SPIEGEL ONLINE
07.09.2012
 
Klassenhass im Internet
"Du nervst, geh sterben"
Von Heike Sonnberger
FOTOSTRECKE
Morgens wurde Louisa, 14, in der Schule fertiggemacht, abends im Netz. Als ein Mitschüler sie via Facebook zum Selbstmord aufforderte, wechselte sie die Schule. Beratungsstellen kümmern sich um Mobbing-Opfer, Facebook behauptet, man reagiere schnell. Sozialarbeiter bezweifeln das.
Nicht einmal, wenn sie die Tür zu ihrem Zimmer hinter sich zuzog, war Louisa vor ihren Peinigern sicher. Die Gemeinheiten, die sie ihr auf dem Schulhof an den Kopf warfen, sickerten nachmittags durchs Netz auf ihren Bildschirm. "Du nervst, geh sterben, du bist so hässlich", schrieb ihr ein Klassenkamerad. Louisa ist 14, Hauptschülerin, wohnt in einem Dorf in Bayern und heißt im echten Leben anders.
In ihrem Zimmer kämpft Louisa gegen Spinnen und Skelette im Computerspiel Minecraft. "Ich hasse Spinnen", sagt sie. Aber die sind bei Minecraft wenigstens tagsüber zahm, die Skelette verbrennen in der Sonne. Den Mitschülern, die sie im vergangenen Schuljahr quälten, konnte sie schwerer entkommen. "Es fing damit an, dass sie mir vor die Füße spuckten und mich schubsten", sagt sie. Ihr war morgens oft schlecht, sie bekam Kopfschmerzen, ein- bis zweimal in der Woche blieb sie zu Hause.
Aus den Angriffen auf dem Schulhof wurde Cybermobbing, auf Facebook stellten die Mitschüler Louisa erst als Schwänzerin hin und schickten ihr später sogar die Aufforderung, sich umzubringen. Die Schule habe nichts unternommen, sagt Louisa. Der Rektor habe ihr lediglich geraten, sich doch bei Facebook abzumelden. Für viele Jugendliche kommt das einem virtuellen Selbstmord gleich. Außerdem, sagt Louisa, bringe das ja auch nichts. Denn die, die auf ihr herumhacken, wohnen in der Nähe, fahren mit derselben Bahn, laufen durch dieselben Straßen. Deswegen traut sie sich kaum noch vor die Tür.
Mobbing und Cybermobbing lassen sich oft nicht trennen
Fast jeder vierte Jugendliche kennt jemanden, der schon einmal im Internet fertiggemacht wurde. So steht es in der JIM-Studie 2011 zum Medienumgang von 12- bis 19-Jährigen. Sehr selten eskaliert die Lage so wie zuletzt in den Niederlanden, wo ein Mädchen eine einstige Freundin ermorden ließ, weil die über Facebook Gerüchte verbreitet haben soll. Viel häufiger ziehen sich die Opfer von der Welt zurück und leiden still.
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Die Lästereien folgen oft dem gleichen Muster: Meistens werde morgens auf dem Schulhof und nachmittags im Netz gemobbt, sagt Adrian, 18, aus Hannover. Er arbeitet ehrenamtlich für die Plattform juuuport, auf der Jugendliche Rat gegen Mobbing suchen können. Bei Facebook auszusteigen, mache es manchmal nur noch schlimmer, weil man damit noch mehr den Anschluss verliere. "Außerdem ist es ein drückendes Gefühl, wenn man mitbekommt, dass dort etwas über einen steht - aber man weiß nicht, was."
Facebook verweist auf die "Sicherheitsabteilung" in Irland
Bei Beratungs- und Anlaufstellen wie der Mobbing-Zentrale, bei juuuport oder girlspace hat man fast nur noch mit Cybermobbing über Facebook zu tun, kein anderes soziales Netzwerk ist unter Jugendlichen so angesagt. Das Unternehmen gehe allerdings achtlos mit Cybermobbing um, kritisieren Berater aller drei Plattformen.
Es sei zwar möglich, beleidigende Beiträge zu melden, sagt Karin Wunder, Projektleiterin bei juuuport. Jedes Foto oder Video, jeder Kommentar und jede Nachricht kann auf Facebook gemeldet werden - sogar wenn der Angriff sich nicht gegen einen selbst, sondern gegen Freunde richtet. Doch es dauere teilweise sehr lange, bis der Beitrag aus dem Netz genommen werde, kritisiert Wunder. Sie fordert von dem Netzwerk, das nach eigenen Angaben gut 950 Millionen aktive Nutzer hat: "Facebook muss mehr Verantwortung zeigen."
Facebook wehrt sich gegen den Vorwurf: "Bei Themen wie Mobbing reagiert das Team sehr schnell, das heißt, meist in wenigen Stunden." Inhalte, die gegen die Regeln von Facebook verstießen, würden umgehend gelöscht oder geblockt, sagte Sprecherin Tina Kulow. Die Hinweise der Nutzer laufen in einer Sicherheitsabteilung für Mobbing und Pornografie in der Europa-Zentrale in Dublin zusammen, in der auch deutschsprachige Mitarbeiter arbeiteten, heißt es bei Facebook. Zahlen zu diesen Mitarbeitern und den gemeldeten Inhalten gibt das Unternehmen jedoch nicht heraus.
Adrian bei juuuport erinnert sich, dass es in einem Fall drei Wochen gedauert habe, bis ein Beitrag gelöscht wurde. "Oft bekommen die Jugendlichen auch gar keine Reaktion", sagt er. Ist die Beschwerde in Irland angekommen? Fand Facebook den Post nicht drastisch genug? Adrian rät Betroffenen, möglichst viele Freunde und Bekannte zu bitten, einen Mobbing-Fall innerhalb kurzer Zeit zu melden. Das steigere die Chance, dass Facebook reagiere. (Wie das geht, erklärt Facebook hier.)
"Wenn deine Mutter kommt, verprügeln wir dich"
Auch Louisa hat ein paar Beleidigungen bei Facebook gemeldet, "doch es ist nichts passiert", sagt sie. Die Familie erstattete Anzeige gegen den Klassenkameraden, der sie zum Sterben aufgefordert hatte - Ausgang ungewiss. Mobbing ist zwar kein Straftatbestand, doch Beleidigung, Nötigung, Bedrohung und üble Nachrede sind es sehr wohl.
Was aber, wenn jemand nicht unter seinem echten Namen verbalen Schmutz über Mitschülern auskippt, sondern unter einem Pseudonym? Mit anonymen Einträgen könne man zum Beispiel zum Deutschlehrer gehen, sagt Margit Ricarda Rolf, die die Beratungsstelle Mobbing-Zentrale gegründet hat. "Vielleicht erkennt der ja ein paar Rechtschreibfehler aus dem letzten Diktat wieder." Wenn man die Täter dann zur Rede stelle, knickten sie oft ein. Auch Adrian von juuuport empfiehlt, früh Eltern oder Lehrer einzuschalten.
Louisa hat lange gebraucht, bevor sie sich ihrer Familie anvertraut hat. Ihre Mutter sagt: "Sie haben ihr in der Schule gedroht: 'Wenn deine Mutter kommt, verprügeln wir dich.'" Auch Louisas Mutter fühlte sich von Lehrern und Schulleitung nicht ernst genommen. Inzwischen hat Louisa die Schule gewechselt. In der neuen Klasse läuft es zwar besser, die Pausen verbringt sie aber immer noch allein.
Sie macht sich Sorgen, dass die Hänseleien und Drohungen wieder losgehen könnten. Einige der neuen Mitschüler kennen schließlich Mitschüler ihrer alten Schule. Louisa setzt im neuen Schuljahr, das Mitte September beginnt, auf eine neue Strategie: Früher habe sie alles in sich hineingefressen, sagt sie. Jetzt werde sie die Gemeinheiten ignorieren. "Durchs eine Ohr rein, durchs andere wieder raus." Leichter gesagt, als getan.
 
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