SPIEGEL ONLINE
05.08.2012
 
Bildkritik von Profis
Drei Tipps für bessere Fotos
Julian Sachtleben
Ein Wald erstrahlt in magischem Grün, eine Rheinbrücke in Blau, und ein paar Kaffeetassen ziehen trotz dezenter Pastelltöne die Blicke auf sich. Professionelle Fotografen analysieren Aufnahmen engagierter Amateure und geben Hinweise, wie es noch besser geht. Foto-Tipps vom Fachblog fokussiert.com.
Für das Schweizer Foto-Blog fokussiert.com analysieren professionelle Fotografen regelmäßig bemerkenswerte, von Lesern eingereichte Fotos. Die Profis beschreiben die Stärken der Aufnahme und geben Hinweise, wie sich die Bildwirkung verbessern lässt. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht einmal im Monat eine Auswahl der Bildkritiken.
Märchenwald
Kommentar des Fotografen Julian Sachtleben:
Auf meiner Wanderung auf der Südinsel Neuseelands entstandene Aufnahme. Gibt für mich den das typische Bild des Milford Tracks sehr gut wieder. (Canon 500D Sigma 17-70mm mit Polfilter)
Profi Barbara Hess zum Bild von Julian Sachtleben:
Mitten im Wald und scheinbar mitten im Fluss wurde dieses Bild aufgenommen. Der Fluss schlängelt sich von hinten rechts ausgehend durch das Bild und das Wasser plätschert direkt auf den Betrachter zu. Die moosbedeckten Bäume leuchten in einem magischen Grün.
Wohl auch Dank des Polfilters hat sich eine lange Verschlusszeit von einer halben Sekunde ergeben. Das lässt das Wasser verschwimmen und unterstützt diese magische Stimmung. Der Polfilter verbessert zudem die Grünwiedergabe von Laub und Gräsern, da er störende blaue Reflexe des Himmels teilweise unterdrückt.
Mich würde interessieren, wie das Bild aussehen würde, hätte die Kamera etwas tiefer gestanden, so dass das Wasser direkt auf den Betrachter zukommen würde. Außerdem könnte diese Perspektive von ganz unten den Eindruck dieses gewaltigen Waldes noch verstärken. Ein klein wenig stört mich auch, dass das helle Licht oben rechts durch die Äste ausbricht. Das menschliche Auge wird automatisch immer erst auf die hellen Bereiche gelenkt, so irritiert dieser weiße Fleck etwas zu stark. Da die Kamera für eine Verschlusszeit dieser Länge ohnehin auf einem Stativ stehen musste, wäre hier eine zweite Aufnahme, welche etwas weniger belichtet wird, und eine anschließende Montage der beiden Bilder möglicherweise die Lösung gewesen.
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Die Brücke am Fluss
Blaue Stunde und warmes Licht dank zwei Aufnahmen mit unterschiedlichem Weißabgleich.
Kommentar des Fotografen Sascha Pihan:
Die Theodor-Heuss-Brücke in Mainz bei Nacht. Ich liebe den Kontrast der warmen und kalten Farben durch die unterschiedliche Beleuchtung der Brücke. Um diesen Effekt in einem Bild zu erzielen, wurden hier zwei Aufnahmen mit unterschiedlichem Weißabgleich übereinander gelegt.
Profi Barbara Hess zum Bild von Sascha Pihan:
Die sogenannte blaue Stunde präsentiert sich hier im schönsten Licht. Am Himmel sind noch die letzten Sonnenstrahlen und ein paar Wolken zu sehen und die Beleuchtung der Stadt hat bereits eingesetzt, was dem kalten Blau die nötige Wärme zurückgibt.
Am Horizont ist ein Ufer zu erkennen, wobei sich der Himmel und die Lichter der Stadt im Wasser spiegeln. Von links nach rechts zieht sich dann schräg durchs Bild diese eindrucksvolle Brücke, es macht den Anschein, als ob der Betrachter soeben auf einem Schiff unter dieser Brücke durchgeglitten wäre.
Man merkt, dass Sascha sich beim Fotografieren und Aufbauen des Bildes Zeit genommen hat, alles an den richtigen Ort zu positionieren. Das Ufer, das den Horizont bildet, steht im goldenen Schnitt und der Parallelverlauf der Brücke wirkt sehr harmonisch. Die Spielerei mit dem Weißabgleich ist gut gelungen, das Gelb der Lichter passt als Komplementärfarbe gut zum Blau der Dämmerung. Ganz sicher eine Technik, die man häufiger einsetzen kann und auch sollte.
Mit fehlt ein wenig eine Restzeichung in der Brücke auf der linken Seite und im Wasser rechts. Vielleicht hätte eine weitere Belichtung und das korrekte Erstellen eines HDR-Bildes (so wie Sofie es hier beschreibt ) hier noch etwas Zeichnung holen können. Außerdem fällt mir beim genauen Betrachten des Bildes auf, dass sich der Horizont leicht nach links neigt.
Abgesehen davon handelt es sich hier um ein schönes, stimmungsvolles Bild, welches sogar ein wenig an ein Gemälde erinnern mag.
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Fünf Stühle, vier Tassen, drei Gestaltungsebenen
Kommentar des Fotografen Martin Krenner:
Ein Tisch, vier leergetrunkene Tassen auf einem Tablett, aber fünf Stühle - Platz für Interpretationen! Das ganze auf dem grafischen Untergrund, fotografiert genau von oben.
Profi Thomas Rathay zum Bild von Martin Krenner:
Martins Bild stach aus den hochgeladenen Fotografien durch die klaren Strukturen und die relativ außergewöhnliche Perspektive ziemlich schnell heraus. Auf den zweiten Blick kommt dann auch noch die ungewöhnliche numerische Aussage des Bildes zu Tage.
Doch zuerst einmal zu der Frage, was an diesem Bild mich auf den ersten Blick eingenommen hat. Klar, die erwähne Draufsicht. Diese sind wir nicht gewohnt, weil sie nicht unserem normalen Blickfeld entspricht. Wir sehen alles aus "Augenhöhe". Da Martin mit der 42er Brennweite schon eine sogenannte Normalbrennweite verwendete, hat er sich mit dieser Vogelperspektive wieder etwas Spannendes einfallen lassen. Wie ist er wohl nach oben gekommen, um dieses Bild zu machen?
Gut gelöst wurde auch die grafische Aufteilung des Bildes. Die positiv aufsteigenden Diagonalen des Steinmusters auf dem Boden in den relativ zurückhaltenden Farben kontrastieren sehr gut mit den doch eher kreisförmig angeordneten Stühlen und natürlich den runden Tassen auf dem auch wieder (gedacht) rechteckigem Tablett. Und dann kommt noch die dreieckige Speisekarte dazu. Das ganze Ensemble ist noch so angeordnet, dass nach rechts oben Luft oder eine "Fluchtmöglichkeit" bleibt, also nicht alles nur mittig steht. Mit etwas Phantasie können wir erkennen, das die Speisekarte in diese Richtung weist. Auch das verrutsche Kissen des ganz rechten Stuhls weist in diese Richtung.
Eine dritte Gestaltungsmöglichkeit hat Martin mit den Farben der Tassen im entsprechenden Farbkontrast genutzt. Zwar sind die Farben der leeren Trinkgefäße und der Kaffeereste dezent pastell-anmutend, doch das genügt, um das Augenmerk auf sich zu ziehen. Ein ganz leichter Komplementärkontrast von Blau zu Schmutzigbraun-Orange reicht auf diesem reduzierten Untergrund aus.
Alles in allem ein gelungenes Bild und des Rätsels Lösung, warum es vier Tassen und fünf Stühle sind, bleibt uns wohl noch Weilchen vorenthalten.
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