SPIEGEL ONLINE
31.08.2012
 
Sexuelle Übergriffe
Priester gibt Teenagern Schuld an Missbrauch
Wer ist verantwortlich, wenn sich Priester an Minderjährigen vergehen? Die Jugendlichen selbst, sagt der New Yorker Geistliche Benedict Groeschel - und sorgt damit für Entsetzen. Mittlerweile hat sich der 79-jährige Fernsehpfarrer entschuldigt: Sein Verstand sei nicht ganz klar gewesen.
New York - Diese Sätze müssen in den Ohren der Opfer wie Hohn und Spott klingen: Benedict Groeschel, ein römisch-katholischer Priester, hat in einem Interview Verständnis für Geistliche bekundet, die Minderjährige sexuell missbraucht haben. Oft seien die Jugendlichen die Verführer, sagte der 79-Jährige.
Das Interview erschien kürzlich auf der Website des "National Catholic Register", der ältesten katholischen Zeitung in den USA. Auf die Frage nach seiner Arbeit mit Priestern, die an Missbrauchsfällen beteiligt waren, antwortete Groeschel: "Angenommen, Sie haben einen Mann mit einem Nervenzusammenbruch, und ein Jugendlicher sucht seine Nähe. In vielen Fällen ist der Jugendliche - 14, 16, 18 Jahre alt - der Verführer."
Groeschel behauptete, dass Minderjährige Priester verführen könnten, weil ihnen eine Vaterfigur fehle. "Sie werden nicht ernsthaft planen, Sex zu haben, aber so etwas wie eine Romanze, Umarmungen, Küsse, aber keinen Geschlechtsverkehr oder etwas in der Art", sagte Groeschel. Zudem sprach er sich dafür aus, dass alle Beteiligten "für ihre erste Straftat nicht ins Gefängnis sollten, weil es nicht ihre Absicht war, ein Verbrechen zu begehen".
Die Zeitung hat das Interview mittlerweile von ihrer Website entfernt. Ersetzt wurde es durch eine Stellungnahme, in der sich Chefredakteurin Jeanette De Melo dafür entschuldigt, die Äußerungen Groeschels veröffentlicht zu haben, ohne sie kritisch zu hinterfragen. Nichts könne "weiter entfernt von der Wahrheit" sein, als dass Kinder irgendwie für den Missbrauch an ihnen verantwortlich seien, so De Melo.
Wöchentliche TV-Show
Auch Groeschel hat inzwischen eine Entschuldigung verbreiten lassen - nachdem Kirchenvertreter und Opferanwälte heftige Kritik an ihm geübt hatten. "Ich entschuldige mich für meine Äußerungen. Ich hatte nicht die Absicht, ein Opfer zu beschuldigen. Ein Priester (oder jemand anderes), der einen Minderjährigen missbraucht, handelt immer falsch und ist immer verantwortlich", hieß es. "Ich bedaure zutiefst jeglichen Schaden, den ich anderen zugefügt habe", so Groeschel.
Der 79-Jährige war Ende der achtziger Jahre an der Gründung des Ordens Franziskaner der Erneuerung (CFR) beteiligt. Der Geistliche veröffentlichte mehr als 30 Bücher und hat eine wöchentliche Fernsehsendung, "Sunday Night Prime", im katholischen Eternal Word Television Network. Groeschel ist es gewohnt, in der Öffentlichkeit zu stehen, die Wirkung seiner Kommentare dürfte ihm also vorher bekannt gewesen sein.
Sein Verstand sei nicht so klar gewesen wie gewöhnlich, versucht Groeschel sich nun zu rechtfertigen. Anders lassen sich seine Äußerungen wohl nur schwer erklären. So zeigte Groeschel in dem Interview auch Verständnis für Jerry Sandusky, einen ehemaligen Football-Trainer der Penn State University, der wegen sexuellen Missbrauchs an zehn Jungen verurteilt worden war. Er bezeichnete Sandusky als "armen Kerl". Darüber sinnierend, wie dessen Übergriffe 15 Jahre lang unentdeckt geschehen konnten, sagte Groeschel: "Bis vor ein paar Jahren war das in den Köpfen der Leute nicht als Verbrechen verankert."
"Verabscheuungswürdig und unentschuldbar"
Groeschels CFR-Brüder bemühen sich nun um Schadensbegrenzung. Sie äußerten Bedauern über die Bemerkungen und führten die Krankengeschichte des 79-Jährigen als Erklärungsversuch an. Groeschel erhole sich gerade von den Folgen eines Sturzes und sei geistig etwas labil, sagte ein Sprecher des Franziskanerordens. Diese Äußerungen entsprächen nicht seinem wahren Charakter.
Ob dem Pater Konsequenzen drohen, konnte der CFR-Sprecher nicht sagen. Der Direktor des Netzwerks für von Priestern Missbrauchte, David Clohessy, forderte, solch "unglaublich verletzende" Äußerungen dürften nicht ohne Folgen bleiben. "Er streut Salz in die Wunden von bereits leidenden Opfern."
Die katholische Kirche wurde in den vergangen Jahrzehnten immer wieder von Vorwürfen erschüttert, sie versuche Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch durch Priester zu vertuschen. Die Skandale stürzten die Katholiken in den USA in eine tiefe Krise. 2004 zog ein Report der US-Bischofskonferenz ein erschütterndes Fazit: Von 1950 bis 2004 bestätigten sich 6700 Missbrauchsvorwürfe gegen 4392 Priester. Die Opfer waren zwischen 11 und 17 Jahren alt. Entschädigungszahlungen in Milliardenhöhe führten zur Pleite mehrerer Bistümer.
Die Erzdiözese New York nannte Groeschels Äußerungen "einfach falsch". Sie könnten nicht unwidersprochen stehenbleiben, obwohl die Diözese keine direkte Befehlsgewalt über den 79-Jährigen habe. Bis 2011 hatte Groeschel an der Akademie des Bistums unterrichtet. "Sexueller Missbrauch von Kindern ist ein Verbrechen, und wer solch ein Verbrechen begeht, verdient es, mit voller Härte des Gesetzes verfolgt zu werden", sagte Diözesensprecher Joseph Zwilling.
Auch Diakon Bernard Nojadera, Vorsitzender des Sekretariats für Kinder- und Jugendschutz in der US-Bischofskonferenz, kritisierte Groeschel scharf. Niemals dürften Minderjährige für Sexualverbrechen an ihnen verantwortlich gemacht werden, die Schuld liege immer bei den Erwachsenen, so Nojadera. "Sexueller Missbrauch von Minderjährigen ist verabscheuungswürdig und unentschuldbar - insbesondere dann, wenn der Missbrauch von Geistlichen verübt wird."
 
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