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16.06.2012
 
Wallenda überquert Niagarafälle
"Oh mein Gott, dieser Blick ist unglaublich"
Von Marc Pitzke, New York
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So ein spektakuläres Wagnis hat die Welt lange nicht gesehen. Der US-Akrobat Nik Wallenda überquert auf einem Hochseil die Niagarafälle - als erster Mensch überhaupt. Die Mutprobe wurde live im US-Fernsehen übertragen. Das nächste Ziel des 33-Jährigen: der Grand Canyon.
Sein Urgroßvater stürzte ab und starb. 1978 war das, in Puerto Rico: Da ließ eine Windböe den legendären Hochseilakrobaten Karl Wallenda in 40 Metern Hohe das Gleichgewicht verlieren. Eine Videoaufnahme dokumentierte das Drama: Der 73-Jährige versuchte noch, sich ans Seil zu klammern, war aber zu schwach, trudelte wie eine Strohpuppe in die Tiefe und schlug auf dem Asphalt auf. Er war sofort tot.
In der Nacht zum Samstag fordert nun auch Nik Wallenda, 33, das Schicksal heraus - auf spektakuläre Weise: Er überquert die tosenden Niagarafälle, auf einem nassen, schwankenden Drahtseil, mehr als einen halben Kilometer lang und nur fünf Zentimeter dünn. "Ich wollte meinem Urgroßvater Tribut zollen", keucht er anschließend, außer Atem, aber erleichtert. "Karl Wallenda, mein Held."
Der wahre Held dieses Abends ist er selbst. Schon oft haben die Niagarafälle Wahnwitzige und Lebensmüde gereizt. Aber noch nie hat es jemand gewagt, die Horseshoe Falls, den berühmtesten, breitesten Abschnitt dieser Fälle, in voller Breite auf dem Drahtseil zu überqueren, direkt von den USA nach Kanada.
Mehr als 100.000 Schaulustige sowie Abermillionen TV-Zuschauer, die das Spektakel live verfolgen, halten den Atem an - für exakt 26 Minuten. So lange dauert die Passage, Schritt für zaghaften Schritt. Weltrekord, Irrsinnsakt, Quotencoup fürs Network ABC, das die Mutprobe zur Drei-Stunden-Show auswalzt.
FOTOSTRECKE
Es scheint undenkbar. Wirbelnde Windkanäle. Brodelnder Nebel. Ohrenbetäubendes Tosen. Stockdunkle Nacht, nur vom Flutlicht erhellt. Und dieses ewig lange, rutschige Drahtseil.
"Ein Traum", sagt Wallenda seelenruhig, bevor er in seine rote Regenjacke schlüpft. Das Einzige, was ihn stört, ist der Sicherheitsgurt, den ihm die Anwälte von ABC aufzwingen - ein fingerdünner Draht nur, der ihn hinter den Füßen ans Hochseil knüpft. "Sehr ungelegen", murrt Wallenda. Aber ein Tod vor laufenden Kameras, das wäre dann doch zu makaber.
"Ich bin so weit", sagt er. "Let's do this."
Monatelang hat er trainiert, hat die völlig unberechenbaren Wetterbedingungen bestmöglich simuliert. Auf langen und kurzen Seilen, im Gebläse von Windmaschinen, im Wasserdruck von Feuerwehrschläuchen. Doch nichts kann ihn auf die Realität vorbereiten.
Um 22.15 Uhr Ortszeit geht er los, auf der US-Seite der Wasserfälle, einen 20 Kilogramm schweren Balancestab in Händen. Linker Fuß zuerst, dann rechter Fuß. Ein letzter Gruß. Sein Vater Terry Troffer sitzt unweit in einem Produktionswagen und spricht über Kopfhörer mit ihm. "Sieht gut aus, Nik", sagt er. "Denke daran, Rhythmus und Schritt zu wechseln."
Spezialsohlen aus Elchleder
Die ersten Meter verlaufen über den relativ zahmen Stromschnellen. Eine winzige Computerkamera an seiner Ausrüstung erfasst Wallendas Füße, die in schwarzen Mokassins stecken. Seine Mutter Delilah, Karls Tochter, hat sie selbst gemacht, mit Spezialsohlen aus Elchleder. Das soll besonders griffig sein. Dann überschreitet Wallenda die Kante der Fälle. Jetzt wandert er durchs Nichts. Sein Balancestab schwankt. Wallenda bleibt kühl: "Oh mein Gott, dieser Blick ist unglaublich."
Langsam verstummen jetzt auch die ABC-Moderatoren. Zwei Stunden lang haben sie die Zuschauer mit Hype und endlosen Anreißern eingepeitscht, fast das ganze Sportressort hat der Sender aufgefahren, plus Wettermann Sam Champion, der bebend über "Turbulenzen", "Saugwirkung" und "Peitschregen" doziert. Während des überlangen Countdowns gab es Mini-Seminare in Gleichgewichtslehre, 3-D-Simulationen von Vertigo - und ein privates Fanal: Wallenda wolle endlich "die tragische Geschichte seiner Familie abschütteln".
"Die fliegenden Wallendas" hießen sie, gegründet von Karl, einem Magdeburger. 1928 kamen sie in die USA, wurden berühmt mit ihrer menschlichen "Pyramide" aus sieben Akrobaten auf dem Seil. Über die Jahre starben ein halbes Dutzend Familienmitglieder bei Stürzen, zuletzt Karl selbst, in Puerto Rico.
"Ich will jetzt nur noch ankommen"
Nik Wallenda läuft auf dem Seil seit er zwei ist. Von den Niagarafällen träumte er schon als Sechsjähriger, als er sie zum ersten Mal sah. Auf halbem Weg, über dem brodelnden Wasserschlund, wird es wacklig und brenzlig. Wallenda verschwindet in einer Wolke. Übers Funkmikrofon ist zu hören, wie er zu beten beginnt: "Vater unser, du bist mein Retter, danke Jesus." Sein Vater fragt ihn nach seinem Befinden. "Nass", ächzt er. "Wirklich nass."
Sein Schritt wird langsamer. "Ich bin erschöpft. Nicht nur geistig, auch physisch. Ich werde schwach. Ich will jetzt nur noch ankommen."
Das Ende kommt in Sicht - der Table Rock auf der kanadischen Seite, wo seine Frau und zwei Kinder schon warten. Er leckt sich die Lippen, kniet nieder, genießt den Jubel der Massen, immer noch hoch über dem Wasser. Die letzten Meter legt er im Laufschritt zurück.
Auf festem Boden begrüßen ihn zwei Beamte des kanadischen Zolls. "Willkommen in Kanada", sagt der eine, "kann ich bitte Ihren Pass sehen?" Wallenda zieht eine Plastiktüte aus der Tasche, in der er tatsächlich seinen US-Pass hat. "Was ist der Anlass Ihrer Reise?", fragt die Zollbeamtin. Wallenda grinst und antwortet: "Menschen auf der ganzen Welt zu inspirieren."
 
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