Als Studentin in Italien
Lebe lieber sorgenlos
In Deutschland war Medizinstudentin Johanna Reiser immer strebsam, in Italien anfangs die große Blonde ohne Plan. In Neapel lernte sie dann schnell dazu - vor allem wie man piano lebt, ohne ein Wort Italienisch segelt und bedenkenlos Müßiggang studiert.
Ich bin blond, blauäugig und gefühlt doppelt so groß und kräftig wie die Durchschnittsitalienerin. Ich falle also sofort auf, an der Uni in Neapel sieht man mir die Austauschstudentin tatsächlich an der Nase an. Lange war mir diese Vorstellung ein Graus, schließlich ist Erasmus eine Massenbewegung mit zweifelhaftem Ruf: partywütige, fast nur im polyglotten Pulk auftretende Studenten, die kaum die Landessprache beherrschen.
Vor allem vor mir selbst hatte ich Probleme, einen Erasmus-Aufenthalt zu rechtfertigen. Also zögerte ich: Nichts gegen eine ordentliche Feier, aber ein halbes Jahr lang? Vielleicht verlängert sich mein Studium, weil mir am Ende Scheine fehlen? Oder in Deutschland doch nicht anerkannt werden? Dann sollte ich ja auch noch irgendwann eine Doktorarbeit schreiben. Und schnell noch ein viermonatiges Praktikum absolvieren... Zudem: Ich fühle mich nicht als Mitglied der "Spaßgesellschaft", will nicht zur "Generation Erasmus" gezählt werden.
Ich fragte mich: Was bringt ein Erasmus-Aufenthalt? Nutzt mir - als angehende Ärztin - oder einem zukünftigen Arbeitgeber meine erweiterte Sprachkompetenz? Ist der Aufwand verhältnismäßig?
Nicht nur an meiner Fakultät wird sehr gewissenhaft studiert. Ich erlebe den Großteil der deutschen Mitstudenten als bemüht und angestrengt lernend. Statt Utopien zu ersinnen, werden Studienverlaufspläne erarbeitet. Praktika werden geplant, keine Revolutionen. Wir sind eine kalkulierende Generation, auf der Suche nach einem Platz im gesellschaftlichen Gefüge.
Müll und Mafia statt Südspanien?
Letztlich entschied ich mich aus Verdruss für einen Auslandsaufenthalt. An meiner Heimatuniversität Freiburg fiel mir die Decke auf den Kopf. Jedes Semester das gleiche Karussell! In einem solchen Moment, in dem ich zwar nicht genau wusste, was ich wollte, sondern nur, dass es etwas anderes sein sollte, entschied ich mich für Süditalien (ihr kennt die Klischees: Müll! Mafia!) und gegen Spanien. Vielleicht auch, weil ich bereits vor Beginn versuchte, mich trotz Teilnahme von dem Programm zu distanzieren. Südspanien kam daher allein wegen des Klischees als das typische Erasmusziel nicht mehr in Frage, genauso wenig wie ein vorbereitender Sprachkurs.
So habe auch nicht ich mein neues Zimmer gefunden, sondern meine spätere Mitbewohnerin mich. In diesem Moment war mein stereotypes Aussehen vorteilhaft, ein "fremd und verwirrt"-Schild um den Hals war nicht mehr nötig. Grazia nahm mich einfach mit und zeigte mir die Wohnung, zu der vier italienische Studenten gehörten, die kein Wort Englisch sprachen.
Statt in einen Sprachkurs investierte ich spontan in Segelunterricht - der findet ja immerhin auf Italienisch statt. Meistens sagte der Segellehrer sowieso nur den einen gleichen Satz zu mir: Ich solle doch endlich auf das Segel schauen und nicht auf das Panorama! Das war aber auch schon die einzige Ermahnung.
Überall, wo ich hinkam, waren alle sehr hilfsbereit gegenüber Erasmusstudenten. Natürlich war es ein bisschen mühsam, alles herauszufinden und zu organisieren, aber es verging kein Tag, an dem mir nicht beschieden wurde, mir auf keinen Fall um irgendetwas ernsthaft Sorgen zu machen: non ti preoccupare!
Gerade anfangs hatte ich aber noch oft Lust, mir Gedanken zu machen. Zum Beispiel darüber, woher ich ohne Bibliothek Lernmaterial bekommen sollte, was ich bei sich überschneidenden Vorlesungen zu tun hätte oder wie ich zeigen könnte, dass ich keinesfalls eine Ausländerin im andauernden Ausnahmezustand bin.
Keiner traut mir etwas zu = Keiner will was von mir!
Ich ärgerte mich über das allseits generöse Lächeln bei dem "Bekenntnis", Erasmus zu machen, darüber, dass mir keiner etwas zuzutrauen schien. Ganz langsam wandelte sich der Ärger in Gelassenheit und ich begriff: Es will eben auch niemand irgendetwas bestimmtes von mir! Eine ganz neue Erfahrung, vor allem für eine Medizinstudentin. Von da an streifte ich tagelang durch Neapel, suchte mir einen Nebenjob, gab ihn wieder auf, trank sehr viel Kaffee, besuchte Kinos, Theater, Feiern und Konzerte, saß in der Sonne, las, schwatzte endlos.
Klar, ich ging auch zur Uni. Neben den Vorlesungen machte ich Praktika im Krankenhaus. Auf eigene Faust organisiert, denn der Lehrplan schreibt den italienischen Kommilitonen keine Praxis vor. Insgesamt lag der Zeitaufwand für das Studium jedoch weit unter dem in Deutschland.
Und piano, piano fühlte ich mich auch beim Nichtstun bestens. Süditalien ist sicherlich ein Ort, der für diese Lektion besonders geeignet ist, aber auch aus anderen Ländern hört man selten, dass beklagenswert hart studiert werden musste. Regeln können einen Erasmusstudenten höchstens bei der Rückkehr einholen: Probleme mit Kursbelegungen im Ausland und Anerkennungen von mitgebrachten Scheinen verlängern manchmal tatsächlich das Studium.
Dennoch kenne ich niemanden, der seinen Erasmusaufenthalt bereut hat. Auch ich nicht.
© SPIEGEL ONLINEImpressum Alle Rechte vorbehalten