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13.11.2012
 
Umfrage
Jeder sechste Lehrer fühlt sich gemobbt
Von Frauke Lüpke-Narberhaus
Corbis
Sie fühlen sich benachteiligt, beleidigt, bedroht: Mobbing quält nicht nur Jugendliche, sondern erschreckend oft auch Lehrer. Jeder sechste klagt über Attacken in der Schule, zeigt eine neue Studie. Die Pädagogen fürchten weniger ihre Schüler als deren Eltern - und die eigenen Kollegen.
Eigentlich gehören Lehrer zu den Mächtigen in der Schule, zumindest sitzen sie am längeren Hebel: Sie bringen ihren Schülern etwas bei und tadeln sie, vergeben Noten, bewerten, entscheiden über Bildungskarrieren. Und sie sind zuständig für die Disziplin, wenn es Ärger gibt.
Dabei fühlen sich viele Lehrer in der Schule selbst oft geärgert, benachteiligt, beleidigt oder gar bedroht - mal von den eigenen Schülern, mal von Kollegen oder Eltern und besonders oft von ihren Chefs, den Schulleitern. Eine neue Studie des Zentrums für empirische pädagogische Forschung der Universität Koblenz-Landau zeigt: Gut jeder sechste befragte Lehrer fühlt sich in der Schule gemobbt.
Der Raum Schule eigne sich offenbar besonders, um zu mobben, sagt Reinhold Jäger, der die Umfrage durchgeführt hat. Hier treffen verschiedene Generationen aufeinander: junge und alte Lehrer, Schüler und Eltern, die sich oft einmischen. In welchem Betrieb rufen sonst regelmäßig Außenstehende an, um sich über einen bestimmten Mitarbeiter zu beschweren?
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Inzwischen haben zahlreiche Wissenschaftler untersucht, ob und wie Schüler von Mitschülern gemobbt werden - über Lehrer weiß man vergleichweise wenig. Im vergangenen Jahr zeigte eine Studie aus England: Ein Drittel der befragten Lehrer wurde schon im Internet beschimpft oder bloßgestellt - besonders oft von den Eltern der Schüler. Eine Studie in Deutschland betrachtete die Situation von schwulen Lehrern: Was passiert, wenn sie sich outen? Einige Lehrer berichteten damals von Drohbriefen, Gewalt und Psychoterror.
Jäger wollte für seine Studie so viele Lehrer wie möglich in Deutschland, Österreich und der Schweiz erreichen: Er schickte Pressemitteilungen an Zeitungen sowie Mails an Schulen und Lehrerverbände. Rund 1500 Lehrerinnen und Lehrer machten mit, rund 95 Prozent der Teilnehmer unterrichten in Deutschland. Die Studie ist nicht repräsentativ, so wohnen beispielsweise 53 Prozent der befragten Lehrer in Bayern, aber nur 0,39 Prozent in Sachsen-Anhalt. Auch der Anteil der älteren Lehrer fällt geringer aus als im Bundesdurchschnitt.
Die Teilnehmer füllten online einen Fragenbogen aus; sie beantworteten nicht nur, ob sie gemobbt wurden, sondern auch wie, von wem, wie sie reagiert haben und ob ihre Schule etwas gegen Mobbing unternimmt. Die Lehrer sollten allerdings nur die vergangenen zwei Monate betrachten, so wollte Jäger verhindern, dass sie die Vorfälle überinterpretieren oder falsch einschätzen, wie oft sie gemobbt wurden.
Die jetzt vorliegende Studie ist eine erste Auswertung der Ergebnisse - weitere werden später folgen. Die zentralen Punkte in Kürze:
Cybermobbing spielt - anders als bei Schülern - kaum eine Rolle: Rund 92 Prozent der befragten Lehrer sagten, dass sie nicht im Internet gemobbt wurden. Beim direkten Mobbing sagen nur rund 59 Prozent, dass sie nicht darunter leiden. Gut jeder sechste Befragte (17,24 Prozent) gab an, viermal im Monat oder häufiger gemobbt worden zu sein. Damit fühlen sich die befragten Lehrer wesentlich häufiger schikaniert als andere Arbeitnehmer: Eine repräsentative Studie für die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin aus dem Jahr 2002 geht davon aus, dass in Deutschland 2,7 Prozent der Erwerbstätigen betroffen sind.
Es scheint sinnvoll zu sein, Lehrer und Mitschüler für das Thema zu sensibilisieren und beispielsweise durch einen Codex oder Streitschlichter Mobbing etwas entgegenzusetzen: Denn je mehr eine Schule unternimmt, desto seltener berichten die Befragten von Attacken. Die gemobbten Lehrer sollten auch beantworten, wodurch sie sich schikaniert fühlen, der Fragebogen gab 20 Formulierungen vor: Am häufigsten sagten die Betroffenen, sie fühlten sich von jemand anderen schlecht behandelt (rund 54 Prozent), unter Druck gesetzt (rund 54 Prozent), ignoriert (rund 47 Prozent), ausgegrenzt (rund 47 Prozent), kritisiert (rund 45 Prozent) oder benachteiligt (rund 40 Prozent). Eine Minderheit gab an, telefonisch terrorisiert worden zu sein (4,2 Prozent), mit Worten sexuell belästigt (2,6 Prozent) oder körperlich angegriffen worden zu sein (0,5 Prozent). Und wer sind die Täter? Am häufigsten fühlen sich Lehrer durch ihre eigenen Chefs, die Schulleiter angegriffen, das sagten rund 54 Prozent der Befragten. Rund 48 Prozent nannten die eigenen Kollegen als Angreifer, rund 21 Prozent nannten die Eltern der Schüler. Die eigenen Schüler mobben demnach vergleichsweise selten (rund 16 Prozent). Betroffene Lehrer gingen fast nie wegen der Vorfälle zum Psychologen, zum Schulpsychologischen Dienst oder zur Polizei. Wobei Jäger in seiner Studie einschränkt: Womöglich reiche der Beobachtungszeitraum von zwei Monaten nicht aus, um die wahrscheinlich hohe Hürde zu einer professionellen Hilfe zu überwinden. Bei Problemen wandten sich die betroffenen Lehrer am häufigsten an ihren Partner, ihre Partnerin, an Freunde und Kollegen.
Laut dieser Studie fühlen sich Lehrer wesentlich häufiger gemobbt als andere Arbeitnehmer - sind sie vielleicht einfach nur empfindlicher? Darüber lasse sich nur spekulieren, sagt Jäger. Fest stehe: Lehrer leiden unter einem permanent hohen Lärmpegel. Eltern, Politiker, Schüler, Journalisten kritisieren Lehrer ständig für ihre Arbeit, hinzukommen immer neue Aufgaben und Sprüche wie: Guck mal, die faulen Lehrer. "Das sind Situationen, die an den Nerven nagen", sagt Jäger.
Um Lehrer zu entlasten, müssten Schulleiter besser auf ihrer Führungsaufgabe vorbereitet werden, fordert Jäger. Lehrer sollten zudem lernen, dass sie sich bei Mobbing professionelle Hilfe holen dürfen. Und, ganz wichtig: "Wir müssen an Schulen die Erkenntnis etablieren: Alles, was mit Mobbing zu tun hat, ist zu ächten."
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