"Agrar Simulator"
Das merkwürdigste Spiel des Jahres
Trecker fahren, ernten, pflügen: "Agrar Simulator" könnte ein wunderbar obskures Spiel sein. Doch statt historischer Landmaschinen bewundert man in diesem Werk Häuser, die in der Luft schweben, und Schweine, die durch Wände laufen. Carsten Görig hat es eine Stunde angespielt.
Trecker, Müllwagen und Feuerwehrautos sind die drei heiligen Fahrzeuge für Jungs. Darüber geht nichts. Vielleicht ist das der Grund, warum ich mir endlich einmal einen dieser Simulatoren anschauen wollte: "Agrar Simulator", vor allem der Untertitel "Historische Landmaschinen" klang spannend. Alte Trecker sind natürlich viel cooler als neue.
Ein gewisses Misstrauen ist vorhanden, als ich das Spiel installiere. Schließlich ist diese Art von Spielen - unter denen es übrigens auch Versionen für Müllwagen und Feuerwehr gibt - nicht gerade für ausgefeiltes Gameplay und tolle Grafik bekannt. Aber für ein wenig Spaß sollte es doch reichen.
Falsch gedacht. Schon der fehlende Bindestrich im Titel hätte mich warnen sollen. Das Spiel startet, und ich stehe auf einmal auf einem Hof in der Toskana. Vor mir ist ein Brunnen, über dem aus ungenannten Gründen ein Symbol für Regentropfen schwebt. Wenn ich mich umdrehe, sehe ich Häuser und Bäume. Sie alle lassen nicht erkennen, dass es in den letzten zehn Jahren nennenswerte Fortschritte in der Spielegrafik gegeben hat. Ein Haus steht zu zwei Dritteln auf einem Hügel, der Rest schwebt in der Luft. Im Stall ignorieren die Schweine, dass es eine kleine Trennmauer gibt, und laufen einfach hindurch. Will ich etwas in den Optionen nachschauen oder umstellen, finde ich eine Mischung aus Englisch und Deutsch.
Egal, Hauptsache, der Trecker fährt sich gut. Ein alter Massey-Ferguson ist es, den ich in einer Ecke des Hofes finde. Nachdem ich endlich die richtige Taste gefunden habe, steige ich auf und bekomme meine Spielfigur das erste Mal zu sehen. Sie ist nicht schön. Ein Mann mit Anzug, der entfernt an Nummer 47 aus "Hitman" erinnert - allerdings in einer sehr frühen Variante.
Die Bauern in der Toskana sind also gut angezogen und gehören der Mafia an. Ich gebe Gas, und der Trecker fährt los, ignoriert Bodenwellen und spricht auch nicht sonderlich gut auf Lenkversuche an. Beim Manövrieren legt er sich auf die Seite. Das sieht etwas merkwürdig aus. Meine Figur bleibt gerade auf ihrem Sitz, und der Trecker dreht sich auf dem großen Reifen im Kreis. Ich steige aus und wieder ein. Der Trecker bleibt auf der Seite liegen, meine Figur setzt sich wieder steif auf der Seite liegend hin. Alle Gesetze der Schwerkraft ignorierend. Neustart.
Ich fahre weiter zum nächsten Hof. Der sieht so öde aus wie meiner. Hühner laufen herum und springen aus dem Weg, Menschen sind nicht zu sehen. Die Toskana ist ein öder Landstrich. Absteigen mag ich hier nicht, es ist mir zu trist. In der Ferne sehe ich den nächsten Hof. Vielleicht gibt es dort ja Menschen, die mir weiterhelfen können und erklären, warum ich hier bin und was ich machen soll.
Aber so weit komme ich nicht mehr. Auf einmal erkennt der Trecker eine Bodenwelle, kaum größer als ein Maulwurfhaufen, und fährt sich fest. Vorwärts und rückwärts versuche ich es, langsam anfahren, Räder nicht durchdrehen lassen. So wie ich das in der Fahrschule gelernt habe. Keine Chance. Ich gebe auf und mache etwas Sinnvolles. Ich stehe auf, schaue aus dem Fenster statt auf den Monitor. Draußen fährt die Müllabfuhr durch meine Straße. Der kann ich zuschauen, länger als ich dieses Spiel noch ertragen würde.
Nichts. Schweigen. Einer der Vorgänger hat von einem Fachmagazin die Auszeichnung "Frechheit des Jahres" bekommen. Das erstaunt nicht.
"Agrar Simulator: Historische Landmaschinen" von Koch Media für PC, ca. 20 Euro; USK: Ohne Altersbeschränkung
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