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02.10.2012
 
ARD-Bestseller-Verfilmung "Der Turm"
Die DDR lebt am Ende auf
Von Sebastian Hammelehle
FOTOSTRECKE
Sparen mit Gewinn! Die ARD-Verfilmung von Uwe Tellkamps DDR-Roman "Der Turm" konzentriert sich auf die TV-tauglichen Momente des Großwerks und besticht vor allem im letzten Drittel. Und zum Glück verzichtet sogar Jan Josef Liefers auf das Knallchargentum seiner "Tatort"-Rolle.
Ein Plattenbau ist nur einmal prominent im Bild zu sehen. Christian Schwochows zweiteilige Fernsehverfilmung von Uwe Tellkamps Großroman "Der Turm" ist angesiedelt in einem Milieu, das die optischen Klischees von der DDR nur unzureichend erfüllt: dem Dresdener Bildungsbürgertum, hier verkörpert von der Familie des Chirurgen Richard Hoffmann (Jan Josef Liefers).
Die Familie lebt in einem Weißer Hirsch genannten Viertel oberhalb der Stadt in einem Gründerzeithaus. In den achtziger Jahren befand sich hier, zumindest bei Tellkamp, eine Festung der inneren Emigration inmitten des real existierenden Sozialismus. Und die Medien hatten anlässlich seines mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten, 750.000-mal verkauften Romans im Jahr 2008 eine kleine, historische Sensation zu vermelden: Es gab in der DDR nicht nur Arbeiter und Bauern, es gab womöglich Pfeifenraucher in Tweed.
Deutlich entschlacktes Personal
Tellkamp hat sie im Roman in fünf Häusern verortet, allesamt mit blumigen Namen ("Tausendaugenhaus", "Karavelle" oder "Abendstern") ausgestattet. Zu den schönsten Szenen des Buchs gehört die, als einer jener Bildungsbürger am frühen Morgen den Badeofen anheizt - und über dem Pyjama trägt er ein Jackett.
So was gibt es heute nicht mal mehr in Potsdam-Heiligensee, wo man sich energischer als sonst irgendwo in der ehemaligen DDR um die Renaissance der Bourgeoisie bemüht. Überhaupt entfaltet Tellkamps Roman in den ersten Kapiteln, die an Weihnachten spielen, einen opulenten Zauber, der in seiner Ästhetisierung bürgerlicher Rituale an Thomas Mann erinnert.
Im Film sind diese Bezüge fast komplett gestrichen. Der Kosmos des Bildungsbürgertums mit seinem Kanon an Wissen, Werten und Gepflogenheiten wird hier, jenseits kurzer Szenen mit Hausmusik und Kirchgang, fast ausgeblendet - vielleicht ja, weil wenig so schlecht zusammenpasst wie Bildungsbürgertum und Fernsehen.
Auch das Personal des Romans ist in der Verfilmung deutlich entschlackt. Dabei bleiben einige, realer DDR-Prominenz nachgebildete Nebenfiguren ganz oder zumindest fast ganz auf der Strecke. Im Film treten lediglich der SED-Bezirkschef Barsano (angelehnt an Hans Modrow), der dubiose Jurist Sperber (angelehnt an den DDR-Anwalt Wolfgang Vogel) und am Rande der Schriftsteller Altberg (angelehnt an den einflussreichen Literaten Franz Fühmann) auf.
In der zweiten Folge steigert sich die Dramatik
Dem Film schadet das nicht. Die Gewichte aber haben sich verschoben: Im fast tausendseitigen Roman "Der Turm" ist das erste Drittel das stärkste, in der Fernsehfassung verhält es sich umgekehrt. Vordergründig ist die Handlung ausgerichtet auf den Chirurgen Richard Hoffmann und seinen Sohn Christian (gespielt von Sebastian Urzendowsky). Hoffmann gibt sich parteifern, ist für die Stasi aber erpressbar, nicht nur einer früheren Verpflichtungserklärung wegen, sondern auch aufgrund einer langjährigen Affäre mit der Sekretärin Josta Fischer (Nadja Uhl), mit der er eine Tochter hat.
Christian versucht, den hehren Anforderungen seines Vaters, was Unkorrumpierbarkeit in einem autoritären System und Aufstieg durch Studium angeht, gleichermaßen Folge zu leisten - und muss erkennen, dass sein Vater ihn getäuscht hat.
Anne Hoffmann steht zwischen Ehemann und Sohn. Claudia Michelsen spielt die Rolle unprätentiös, aber sehr ausdrucksstark: Immer wieder rückt Regisseur Schwochow sie in entscheidenden Momenten ins Bild und gibt ihr so die Möglichkeit, mit zurückhaltender Mimik weit mehr zu sagen als Jan Josef Liefers mit vielen Worten. Der erliegt in der Rolle des selbstverliebten, zur Geschwätzigkeit neigenden Oberchirurgen und Frauenhelden zumindest nicht der Gefahr, eine Arztkarikatur im Stil des von ihm gespielten, populären Münsteraner "Tatort"-Gerichtsmediziners Börne abzuliefern.
Auch die SED-Machthaber waren Gefangene
In der zweiten Folge des Films steigert sich die Dramatik merklich. Anders als im Buch, wo sich Tellkamp in der Schilderung von Christian Hoffmanns NVA-Ausbildung vom bürgerlichen Erzählton löst und der Roman zwangsläufig einen Teil seines ästhetischen Reizes einbüßt, kommt die Schilderung von Armeeschikanen, Obrigkeitsstaat und Aufbegehren der TV-Dramaturgie entgegen.
Gleichermaßen nimmt die Entfremdung zwischen Ehemann und Ehefrau zu: Während der Chirurg mit seinen Karriereplänen scheitert, emanzipiert sich seine Frau von ihm und engagiert sich 1989 in der Bürgerbewegung. Dazu kommt eine, im Buch nicht vorhandene, starke, fast sympathische Figur eines Stasimanns. Und dann bekommt auch noch Christians Armeekamerad mit Spitznamen Pfannkuchen einen wichtigen Auftritt - er wirkt als ehemaliger Zirkusartist beinahe wie eine Gestalt aus Günter Grass' "Blechtrommel". Für die Verfilmung eines Romans, der von Thomas Mann herkommt, ein unerwartetes Detail.
Zuletzt müssen Vater und Sohn Hoffmann, wie auch Christians Onkel Meno Rohde, der in einer Nebenhandlung eine platonische Intellektuellenbeziehung zu der von den DDR-Kulturbehörden marginalisierten Untergrundschriftstellerin Judith Schevola (Valery Tscheplanowa) aufbaut, erkennen, dass es nicht möglich war, das System innerlich abzulehnen und gleichermaßen Karriere zu machen. Die Mauer fällt.
Und der Film lässt, in einigen pointierten Szenen, den einstigen Herrschern gegenüber eine bemerkenswerte Gnade walten: Er zeigt, dass die alternden SED-Machthaber auf eine andere Art ebenso Gefangene waren wie der ausreisewillige Teil ihrer Bevölkerung. Eingesperrt nicht vom antifaschistischen Schutzwall, sondern von der eigenen, antifaschistischen Rhetorik. "Der Turm", 3. und 4. Oktober 2012, jeweils 20.15 Uhr, ARD
 
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