Wir machen uns mal frei
Couch-Potentat
Gold, Gold, Gold! Kolumnist Frederik Jötten merkt beim Olympia-Gucken, dass er heute auf dem Treppchen stehen könnte - wenn ihn bloß professionelle Talentsucher vermessen hätten als Kind.
Ich hätte Gold gewonnen bei Olympia. An Tagen wie diesen sitze ich auf dem Sofa und weiß es. Es war nur dummerweise so, dass ich als Kind nie die Sportarten ausprobiert habe, die meinem Talent entsprachen - ich spielte Fußball und Tischtennis. Beides zwar grandios, trotzdem hörte ich schon als Jugendlicher mit beidem auf. Ich erinnere mich nicht mehr, warum. Ich schätze aber, es lag nicht daran, dass ich zu gut war für meine Mitspieler und Gegner.
Heute schaue ich an mir runter und denke: Ich hätte ein Top-Radfahrer werden können. Es hätte nur jemand erkennen müssen. Man weiß ja nicht, was in einem steckt - besonders, wenn man wie ich gar kein Rad fährt, weil es einem zu gefährlich erscheint. Aber ich habe dünne Arme - und das ist doch super für einen Radfahrer, weil wenig Ballast. Das haben sie gerade erst wieder gesagt im Fernsehen. Außerdem habe ich dicke Beine, reine Muskelmasse, die perfekte Radfahrer-Konstitution also.
Ich spanne meine schmalen Armmuskeln an, stelle mir vor, ich umfasste einen Rennlenker. Ich gehe aus dem Sattel, die Sonne scheint auf meine Unterarme - und ich lasse den anderen am Berg keine Chance. Es war meine Berufung ein Bergfloh zu werden (oder ein Zeitfahrspezialist, denn so leicht bin ich auch nicht mehr).
In der DDR hätten sie mich wie jedes Kind ausgemessen und gemerkt, welches Talent in mir schlummert. Höchstwahrscheinlich habe ich sogar die perfekten Hebelverhältnisse eines Jan Ullrich. Aber ich weiß davon nichts, weil ich in diesem verschnarchten Westdeutschland groß geworden bin! Das hat meine Karriere verhindert. Natürlich, ich hätte auch dopen müssen. Aber jetzt muss ich Bier trinken beim Olympia-Gucken, das ist auch nicht viel besser.
Die Judokas, die ich sah, waren auch schlank. Und ich habe zwei Brüder, die mich in meiner Kindheit ständig in Bodenkämpfe verwickelten, das wäre auch ein Sport, für den ich perfekt geeignet gewesen wäre. Ich kann an nichts anderes mehr denken, als an meine verpassten Chancen. Vielleicht hätten meine Arme ja auch nicht so dünn bleiben müssen, vielleicht hätte ich mehr essen und trainieren können und hätte damit ein großartiger Kugelstoßer werden können.
Lange Zeit dachte ich auch, dass ich ein großes Talent fürs Klettern sei. Okay, schmale Arme, das hätte ich mir denken können, sind dafür nicht so toll. Aber ja, ich dachte einfach, dass ich unglaublich geschickt sei, irgendwo raufzuklettern. Mir ging es gut mit dieser Vorstellung, bis ich in eine Kletterhalle kam. Jungs mit dicken Armen hangelten sich lächelnd und ohne ihre Beine zu benutzten, Überhänge hoch. Ich hing ziemlich weit unten fest, weil ich meinen Hintern nicht hoch bekam. Die Realität tat nicht nur meinen Händen weh. Aber vielleicht fehlte mir auch einfach die Motivation. Klettern ist schließlich nicht olympisch.
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