Berliner Zivilfahnder
"Sondereinheit Tasche" ermittelt
Sie schleichen sich an, unsichtbar, lautlos - Zivilfahnder der Berliner Polizei spähen Taschendiebe aus, lernen deren Tricks und ertappen sie auf frischer Tat. Manchmal reicht schon ein Blick der Fahnder, und die Diebe suchen das Weite.
Für Ingo Przeradzki, Zivilfahnder, gehört der Argwohn zum Beruf. Er schaut über den Bussteig am Bahnhof Zoo in Berlin; sieht die Menschen an, wie sie zur Arbeit fahren, zum Einkaufen, zum Essen, da steht eine Gruppe Touristen. Er sagt: "Manche Menschen laufen so arglos durch die Stadt, dass ihr Verhalten schon fast als Einladung zu verstehen ist."
Przeradzki, 54, führt eine Sondereinheit des Berliner Landeskriminalamts - kurz LKA 711. Jeden Tag versuchen er und die anderen 18 Fahnder in der ganzen Stadt Taschendiebe zu fangen. An einem Platz wie dem Bahnhof Zoo ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Przeradzki irgendwann, nach ein paar Minuten des Wartens und Beobachtens, einen entdeckt.
Tausende Menschen strömen hier aus der U-Bahn hoch zur Straße, gehen auf den Kurfürstendamm zu den Kaufhäusern, warten auf einen Bus, wechseln zur S-Bahn und zur Fernbahn. Manche schlendern, trödeln, andere sind in Eile. "Das Gedränge, die fragenden Gesichter: Der Ort hat magnetische Wirkung auf Taschendiebe", sagt Przeradzki.
Kunstvolle Langfinger? Gibt's nicht mehr
Sie gehen häufig die Treppen hinauf und hinab, verfolgen besonders Menschen, die Rucksäcke tragen - denn bei denen sei das Ziel auf der Treppe schon auf Augenhöhe und sie müssten nur noch zugreifen: "Rucksäcke sind Fremdkörper. Keiner merkt irgendetwas. Und wenn dann Geld und Handy noch im Außenfach verstaut sind ..."
Die Ermittlungsgruppe der Berliner Polizei gegen Taschendiebstahl wurde 2005 gegründet, damals als "EG Tasche". Die Zahl der Taschendiebstähle war in den Jahren zuvor in Berlin stark angestiegen. Seitdem haben Przeradzki und seine Kollegen Hunderte von Dieben geschnappt.
Mittlerweile kenne man den einen oder anderen, so Przeradzki: "Man braucht einen guten Blick für Leute", sagt er - um etwas nicht nur zu sehen, sondern zu erkennen, wenn man am Eingang des Bahnhof Zoo steht und den Blick über den Platz schweifen lässt. Manchmal reiche dann schon "ein Nicken und die wissen, dass wir sie im Auge haben."
Die Zeiten, in denen sich Taschendiebe kunstfertig das Portemonnaie aus der Innentasche ihres Opfers angelten, sind allerdings vorbei. Heute wird oft sehr körperlich gearbeitet: Einige Diebe schlitzen mit Messern Jackentaschen auf, andere nehmen ihre Opfer regelrecht in die Mangel. Schubs-Attacken und Bein stellen gehören auch zum Repertoire der Diebe.
Die Liebe Oma mit dem fiesem Trick
Im Büro der Sondereinheit kümmern sich weitere 20 Beamte um die Auswertung der Delikte: Wie sind die neuesten Tricks der Diebe, was haben Przeradzki und seine Kollegen auf der Straße beobachtet? Wo gehen sie verstärkt auf Raubzug? Sondereinheiten wie die Berliner Taschendiebjäger gibt es inzwischen auch in anderen Bundesländern.
Viele der Täter, die Przeradzki und seine Kollegen aufgreifen, stammen nicht aus Deutschland. Ihre Heimatländer sind Osteuropa, Nordafrika, Südamerika - fast die ganze Welt. In Berlin ist jeder vierte Taschendieb ein Deutscher, bundesweit jeder dritte.
Die Täter sind meistens arm oder leben in schwierigen sozialen Verhältnissen - manchmal wird auch psychischer Druck auf sie ausgeübt: Vor einigen Jahren, erzählt Przeradzki, hätte seine Gruppe in Berlin viele Kinder aus Roma-Familien beim Diebstahl erwischt. Die Fahnder fanden heraus, dass den Jungen und Mädchen zu Hause Schläge angedroht wurden, wenn sie am Tage zu wenig erbeuteten.
Doch auch flinke Senioren machen manchmal lange Finger: In Berlin-Neukölln war eine zeitlang eine 85jährige Frau aktiv, die als "liebe Oma" junge Mütter ansprach, in ein Gespräch verwickelte, über das Kind und die Welt - und am Ende ließ sie die Geldbörsen der Frauen mitgehen. Ein anderes Rentnerduo spazierte durch Supermärkte, fragte wahllos andere Kunden, welcher Preis da auf dem Schild stünde - man schaute gemeinsam nach - und der andere Rentner bediente sich währenddessen an der Tasche des Opfers.
Irgendwie war die Situation komisch
Besonders geschickt sei der Restaurant-Trick: Das Opfer hängt seine Jacke beim Ankommen im Restaurant über den Stuhl und nimmt Platz. Der Täter sieht die Jacke über der Lehne, setzt sich Rücken zu Rücken an den Nebentisch und hängt seine Jacke ebenfalls über seine Lehne, so dass die Jacken einander berühren. Dann greift der Dieb durch seine Jacke in die Jacke des Opfers. "Echte Profis", sagt Przeradzki, "holen dabei nur die Scheine aus dem Portemonnaie und stecken es wieder zurück".
Kann man sich gegen solche Taschendiebstähle denn überhaupt schützen? "Na klar", so Przeradzki: "Taschen schließen, Rucksack im Gedrängel vor der Brust tragen und Augen aufhalten. Hinterher denkt man immer: Irgendwie war die Situation doch komisch..."
Aber dann ist die Geldbörse schon weg.
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