SPIEGEL ONLINE
14.05.2012
 
Siebenbürgen-Drama im ZDF
Dracula, der Kanake
Von Nikolaus von Festenberg
FOTOSTRECKE
Klebstoff Heimat: Als Rumäniendeutscher kehrt Oliver Stokowski in "Das Geheimnis in Siebenbürgen" nach einem Vierteljahrhundert in sein altes Land zurück. Eigentlich will er eine marode Fabrik sanieren, doch dann kommen ihm eine alte Liebe und alte Seilschaften der Securitate in die Quere.
Am meisten rührt in diesem Film seine schier allumfassende Themenbeladung an. "Das Geheimnis in Siebenbürgen" hat sich Handlungsstränge aufgeladen, die für gleich mehrere TV-Movies von 90 Minuten Länge reichen würden. So viel dramaturgische Absicht war selten.
Der Film (Regie: Martin Enlen, Buch: Thomas Kirchner, Bearbeitung: Rolf Silber) will uns die Tragik der Geschichte der Rumäniendeutschen nahebringen, aber uns nicht mit dieser Tragik überfluten. Er will Völker versöhnen, er will uns mit mildem Spott über die Wirtschaft des Donaulandes informieren, er will eine Liebesgeschichte erzählen, er will uns verliebt machen in den Charme einer hinterwäldlerischen Kultur. Er will sogar junge Menschen interessieren, er schafft Licht in eine einst von Nicolae Ceausescus Securitate angezettelte Schweinerei, er löst ein Familiengeheimnis, er leistet Ehepaartherapie, und er wartet mit Zukunft und einer Art Happy End auf.
Das alles bietet "Das Geheimnis in Siebenbürgen" auf, um den Zuschauer an einen wenig bekannten Ort zu binden, an dem die TV-Unterhaltung sonst vorbeischippert. Er hat Angst vor dem Desinteresse des Massenpublikums. Man kann dem Film deshalb nicht böse sein. Auch wenn er manchmal vor Sentimentalität und Idylle regelrecht trieft.
Die Katze in der Hundehütte
"Das Geheimnis in Siebenbürgen" (für das ZDF produziert von der zur SPIEGEL-Gruppe gehörenden Aspekt Telefilm) folgt dem bekannten Schema der Fernsehmärchen über einen, der auszog, um wie ein Roboter seine Absichten durchzusetzen und wider Erwarten in einen Menschen verwandelt wird. Lukas Schauttner (Oliver Stokowski) ist eigentlich ein knallharter Managementberater, und die heruntergekommene Fabrik im rumänischen Siebenbürgen plattzumachen, wäre ihm ein Leichtes. Vor allem, da die Consulting-Firma, an der Schauttner beteiligt ist, die Einnahmen aus dem Prüfauftrag dringend braucht - je schneller, desto besser.
Doch Heimat, deine vertrackten Lieder! Schauttner entstammt der Gegend. Er ist 1987 aus Siebenbürgen nach Deutschland übergesiedelt, nachdem die Geheimpolizei Securitate ihm und seiner Familie dort brutal zugesetzt hatte. Er hat es verwunden, sich von seinen neuen Landsleuten in der Schule als "Dracula, der Kanake" beschimpfen zu lassen.
Dennoch hat ihn der Bruch mit der rumäniendeutschen Heimat traumatisiert. Schauttner schwant nichts Gutes, als sein Chef alle Skrupel beiseite wischt und ihn zum schnellen Plattmachen der Fabrik ermuntert. Er fürchtet sich vor der Vergangenheit und zitiert eine Weisheit aus Siebenbürgen: "Wenn die Katze in der Hundehütte zur Welt kommt, bellt sie noch lange nicht den Mond an." Verdrängen geht nicht gut - das ist die oberste Lehre des Films.
Die alten Ängste vor rumänischen Uniformträgern überfallen Schauttner schon auf dem Flughafen. Der Chef der maroden Firma (großartig: Jürgen Tarrach) ist ein totaler Versager, durch die Fabrik laufen die Schafe, statt Lkw transportieren Pferdewagen die Produkte. Die Sache ist klar: Die Klitsche muss weg.
Die Liebe steht dem Sanieren im Wege
Wenn da nicht der unwiderstehliche Klebstoff Heimat wäre: Schauttner ist bei einer alten Siebenbürger Sächsin (Dorothea Walda) untergebracht, die ihn altmodisch devot Revisor nennt und ihn mit Großmutters Marmelade ebenso vom Pfad des unbarmherzigen Prüfens abbringen will wie mit Altfrauengesängen, Saufgelagen und anderen Hexenkünsten. Da bezirzen außerdem die zauberhaften Bilder (Kamera: Philipp Timme) von dörflichen Idyllen, Schnappschüsse etwa von freundlich-komischen Gestalten, die mit langen Stangen die dörflichen Elektroleitungen anheben, damit der Touristenbus untendurch passt.
Und, na klar, die Liebe steht dem kühlen Sanieren im Wege. Die Liebe in ihrer sentimentalsten Form, als eine von staatlicher Gewalt und finsterer Intrige unterdrückte Leidenschaft. Traurig, schön und gekränkt schaut die vor Jahrzehnten zurückgebliebene Ex-Geliebte Mara (Dorka Gryllus, "Der Fürst und das Mädchen") auf den Revisor. Dem gelingt es nicht, seine alte Jugendliebe einfach wegzurechnen. Selbst Schauttners Ehefrau (Katharina Böhm), die ihrem Mann mit Tochter nachreist, kann die alte Verbindung nicht aus Schauttners Herz reißen, so bärbeißig der auch aus Selbstschutz dreinschaut - Stokowskis bestes theatralisches Mittel.
Schauttners Tochter Nina (Anna Willecke) geht unbefangener auf die neue Umgebung zu. In den ersten Szenen ist sie historisch gänzlich unbeleckt, bekommt dann aber praktischen Unterricht über das Seelenleben eines Volkes, das noch immer an postkommunistischen Verwundungen laboriert. "Wir machen Dreck weg, weil wir müssen, aber wir sind kein Dreck", bekommt Nina von Maras Tochter Tamina (Helen Woigk) erklärt, deren Vater als Straßenfeger in Italien überfahren wurde. In diesen Momenten weht ein herber Hauch in das Siebenbürger Idyll, wie auch in den Securitate-Rückblenden und in den Szenen mit der in den Westen übergesiedelten Schauttner-Großmutter (Gudrun Ritter).
Die Szenen der Wiederannährung zwischen Mara und dem wieder aufgetauchten Lukas Schauttner gehen dann aber auch bis hart an die Grenze zum Kitsch, wenn das alte und neue Paar in Wechselrede Passagen aus dem Gedicht "Siebenbürgische Elegie" zitiert ("Anders rauschen die Brunnen, anders rinnt hier die Zeit. Früh fasst den staunenden Knaben Schauder der Ewigkeit"). Doch solche Poesie erdrückt nicht alle Ansätze zu leichtem Humor, die in diesem Film gegen übermächtige Traurigkeit angehen.
So wird etwa eine nachahmenswert pfiffige Idee der alten Siebenbürger Sachsen gezeigt: die "Ehekammer". Sie wurde einst für partnermüde Paare eingerichtet, und Mara und Lukas nutzen sie - allerdings vergeblich. Bis zu drei Wochen wurden Scheidungsgefährdete dort eingesperrt, um in der Zwangsisolation ihre Zuneigungsreserven zu klären, woran in modernen Zeiten Mediatoren, Anwälte und Therapeuten verdienen. Von Siebenbürgen kann man lernen.
"Das Geheimnis in Siebenbürgen", Montag, 20.15 Uhr, ZDF
 
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