Lange Autorennacht in Berlin
Allein gegen 100 Manuskripte
Am Deutschen Theater in Berlin endete am Samstag kurz vor Mitternacht die "Lange Nacht der Autoren". Drei neue Stücke junger Dramatikerinnen wurden in Rohinszenierungen auf die Bühne gewuchtet. Der Juror hatte sich nur eins gewünscht: Bitte keine Nabelschau!
Wer bin ich, und wenn ja, wie viele? Welche der Rollen, die ich spiele, kommt meinem Ich am nächsten? Und wie finde ich das raus? Die Suche nach der eigenen Identität kann eine zeitraubende Angelegenheit sein, und dank Facebook und anderen Bühnen findet sie heute vor einem großen Publikum statt. Wie eine Erlösung klingt es da, wenn plötzlich einer fordert: "Sei nicht du selbst!".
Der Kulturjournalist Tobi Müller, 42, hat diese Parole ausgegeben für die diesjährigen Autorentheatertage am Deutschen Theater in Berlin, und sie richtete sich an die hoffnungsvollen Autoren, die ihm seine Stücke schicken sollten. Eine Erinnerung daran, dass Kunst nicht nur Selbsttherapie ist, sondern ein Sturz in fremde Welten, "jenseits der unmittelbaren Fühlzone", wie Müller es ausdrückt. Er hätte auch sagen können: Traut euch mal was! Geht raus in die Welt!
Jenseits der Fühlzone geht's weiter
Rund 100 Stücke bekam er zugeschickt, und als vom Theater bestimmter Juror der Autorentheatertage 2012 musste Müller sich, so wollen es die Regeln dieses Wettbewerbs, ganz allein durch den Berg lesen. Einfach scheint es nicht gewesen zu sein: Drei aufführungswürdige Stücke hat er herausgefischt, eins weniger als er gedurft hätte; allesamt von Frauen geschrieben, die sich bereits andernorts in ähnlichen Wettbewerben durchgesetzt haben oder, wie die Berliner Autorin Sarah Tabea Paulus, immerhin schon in den renommierten Studiengang "Szenisches Schreiben" an der Berliner Universität der Künste aufgenommen wurden.
Paulus' Reise weg von der eigenen Befindlichkeit, die erste in der diesjährigen "Langen Nacht der Autoren", in der die Autorentheatertage traditionell ihren Höhepunkt und Abschluss finden, endet bereits am Stadtrand: In "Totberlin" geht es um ein Geschwisterpaar, die junge Frau namens Glas besucht ihren Bruder Fox, dem die Selbstmordversuche zur Gewohnheit geworden sind, in einer psychiatrischen Klinik. Die beiden scheinen einer bürgerlichen Familie zu entstammen und gehören nun dem Berlin-Mitte-Künstlerprekariat an - jenem Milieu also, das geradezu berüchtigt ist für die Art von Nabelschau, vor der Tobi Müller gewarnt hatte.
Zwar geht es auch in "Totberlin" vor allem um die seelischen Nöte der jungen Menschen, aber die Autorin überhöht die Geschichte mit jugendlichem Mut zum Pathos zu einem modernen Märchen. Die Klinik mit dem unheimlichen Wald dahinter ist ein ziemlich weltentrückter Ort. Hier träumt Fox davon, sein Leben in den Begriff zu bekommen oder wenigstens auf den Stadtplänen in seinem Kopf Berlin neu zu ordnen, und Glas versucht, wenigstens über einen Menschen die Kontrolle zu behalten, die in ihrer Passivität merkwürdig zufriedene Freundin Chantal. Die Geschwister buhlen bald um die Gunst dieser Freundin. "Zynismus, die Waffe der Frustzerstörten", wirft Fox seiner Schwester vor, und die entgegnet: "Selbstmordversuch, die Waffe der Ideenlosen."
Der Potsdamer Theaterchef Tobias Wellemeyer inszeniert diesen ersten Teil der langen Nacht mit vielen vorgefertigten Stimmungsbildern, Berlin bei Nacht wechselt sich ab mit endlosen Reihen von Baumstämmen, an denen die Kamera entlangfährt. Ein zu starrer Rahmen für einen Abend, an dem alle Stücke nur knapp zwei Wochen geprobt werden und sich der Charme oft gerade aus der Unfertigkeit dieser "Werkstattaufführungen" ergibt - aber "Sei nicht du selbst" ist möglicherweise auch für einen Regisseur leichter gesagt als getan. Die Schauspieler kommen jedenfalls erst richtig zum Zug in einem komischen Epilog, wenn sie sich als vier personifizierte Tode - der "plötzliche", der "eigene", der "glückliche" und der "natürliche" - streiten, wer sich Fox holen darf.
Ganz auf die Schauspieler setzt der zweite Regisseur des Abends, Stuttgarts Schauspielleiter Hasko Weber, und das ist am Deutschen Theater eigentlich immer die richtige Entscheidung. "Schafinsel" von Nina Büttner wagt sich in ein Milieu vor, das den meisten Autoren zwar fremd ist, auf dem Theater aber dennoch seinen festen Platz hat: das Prekariat in den Wohnsilos am Rande der Stadt. Hier leben die drogensüchtige Nori, die von ihrem Freund Toni zur Prostitution genötigt wird und von einem Leben auf einer einsamen schottischen Insel träumt, und der stotternde Abiturient Henning, beide auf unterschiedliche Art drangsaliert von ihren Müttern. Almut Zilcher gibt als exzentrische Alkoholikerin (Noris Mutter) richtig Gas, die Nori hat bei Olivia Gräser die richtige Mischung aus Wut und Verletzlichkeit, und Andreas Döhler ist ein rauer Zuhälter, der von seinen Gefühlen gelegentlich überfordert ist. Viel mehr ist aus den Figuren auch nicht rauszuholen, und so zerfällt der zweite Teil der langen Autorennacht zunehmend zu Klamauk, inklusive Torte im Gesicht. Das Happyend für Nori und Henning geht darin fast unter, was aber auch schon egal ist.
Wer von den Zuschauern dennoch blieb (es waren die allermeisten), wurde belohnt mit einem Stück, das dem Motto am nächsten kam und auch in der Inszenierung überzeugte. In "Wir schweben wieder" ist die Autorin Charlotte Roos, 38, keinesfalls sie selbst, sondern fünf: ein depressiver Mann (Bernd Moss), der von seiner Freundin selbst dann nur bemitleidet wird, wenn er sie mit einer Nutte eifersüchtig machen will, eine ehrgeizige Tänzerin in einem Nachtclub mit einem klaren Bildungsplan für ihr Fortkommen (Natalia Belitski), eine frustrierte Angestellte, die ihren Perfektionismus beim Putzen ihrer Badewanne und beim Sport auslebt (Natali Seelig), ein junger Mann, der seinen Vater erst versteht, als er nach dessen Tod die Brillen seines Erzeugers erbt (Sven Fricke), und die Dolmetscherin Laura (Judith Hofmann), die so mit der Simultanübersetzung einer Rede von Hugo Chavez beschäftigt ist, in der es um die Irrtümer des kapitalistischen Systems und die Suche nach dem falschen Glück geht, dass sich ihr depressiver Freund in Ruhe umbringen kann und auch all die anderen gleich mitreißt. Sie alle sind eindeutige Theaterfiguren mit leicht surrealen Ticks, und die Regisseurin Cilli Drexel skizziert sie, auf einer Simultanbühne, auf der jede Figur ihre eigene Plattform hat, klar und mit Sinn für Komik. Sie findet mit den Schauspielern den richtigen Rhythmus, den richtigen Ton und setzt auf die Stärke des Theaters - das im Idealfall nicht die Welt ist, aber ein Modell aller möglichen Welten.
Am Ende stehen alle Toten wieder auf, die Schauspieler kehren zurück aus ihren Rollen in ihr Selbst und lassen sich auf der Bühne feiern für die Darstellung eines Lebens, das Gott sei Dank nicht ihres ist.
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