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19.09.2012
 
Neue TV-Serie "Add a Friend"
Suche guten deutschen Stoff
Von Stefan Niggemeier
FOTOSTRECKE
Warum sind deutsche Serien so mies? Weil sie die Masse mit Mittelmaß abspeisen. Nun wollen hiesige Pay-TV-Sender dem Elend ein Ende bereiten, indem sie auf anspruchsvolle Zuschauer setzen. Wie mit "Add a Friend". Die jetzt startende Pionier-Produktion darf alles sein. Nur nicht egal.
Das klingt erst einmal nicht nach der Art Premiere, die man sich rot im Kalender anstreichen müsste: die erste eigenproduzierte deutsche Serie im Bezahlfernsehen. Doch wenn von Mittwochabend an auf einem Kanal namens TNT Serie "Add a Friend" ausgestrahlt wird, könnte das der Anfang sein für eine Entwicklung, an deren Ende aufregende deutsche Serien stehen, wie sie das Publikum zur Zeit nur aus dem Ausland kennt.
"Add a Friend" erzählt die Geschichte des Fotografen Felix, der im Krankenhaus liegt, nachdem er unter ungeklärten Umständen von einem Auto überfahren wurde. Sein bester Freund Tom ist ein Zocker, der ihn in seine dubiosen Geschäfte verwickelt. Felix nimmt vom Krankenbett aus Kontakt zu einer alten Jugendliebe auf, lässt sich mit einer geheimnisvollen jungen Verehrerin ein und versucht aus der Ferne die Ehe seiner Eltern zusammenzuhalten.
Das Besondere ist: Alles wird durch Internetunterhaltungen erzählt. "Add a Friend" ist wie ein modernes Kammerspiel, in dem die Leute, die miteinander reden, fast nie im selben Raum sind. Per Videokonferenz macht sich das Mädchen an Felix heran, per Videokonferenz nimmt er am Leben seiner Eltern teil, per Videokonferenz flirtet Tom mit der Frau seines Chefs.
Das ist manchmal faszinierend, manchmal nervig - jedenfalls innovativ. Und praktisch ist es auch, weil es die Produktionskosten senkt, wenn sich die Handlung zu einem großen Teil darauf reduziert, dass Leute vor Computern sitzen.
Von einigen Bühnenbildern existiert nur der schmale Bereich, den man durch die Webcam sieht; ohnehin bestehen die Sets teilweise aus recycelten Seifenopern-Kulissen. Für seine Verhältnisse hat TNT Serie viel Geld in die Hand genommen; gemessen an den sonstigen Standards der Serienproduktion ist "Add a Friend" extrem günstig. In zwanzig Tagen wurden die zehn halbstündigen Folgen gedreht. Eine klassische Sat.1-Serie wie "Danny Lowinski" kann sich für jede einstündige Folge immerhin acht Drehtage nehmen.
"Mit einem Kino-Erlebnis vergleichbar"
Die Produktionsfirma Wiedemann Berg ("Männerherzen", "Das Leben der anderen") ist in Vorleistung gegangen und wird dafür an erhofften Verkaufserlösen beteiligt. Auch das Team hat für wenig Geld gearbeitet - aus dem Gefühl heraus, wie Regisseur Tobi Baumann ("Ladykracher") sagt, dass es "Pionierarbeit" leistet. Das hätte auch viele der Schauspieler gereizt. Die Serie ist hochklassig besetzt: Neben Ken Duken in der Hauptrolle spielen Friederike Kempter, Gisela Schneeberger, Friedrich Mücke und Ralph Herforth.
"Mit TNT Serie gab es eine andere Art der Verabredung als bei Serienproduktionen sonst", sagt Baumann. "Wenn man lieber vor allem Leute erreichen will, die sich die Serie bewusst anschauen und entsprechend darauf einlassen, kann man die Zuschauer auch anders fordern. Das ist eher mit einem Kino-Erlebnis vergleichbar."
Das ist die Hoffnung, die hinter dem Einstieg des Bezahlfernsehens in die Serienproduktion steckt: Dass sich eine Logik durchbrechen lässt, die häufig zu Massenware führt, die wenig Ansprüche an die Zuschauer und ihre Aufmerksamkeit stellt.
Viele der in Deutschland hochgelobten US-Serien erreichen auch dort nur ein Minderheitenpublikum. "Breaking Bad" oder "Mad Men" sehen in den USA im Kabel bestenfalls zwei bis drei Millionen Zuschauern - damit gälten sie sogar in Deutschland als Flop. Ein werbefinanzierter deutscher Sender könnte sich solche Nischenprogramme nicht leisten.
Es ist also nicht unbedingt so, dass das amerikanische Publikum anspruchsvolle Serien mehr zu schätzen wüsste als das deutsche. Das Problem ist der Markt: Die Amerikaner können ihre Serien international verkaufen. Und sie haben Einnahmen durch Bezahlfernsehen und Erlöse von Kabelnetzbetreibern.
Es gibt plötzlich einen Markt, in dem nicht nur der gewinnt, dessen Programm sich sehr viele Leute ohne besondere Leidenschaft ansehen. Es profitiert auch der, der wenige Leute sehr glücklich macht.
Ein kleiner Kabelsender wie AMC hat durch die Ausstrahlung von "Mad Men" "stark an Profil gewonnen", sagt Hannes Heyelmann, der Geschäftsführer von Turner Broadcasting System Deutschland, der Firma hinter TNT Serie. "Free-TV-Sender müssen, um die für sie notwendigen Zuschauerzahlen zu erreichen, bei Serien auf den kleinsten gemeinsamen Nenner setzen. Oft entsteht dadurch ein Einheitsbrei. Wir können Nischen bedienen und etwas entwickeln, was sich im besten Fall dann zum Mainstream entwickelt. Man schränkt eine Produktion ein, wenn es von vornherein Mainstream sein muss."
Das ist ein Grund für die Harmlosigkeit, die viele deutsche Serien prägt: Unter dem Zwang, viele Millionen Zuschauer erreichen zu müssen, steht oft nicht die Frage im Vordergrund, was möglich ist, sondern bloß, was nicht möglich ist. Ecken und Kanten werden abgeschliffen.
Die Branche wartet auf Sky
Der Erfolg von "Add a Friend" für TNT wird dagegen weniger in Einschaltquoten zu messen sein: Der Sender wäre zufrieden, wenn die Serie über dem Senderschnitt liegt. Schon 100.000 Zuschauer wären eine gute Zahl. Viel entscheidender ist, dass die Serie Gesprächsstoff liefert und Aufmerksamkeit bringt. TNT Serie lässt sich nicht einzeln buchen, sondern nur im Programmpaket. Aber wenn der Kanal an Attraktivität gewinnt, kann er mehr Einspeisegebühren von den Kabelnetzbetreibern verlangen.
Schon vor der Ausstrahlung der ersten Folge hat TNT eine zweite Staffel in Auftrag gegeben. Und: "Es wird nicht das einzige eigenproduzierte Projekt von TNT Serie bleiben", sagt Heyelmann. "Eigenproduktionen sind Teil unserer Programmstrategie. Wir sind bereits in Gesprächen."
Um die deutsche Serienlandschaft nachhaltig zu verändern, wird das nicht reichen. Deshalb wartet die Branche ungeduldig auf Sky. Der Pay-TV-Anbieter will und muss weg vom reinen Film- und Fußball-Image und plant deshalb auch, ins Fiction-Geschäft einzusteigen. Entschieden werden soll aber erst im kommenden Jahr; zu sehen wäre eine deutsche Sky-Serie frühestens 2014.
Produzent Nico Hofmann, Geschäftsführer der Hochglanz-Firma Teamworx, weckt heute schon größte Erwartungen: "Sollte Sky im fiktionalen Bereich aktiv werden, werden sich die Programmmacher dort nur auf etwas einlassen, das durch Qualität auffällt, das unverwechselbar ist", sagte er der "Süddeutschen Zeitung" und verwies darauf, dass der Erfolg des Pay-TV-Kanals HBO ("Sex and the City", "Die Sopranos", "Six Feet Under") das US-Fernsehen insgesamt verbessert habe.
Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, und "Add a Friend" ist nur ein winziger, noch nicht richtig geglückter erster Versuch: Die Figuren wirken zu klischeehaft, die überraschenden Wendungen kommen zu unmotiviert, und bald mag man weder die Apple-Logos auf den Rückseiten der Laptops mehr sehen noch die Oberfläche von Google Plus, auf der sich alles abspielt. Doch als Pioniere für eine neue Kultur von Serien, die alles sein dürfen, außer egal, verdienen die Macher Respekt.
"Add a Friend", TNT Serie, mittwochs, 20.15 Uhr, zum Start am 19.9. eine Doppelfolge
 
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