Raketenjet "Lynx"
Weltraumflieger wollen nach Norddeutschland
Es ist eine ferne Zukunftsvision: Von einem Flugplatz bei Cuxhaven könnten eines Tages Raketenflugzeuge an den Rand des Weltraums vorstoßen. Ein kalifornisches Unternehmen hat dafür nun einen Antrag gestellt.
Berlin - Eine Betonpiste, zweieinhalb Kilometer lang und 45 Meter breit, rundherum Äcker, Wiesen und Windräder. Das ist der Flughafen Nordholz bei Cuxhaven. Marineflieger starten von hier mit Hubschraubern und Propellermaschinen zu ihren Patrouillen über Nord- und Ostsee. Durch einen sogenannten Mitbenutzungsvertrag können aber auch zivile Maschinen - Luftfrachtdienste, Charterflieger und Geschäftsleute - den sogenannten Sea-Airport anfliegen.
Doch nun debattiert man an der niedersächsischen Küste, ob womöglich bald viel exotischere Maschinen in Nordholz zu Hause sein könnten. Und ganz ausgeschlossen ist das nicht. Die Rede ist von Raketenfliegern des Typs "Lynx", mit denen das kalifornische Unternehmen Xcor eines Tages zahlungskräftige Reisende an die Grenze des Weltraums bringen will.
Die Firma arbeitet seit mehr als zehn Jahren an der nötigen Technik, geflogen ist der "Lynx" noch nicht. Falls die Stratosphärenflieger also tatsächlich eines Tages aus Niedersachsen starten sollten, dauert das wohl noch lange. "Es hat eine Anfrage von dieser Firma gegeben", bestätigt aber Joachim Delfs. Er leitet die Oldenburger Außenstelle der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr, die gleichzeitig die für die Region zuständige Luftfahrtbehörde ist. Das Projekt sei freilich erst "in den Anfängen einer Ideenfindung".
Auch Anja Naumann von der zuständigen Deutschen Flugsicherung (DFS) in Bremen hat schon von dem Antrag gehört. Die Behörde in Oldenburg habe ihr Haus um eine Stellungnahme gebeten. "Diese Prüfung ist noch ganz am Anfang." Es sei das erste Mal, dass sich ein Unternehmen in Deutschland um eine entsprechende Erlaubnis bemühe. "Das hat es noch nicht gegeben. Es gibt keine gängigen Verfahren dafür."
Alle Flugplätze in Deutschland geprüft
Sein Unternehmen habe zunächst alle Flugplätze in Deutschland auf eine mögliche Tauglichkeit als Startort für die Raketenflieger untersucht, erklärt Xcor-Manager Andrew Nelson im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Dann haben wir drei interessante Flughäfen identifiziert" - und zwar:
Cuxhaven/Nordholz in Niedersachsen Peenemünde in Mecklenburg-Vorpommern Heringsdorf in Mecklenburg-Vorpommern
Nordholz habe ihn bei einem Besuch dann am meisten überzeugt: "Eine schöne Landebahn direkt am Meer, geringe Bevölkerungsdichte in der Region, gleichzeitig nicht weit entfernt von größeren Bevölkerungszentren." Sowohl mit den militärischen als auch den zivilen Nutzern des Flughafens habe er sich unterhalten. Und alle seien von dem Plan begeistert gewesen: "Wer würde nicht ein Weltraumflugzeug da stehen haben wollen? Es ist die coolste Sache der Welt."
Eine fünf Quadratmeter große Scheibe soll den Gästen aus dem Flieger dereinst einen unvergesslichen Blick auf die Erde bescheren - und sie zumindest kurzzeitig den happigen Preis vergessen lassen: Dem Vernehmen nach kostet ein Flug 71.000 Euro. Dafür sollen fünf Minuten Schwerelosigkeit geboten werden. Das ist deutlich mehr, als derzeit
bei Parabelflügen mit normalen Flugzeugen möglich ist.
Vermarktet werden die "Lynx"-Tickets bisher über ein Unternehmen namens Space Experience Curaçao (SXC). Gegründet wurde es von ehemaligen Piloten der niederländischen Luftwaffe. Über die Firma können Interessierte bisher Starts in der Karibik und - seit kurzem - in der kalifornischen Mojave-Wüste buchen.
Tickets für Starts in Deutschland bietet dagegen SXC nicht an, sagt Firmensprecherin Eva van Pelt. Und Xcor-Manager Nelson erklärt, man suche derzeit nach Interessenten für den Aufbau einer Raumfluglinie in Deutschland. Diese müssten sich um die Vermarktung der Tickets und die administrativen Dinge am Boden kümmern. Sein Unternehmen würde die Maschinen und das Personal für Flug und Wartung beisteuern.
Doch bis es eines Tages tatsächlich soweit sein könnte, sind noch viele Gespräche zu führen - in Oldenburg, Bremen, Cuxhaven und anderswo. Besonders eilig scheint die Sache erst einmal auch nicht zu sein. Man werde im vierten Quartal wieder miteinander reden, sagt DFS-Sprecherin Naumann.
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