EU-Wachstumsgipfel
Anleger fürchten Europa der Zwietracht
Börsenkurse fallen, der Euro gerät unter Druck. Vor dem EU-Wachstumsgipfel herrscht an den Märkten Unsicherheit. Investoren fürchten, dass sich Europa nicht auf eine gemeinsame Strategie gegen die Wirtschaftskrise und den drohenden Euro-Austritt Griechenlands verständigen kann.
Frankfurt am Main - Mehr als zwei Prozent Minus beim deutschen Leitindex Dax , 2,5 Prozent Minus beim Euro Stoxx 50 - unmittelbar vor dem Krisengipfel der EU-Staaten am Mittwochabend zittern die Anleger in Europa. Sie fürchten vor allem einen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone, aber auch die Debatte um die umstrittenen Euro-Bonds bereitet den Investoren Sorgen. "Der Angstmodus ist wieder eingeschaltet", sagte ein Händler in Frankfurt.
In Europa rutschten die Aktienkurse am Mittwoch ab. In London fiel der FTSE 100 bis zum Nachmittag um 2,3 Prozent, in Italien sank der Leitindex sogar um mehr als drei Prozent. Auch in New York eröffnete der Dow Jones im Minus. Der Kurs des Euro fiel auf 1,2578 Dollar - der tiefste Stand seit Juli 2010.
Die Hoffnungen, dass der Gipfel die Euro-Zone näher an eine Lösung der Krise bringt, sind gering. "Bei wichtigen Themen wie etwa Griechenland oder Euro-Bonds sind keine konkreten Entscheidungen zu erwarten", sagte Aktienhändlerin Dafni Serdari.
Im Falle Griechenlands wächst die Sorge davor, dass das Land aus der Euro-Zone austreten muss. "Das Risiko, dass Griechenland den Euro verlässt, besteht", sagte der frühere griechische Regierungschef Loukas Papademos dem "Wall Street Journal".
"Obwohl ein solches Szenario wenig wahrscheinlich ist und weder für Griechenland noch für andere Länder wünschenswert wäre, können wir nicht ausschließen, dass bereits Vorbereitungen laufen, um die möglichen Folgen eines griechischen Austritts aus der Euro-Zone in den Griff zu bekommen", sagte Papademos. Entscheidend sei, ob das Land bereit sei, die von EU, Internationalem Währungsfonds (IWF) und Europäischer Zentralbank (EZB) diktierten Sparprogramme kontinuierlich umzusetzen.
Ein Austritt der Griechen aus der Euro-Zone würde "katastrophale" wirtschaftliche Konsequenzen haben, warnte Papademos. Die Kosten eines Austritts schätzte er auf 500 Milliarden bis eine Billion Euro. Einige Berechnungen legten nahe, dass die Inflation eine Rate von 30 bis 50 Prozent erreichen könne, sagte der frühere Vizepräsident der EZB.
Die Euro-Länder bereiten sich angeblich auf einen Austritt vor
Papademos hatte ab November 2011 sechs Monate lang die griechische Übergangsregierung geführt. In der vergangenen Woche übergab er das Amt des Ministerpräsidenten an den 67-jährigen Verwaltungsrichter Panagiotis Pikrammenos, der ebenfalls als Übergangsregierungschef amtiert. Am 17. Juni finden erneut Parlamentswahlen statt, weil nach der Wahl Anfang Mai alle Versuche zur Bildung einer neuen Regierung am Streit zwischen Befürwortern und Gegnern des drastischen Sparkurses gescheitert waren.
Auch die Euro-Länder bereiten sich angeblich bereits auf einen Austritt Griechenlands vor. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, habe eine Arbeitsgruppe die Regierungen aufgefordert, nationale Notfallpläne für den Fall eines Austritt Griechenlands aus der Währungsgemeinschaft auszuarbeiten. Jeder einzelne Staat müsse seinen eigenen Plan vorbereiten, sagten zwei Vertreter der Währungsunion der Agentur. Dies sei am Montag während einer Telefonkonferenz der Arbeitsgruppe, die aus Vertretern aller 17 Euro-Länder besteht, verabredet worden.
Die Deutsche Bundesbank warnte Griechenland indessen eindringlich vor einem Ende des Sparkurses. Das Land riskiere damit einen Stopp der internationalen Hilfen und müsste die Folgen selbst tragen, schrieb die Zentralbank in ihrem am Mittwoch veröffentlichten Monatsbericht. "Für den Euro-Raum und Deutschland wären die Herausforderungen in diesem Fall erheblich, aber bei vorsichtigem Krisenmanagement beherrschbar." Dagegen würde ein Aufweichen der Vereinbarungen das Vertrauen in Absprachen und Verträge in der Währungsunion stark schwächen.
Oettinger warnt Bundesregierung vor Nein zu Euro-Bonds
Das zweite Thema, das die Anleger beschäftigt, sind die viel diskutierten Euro-Bonds. Der neue französische Präsident François Hollande treibt die Diskussion um die Gemeinschaftsanleihen voran, doch Deutschland blockt rigoros ab.
Der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann sagte, er unterstütze Hollande voll und ganz. Euro-Bonds seien aber ein langfristiges Projekt, "das nicht in den nächsten zwei, drei Jahren realisierbar" sei. Voraussetzung sei eine verlässliche Haushaltsdisziplin. Auch Luxemburg, Dänemark und Italien stehen laut Faymann hinter Hollandes Initiative.
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) bekräftigte dagegen das Nein der Bundesregierung zu den Gemeinschaftsanleihen. "So lange jedes Land seine eigene Finanzpolitik betreibt, ist es ausgeschlossen, die Haftung für die Anleihen zu vergemeinschaften", sagte Schäuble dem NDR. So wie Deutschland seien die "allermeisten" EU-Länder gegen die Euro-Bonds. Auch FDP-Parteichef Philipp Rösler lehnt Euro-Bonds ab. "Wir sind uns in der FDP einig, dass Euro-Bonds völlig ungeeignet sind, um Europa wieder auf die Beine zu stellen", sagte er SPIEGEL ONLINE.
Der deutsche EU-Energiekommissar Günther Oettinger riet der Bundesregierung, sich nicht grundsätzlich gegen die Einführung der Anleihen zu stellen. "Euro-Bonds sind eine Frage des Timings", sagte Oettinger dem "Handelsblatt".
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