekulationsgeschäften der Banken einen Riegel vorschieben. Das Honorar für die Mörderin ist aus Sicht des Börsianers in zweierlei Hinsicht gut angelegt: Zum einen wäre der unliebsame Politiker aus dem Weg geschafft, zum anderen lässt sich mit der durch das Attentat verursachten Krise das große Geld machen. Milliarden.
Sprengt die Fesseln des Fernsehkrimis!
Den Börsianer-Fatzke bringt Batu schnell unter seine Kontrolle, die Killerin aber zieht den Auftrag alleine durch: Valerie (Corinna Harfouch) ist eine Mordmaschine kurz vor dem Ruhestand, die unter "sensorischen Integrationsstörungen" leidet. 19 Morde wurden ihr von den Ermittlungsbehörden bis in die achtziger Jahre zugeschrieben, dann verlor sich ihre Spur. Inzwischen hat sie einen halbwüchsigen Sohn (Jonas Nay aus "Homevideo"), der ihr beim Morden zur Hand geht. Die Mutterrolle hat die Autistin allerdings kaum verändert, ihr Handeln wird durch keinerlei Empathie gehemmt. Ein Psychologe beschreibt sie als kalten Engel.
Regisseur und Autor Matthias Glasner hat für seinen spektakulären "Tatort" tief im Genre des Killer-Thriller gegraben: Jean-Pierre Melvilles "Der eiskalte Engel", Luc Bessons "Nikita", John Woos "The Killer" - diese Klassiker haben Spuren hinterlassen in der "Tatort"-Geschichte um Auslöschungsprozesse und Todessehnsucht. Glasner ist einer der risikofreudigsten Filmemacher des Landes, er dreht ohne Netz, Meisterwerke ("Der freie Wille") und Fehl-Kompositionen ("Gnade") wechseln sich in seinem Werk ab. Sein erster "Tatort" mit dem schönen Titel "Die Ballade von Cenk und Valerie" sprengt nun die Fesseln des Fernsehkrimis, das Realitätsgebot ignoriert er geflissentlich.
Der Regisseur überhöht den "Tatort" zum metaphernschweren Melodram: Die Mordmaschine Valerie und der Börsianer Dobler erscheinen als Untote, deren Streben längst nicht mehr irgendeinem irdischen Ziel geschuldet ist. Sie sind Zombies, vom Leben der anderen längst entkoppelt. Dass der Undercover-Polizist Batu, selbst ein vom Leben entkoppelter, jetzt auf diese Untoten trifft, kann nur tragisch enden. Denn die endlich gefundene Liebe macht den Profi angreifbar.
Und wer könnte diese tragische Figur besser spielen als Mehmet Kurtulus? Der kam im Vergleich eher mäßig beim Fernsehpublikum an - trotz aller Perfektion, mit der er Cenk Batu verkörperte. Denn es gehörte zum Prinzip dieser Undercover-Figur, dass sie sich für jede "Tatort"-Episode veränderte - und dadurch immer schwerer erkennbar war fürs Publikum, das in der Primetime oft mit überschaubaren Identitätskonstruktionen bei der Stange gehalten wird. Cenk Batu, der Türke mit den multiplen Identitäten, überforderte den deutschen Fernsehzuschauer.
In dem letzten Batu-"Tatort" potenziert sich nun das gesamte tragische Potential in einer Szene: Der Cop muss zum Bösen werden, um das einzig Gute zu retten, was ihm je im Leben passiert ist: Die Killerin hat seine schwangere Freundin entführt, damit er den Bundeskanzler tötet. In einer unendlich lang erscheinenden Zeitlupen-Sequenz sieht man, wie er dem deutschen Regierungschef die Pistole an die Schläfe hält, während vor ihm die Kameras das Attentat direkt ins Fernsehen übertragen. Amok für Amor, die Tragödie eines Mannes als mediales Großereignis: Kurtulus spielt dieses Finale als letzten großen Kraftakt eines Verleugneten und Vergeudeten.
Mit ähnlichen überlebensgroßen Momenten ist beim Hamburg-"Tatort" bald nicht mehr zu rechnen. Til Schweiger übernimmt als Ermittler. Kaum anzunehmen, dass sich der deutsche TV-Zuschauer von dem überfordert fühlt.
"Tatort: Die Ballade von Cenk und Valerie", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD
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