Hertha-Abstieg
Berlin kann ja doch fliegen
Die Hauptstadt steht wieder ohne Bundesligist da. Hertha BSC muss nach nur einem Jahr zurück in die 2. Liga: Ein Abstieg, der ebenso hausgemacht wie unnötig ist. Der Verein hat ein Führungsproblem. Dazu kommen finanzielle Sorgen und ein sportlicher Aderlass.
Berlin hat, was sonst keiner hat. Es gibt nirgends eine andere große europäische Hauptstadt, die nicht zumindest einen Verein in der Ersten Liga vorweisen kann. In London sind es gleich fünf, in Rom immerhin noch zwei. In Berlin keiner mehr. Nach dem
sportlichen Abstieg in der Relegation von Hertha BSC bleibt dem Olympiastadion lediglich die Aussicht auf das Pokalendspiel 2013. Auf das Lokalderby gegen Union. Und auf Sandhausen und Regensburg. Hertha hat es vermasselt. Es ist der hausgemachteste Abstieg, der vorstellbar ist.
Die
skandalösen Begleitumstände der entscheidenden Partie bei Fortuna Düsseldorf haben es überdeckt, dass hier eine technisch versierte, sauber kombinierende Mannschaft aufgetreten ist, spielerisch dem Gastgeber hoch überlegen. Ein Team, das einen Mittelfeldregisseur Raffael, einen Mittelstürmer Adrian Ramos in den Reihen hat, sollte den Klassenerhalt sichern können. Dennoch gehören beide jetzt zum zweiten Mal zum Abstiegs-Kader. Hertha hat sich selbst zerlegt.
Da sind die Undiszipliniertheiten, die sich durch die Saison gezogen haben. Im Training gerieten Akteure mehrfach handgreiflich aneinander, im Spiel reagierten sich die Profis mit unnötigen Frustfouls ab. Der vollkommen überflüssige Platzverweis von Änis Ben-Hatira in Düsseldorf, der die Partie praktisch vorentschied, steht sinnbildlich für einen fehlenden sportlichen Benimm. Die Meldung, dass Levan Kobiaschwili nach dem Spiel Schiedsrichter Wolfgang Stark angegriffen haben soll, auch. Acht Platzverweise hat Hertha in dieser Spielzeit kassiert. Wenigstens darin war das Team spitze.
Eine Mannschaft ohne Führung
Eine Mannschaft ohne Disziplin ist eine Mannschaft ohne Führung. Der Verein hat seit Jahren ein Führungsproblem - aber noch nie ist es so massiv zu Tage getreten wie in dieser Saison. Manager Michael Preetz hat sicherlich vieles getan, um nach den autokratischen Jahren des Vorstandsvorsitzenden Dieter Hoeneß das vereinsinterne Klima zu verbessern. Gleichzeitig hat er aber genauso viel darin geleistet, Hertha zu einer desaströsen Außendarstellung zu verhelfen. In der Öffentlichkeit bleibt nach dieser Spielzeit das Bild eines Chaos-Vereins übrig - von daher waren die Umstände des Abstiegsspiels nur angemessen.
Sein
Zerwürfnis mit Aufstiegs-Trainer Markus Babbel, wer immer daran hauptverantwortlich sein mochte, sein
Missgriff mit dem Zwischencoach Michael
Skibbe, die Verpflichtung
des gestrigen Otto Rehhagel, das verunglückte
Interview mit sich selbst auf der Hertha-Website, das Abschotten von der Öffentlichkeit in den vergangenen Wochen - es ist viel zusammengekommen in diesen Monaten, seit die Hertha von Hinrundenplatz elf ins Bodenlose abgestürzt ist.
Es wurde über Preetz' Versäumnisse in den vergangenen Monaten so viel geschrieben, dass man beinahe den Impuls verspürt, den Manager irgendwie in Schutz zu nehmen. Möglichwerweise ist das auch das Motiv von Präsident Werner Gegenbauer, der auch nach dem Relegations-Desaster noch zu seinem Manager steht. Auf der Mitgliederversammlung am 29. Mai wird er beste Argumente brauchen, dies zu begründen.
Etat muss radikal heruntergefahren werden
Im Vorjahr nach dem ersten Absturz, den Hertha in der Ägide Preetz zu verkraften hatte, gelang der sofortige Wiederaufstieg - auch weil man den teuren Erstliga-Kader damals weitgehend zusammenhielt. Dies wird man diesmal nicht schaffen. Herthas finanzielle Situation ist angespannt, der Club ist mit 35 Millionen Euro verschuldet und müsste seinen Etat radikal herunterfahren. Einige wenige Leistungsträger mit Tormann Thomas Kraft an der Spitze wollen in Berlin bleiben, das Gros wird sich jedoch verabschieden.
Der Club steht vor einem Neuanfang - und der wird schmerzlich ausfallen. Dazu gehört zuallererst ein neuer Coach. Das könnte Ralf Rangnick sein, möglicherweise auch der frühere Lautern-Coach Marco Kurz. Für beide wäre es eine echte Herausforderung, diesen schwer angeschlagenen Verein wieder nach oben zu bringen. Starke, eigenwillige Trainer haben es in Berlin nie leicht gehabt, siehe Babbel, siehe auch den heutigen Gladbach-Coach Lucien Favre, der vor zwei Jahren gehen musste.
Hertha hat derzeit eigentlich nur eine einzige zarte Hoffnung: Dass der DFB nach den skandalösen Begleitumständen von Düsseldorf ein Wiederholungsspiel ansetzt, das man dann auf irgendeine Weise für sich entschiede. Das ist alles, was dem Verein an Perspektive bleibt.
Es wäre ein Wunder, wenn man Hertha in der Bundesliga so bald wiedersieht. Wer soll das vollbringen?
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