SPIEGEL ONLINE
05.06.2012
 
Forderung der EU
Autohersteller sollen Spritverbrauch realistischer messen
dapd
Beim Spritverbrauch liegen Herstellerangaben und Realität weit auseinander - meist verbrauchen die Autos deutlich mehr, als im Verkaufsprospekt angegeben. Nun will die EU neue Richtlinien zur Verbrauchsmessung einführen. Das Erstaunliche daran: Die Industrie will das Vorhaben sogar unterstützen.
Den Verbrauchsangaben der Autohersteller traut heute kaum noch jemand. In der Praxis lassen sich die genannten Werte eigentlich nie erreichen. Deswegen will die EU jetzt eine neue Art der Messung des Spritverbrauchs durchsetzen, die künftig realistischere Angaben ermöglichen soll. Zudem soll außer Abgasen wie Kohlendioxid auch der von Autos ausgehende Lärm künftig durch Gesetze begrenzt werden. Das berichtet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" in ihrer Mittwochsausgabe.
Dem Blatt liegt ein Strategiepapier der Cars-21-Gruppe vor, einer Runde führender Vertreter der EU-Länder und Unternehmenschefs wie Dieter Zetsche (Daimler) und Philippe Varin (Peugeot). Industriekommissar Antonio Tajani und der Chef des Branchenverbands ACEA sowie Fiat-Vorsitzender Sergio Marchionne wollen das Konzept am Mittwoch in Brüssel offiziell vorstellen.
Hintergrund für den Bericht des hochkarätig besetzten Gremiums ist die Krise der Branche in Europa durch schwindende Verkäufe und neue Importkonkurrenz aus Korea. Trotz des wachsenden Exportgeschäfts für die deutschen Oberklassehersteller wie Audi, BMW und Mercedes machen Massenhersteller wie Fiat, Opel und Peugeot in ihrem europäischen Geschäft hohe Verluste und kämpfen mit Überkapazitäten.
Einsicht bei der Industrie
Für das laufende Jahr erwartet die Cars-21-Gruppe, dass der europäische Automarkt zum fünften Mal hintereinander schrumpft und nur noch 12,4 Millionen Autos verkauft werden. Das wären drei Millionen weniger als 2007 und so wenige wie seit 1996 nicht mehr. Mit einer baldigen Erholung des Markts sei nicht zu rechnen.
Der Bericht betont die Bedeutung der Branche für den Wohlstand in Europa. Die Autoindustrie zähle zwölf Millionen Beschäftigte und trage mit 70 Milliarden Euro positiv zur Handelsbilanz bei. Auf staatliche Kaufanreize wollen die Hersteller verzichten. Vielmehr sollen die Rahmenbedingungen für verstärkte Exporte in Überseemärkte verbessert werden. Dazu zählen außer der Forschungsförderung mit Milliardenbeträgen weitere Freihandelsabkommen mit Ländern wie Indien und Japan, die auf einem gegenseitigen Abbau von Zollschranken basieren, sowie eine Harmonisierung der technischen Anforderungen.
Ausdrücklich genannt wird eine global angepasste Verbrauchsmessung. Diese solle realistischere Annahmen als bisher zugrunde legen. So wurde bislang weniger Stadtverkehr - mit vielen Brems- und Anfahrtsvorgängen - angenommen. Deshalb liegen die offiziellen Angaben für neue Autos regelmäßig unter dem tatsächlichen Verbrauch. Der neue Zyklus könnte möglicherweise zum September 2014 eingeführt werden. Ab dann gilt auch die neue Abgasnorm Euro 6.
Dass die Autoindustrie die Differenz selbst eingesteht, ist neu. Außerdem will sich die EU künftig erstmals der Regulierung von Lärmemissionen widmen. Das könnte vor allem für die Hersteller teurer Sportwagen - wie etwa die zum VW-Konzern gehörenden Luxusmarken Bugatti und Porsche - relevant werden. Darüber hinaus mahnt die Expertengruppe eine europaweite Koordination der staatlichen Kaufanreize für Autos mit alternativen Antrieben an, also für Elektro- und Brennstoffzellenfahrzeuge.
 
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