Wiggins' Edelhelfer Froome
Wenn der Beste nicht der Erste ist
Christopher Froome ist die Überraschung der 99. Tour de France. In den Bergen macht der Fahrer vom Team Sky sogar einen stärkeren Eindruck als der Gesamtführende, sein Teamkollege Bradley Wiggins. Die Leistung des 27-Jährigen ist der vorläufige Höhepunkt einer ungewöhnlichen Radsportkarriere.
Im Peloton nennen sie ihn den weißen Kenianer. Und das nicht nur weil Christopher Froome in Nairobi geboren wurde und seine Kindheit und Jugend in Afrika verbrachte. Froome klettert bei dieser Tour de France auf seinem Rad auch mit einer Ausdauer und Tempohärte die französischen Gipfel empor, die an kenianische Langstreckenläufer erinnert.
Auf den bisherigen Bergetappen in den Vogesen, dem Jura und den Alpen wirkte Froome sogar stärker als der Gesamtführende, sein Sky-Teamkollege Bradley Wiggins.
Die erste Bergankunft in La Planche des Belles Filles gewann Froome, auf dem Weg nach La Toussuire nahm der 27-Jährige dem Mann im Gelben Trikot mit einem explosiven Antritt einige Sekunden ab,
bevor ihn die Teamführung zurückpfiff. Den Großteil seines Rückstands von 2:05 Minuten auf Wiggins hatte sich Froome bei einem Massensturz gleich auf der ersten Etappe eingehandelt.
Nun meldet Froome Ansprüche an: "Ich könnte diese Tour gewinnen, aber nicht bei Sky", klagte er am Wochenende in der französischen Sportzeitung "L'Equipe". "Es ist ein sehr, sehr großes Opfer. Wir haben eine
Strategie um Wiggins herumgebaut und jeder respektiert das." Doch er kündigte auch an, dass er bei Angriffen der Dritt- und Viertplatzierten in der Gesamtwertung, Vincenzo Nibali und Cadel Evans, mitgehen werde, wenn er das Gefühl habe, dass die Tour für Sky verloren gehen könnte.
Somit findet sich Froome vor den beiden schweren Pyrenäenetappen am Mittwoch und Donnerstag in einer bizarren Situation wieder. Er muss auf Angriffe der Konkurrenz hoffen, auf die er selbst reagieren kann. Wenn Wiggins dann eine Schwäche zeigt, könnte er ihm wertvolle Sekunden abnehmen. Denn eine eigene Attacke kommt nicht in Frage: Es gehört zu den ungeschriebenen Gesetzen des Radsports, dass der eigene Kapitän nicht angegriffen werden darf.
Eine Tropenkrankheit schwächte Froome lange
Genau diesem Grundsatz fiel Froome schon einmal zum Opfer: Im vergangenen Jahr verpasste er den Triumph bei der Spanien-Rundfahrt um 13 Sekunden. Wie jetzt bei der Tour war er damals als Edelhelfer für Wiggins vorgesehen. Der schwächelte aber in den Bergen und verlor selbst beim einzigen Einzelzeitfahren der Rundfahrt 23 Sekunden auf seinen Teamkollegen. Froome blieb dennoch lange an der Seite seines Kapitäns und musste somit zusehen,
wie der unbekannte Spanier Juan José Cobo im Goldenen Trikot nach Madrid fuhr.
Trotzdem ist der zweite Platz bei der Vuelta 2011 der bislang größte Erfolg in Froomes Karriere. Bis dahin hatte er ein Schattendasein in der zweiten Liga des internationalen Radsports geführt. Der Gesamtsieg bei der Mauritius-Rundfahrt 2006 stand bis zum vergangenen Jahr als bestes Ergebnis zu Buche. Bei seinem bislang einzigen Tour-de-France-Start vor vier Jahren landete Froome abgeschlagen auf dem 84. Platz.
Eine derartige Leistungsexplosion weckt
im dopinggebeutelten Radsport Argwohn. Froome selbst nennt für seine plötzliche Stärke eine ungewöhnliche Ursache: Seit seiner Jugend in Afrika leidet er an Bilharziose, einer Tropenkrankheit, die den Körper schwächt. Erst 2010 wurde die Krankheit bei Froome diagnostiziert, seither nimmt er Medikamente, die ihm helfen, die Krankheit zu bekämpfen. Die Leistungskurve des Mannes, dem das Sky-Team noch vor einem Jahr keinen neuen Vertrag geben wollte, zeigt seitdem steil nach oben.
Nachdem ihm bei der Spanien-Rundfahrt der Durchbruch in die Weltspitze gelungen war, verlängerte der Rennstall seinen Kontrakt dann doch bis 2014. Spätestens bei der Tour im nächsten Jahr erwartet Froome eine Gegenleistung für die Helferdienste, die er jetzt für Wiggins leistet. "Wenn es Bergankünfte gibt, dann hoffe ich, dass Sky aufrichtig sein wird, und mir alle Teamkollegen mit derselben Loyalität zur Seite stehen werden, wie ich sie heute zeige."