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19.11.2012
 
S.P.O.N. - Im Zweifel links
Gesetz der Rache
Von Jakob Augstein
AFP
Der Wahnsinn geht weiter - die Hamas und Israel schießen pausenlos aufeinander. An Frieden haben beide Seiten kein Interesse. Im Nahen Osten gilt immer noch: Der Krieg ist der Vater aller Dinge.

Wer hat dieses Mal angefangen? Die Hamas feuert Raketen auf Israel. Israel bombardiert den Gaza-Streifen. In den ersten beiden Tagen 350 Raketen und mehr als 600 Luftangriffe: Das ist Krieg. Er ist wieder ausgebrochen. Unter der Oberfläche schwelt er immerzu. Schlag und Gegenschlag halten ihn am Leben. Die Staaten appellieren: England warnt, die Uno fordert, Westerwelle bittet.
Aber das Gesetz der Rache kennt kein Ende. Dieser Krieg wird erst enden, wenn die Krieger die Lust daran verloren haben. Es sieht nicht danach aus.
Warum hat Israel Ahmed al-Dschaabari, den Militärchef der Hamas, gerade jetzt getötet? Weil die Wahlen in den USA gelaufen sind und die Wahlen in Israel bevorstehen. Den großen Angriff gegen Iran, für den Benjamin Netanjahu unablässig wirbt, haben die Amerikaner ihm verboten. Jetzt führt er den kleinen Krieg gegen die Hamas. Ein Stellvertreterkrieg, ein Funktionskrieg.
Die Hamas feuert Raketen, Israel bombardiert
Es sah bis vor kurzem nicht gut aus für Netanjahu und seinen Koalitionspartner, Verteidigungsminister Ehud Barak. Als Kriegsherren dominieren sie nun wieder die Berichterstattung. Im vergangenen Jahr waren Hunderttausende Israelis auf die Straße gegangen. Sie hatten gegen Netanjahus Sozial- und Wirtschaftspolitik protestiert. Es hatte solche Demonstrationen in Israel bislang nicht gegeben. Aber wenn Krieg ist, dann sammelt sich das Volk. Und die Opposition muss schweigen.
"Tel Aviv ist Berlin", schrieb die Bild am Sonntag, nachdem sich gezeigt hatte, dass die Raketen der Hamas inzwischen weiter reichen als früher: "Die gleiche Mode, die gleiche Musik, dieselben Wünsche und Werte." Wirklich? In Israel gibt es Gegenden, da wird eine Frau als Hure beschimpft, wenn sie im Bus vorn bei den Männern sitzt. Und es gibt Menschen, die bespucken ein kleines Mädchen auf dem Weg zur Schule, weil es falsch gekleidet ist.
Israel wird von den islamischen Fundamentalisten in seiner Nachbarschaft bedroht. Aber die Juden haben ihre eigenen Fundamentalisten. Sie heißen nur anders: Ultraorthodoxe oder Haredim. Das ist keine kleine, zu vernachlässigende Splittergruppe. Zehn Prozent der sieben Millionen Israelis zählen dazu. Benjamin Netanjahu hat in seinem Kabinett Mitglieder gleich dreier fundamentalistischer Parteien sitzen. Die gleichen Werte?
Diese Leute sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ihre islamistischen Gegner. Sie folgen dem Gesetz der Rache. Die Hamas feuerte schon im Frühjahr Raketen auf Israel. Israel bombardierte Gaza. Viele Palästinenser kamen ums Leben. Ein 13-jähriger palästinensischer Junge soll vor einer Woche beim Fußballspielen von einem israelischen Helikopter aus erschossen worden sein. Ein geistig behinderter Mann soll vor zwei Wochen getötet worden sein, weil er auf Zuruf der Soldaten nicht stehengeblieben war.
Auch jetzt wieder: Die Hamas feuert Raketen. Israel bombardiert. Das Gesetz der Rache ist grenzenlos.
Gaza - auf diesem Boden gedeiht der Hass der Hamas
Wer es durchbrechen will, muss ihm die Nahrung entziehen. Will Israel das? Wir wissen aus den WikiLeaks-Depeschen, was Israel in Gaza tut. Im Jahr 2008 erklärten israelische Offizielle den Amerikanern, dass Gaza ganz bewusst und absichtsvoll "am Rand des Kollaps" gehalten werde, ohne dass es aber zum völligen Zusammenbruch komme. Gaza solle "auf dem niedrigsten Level funktionieren, der gerade noch eine humanitäre Katastrophe" ausschließe.
Selbst das ist gelogen. Die Katastrophe geschieht. Gaza ist ein Ort aus der Endzeit des Menschlichen. 1,7 Millionen Menschen hausen da, zusammengepfercht auf 360 Quadratkilometern. Gaza ist ein Gefängnis. Ein Lager. Israel brütet sich dort seine eigenen Gegner aus.
Und die Palästinenser? Am 29. November will ihr Präsident Mahmud Abbas in der Uno-Vollversammlung den Beobachterstatus beantragen. Die USA können das nicht blockieren. Amerika droht den Vereinten Nationen mit finanziellen Sanktionen. Israel droht mit der Annexion von Gebieten im Westjordanland. Was ist die Botschaft an die Palästinenser? Auch friedliche Mittel helfen euch nichts! Auf diesem Boden gedeiht der Hass der Hamas.
"Der Krieg ist das Verbindende, und Recht ist Streit", hat Heraklit gesagt. Der Mann wusste, dass der Krieg nicht trennt, sondern die feindlichen Kämpfer aneinander bindet. Sie sind nur in dieser Bindung, was sie sind. Der Nahe Osten ist wie ein Laborexperiment für diese sehr alte These. Ein trauriges, blutiges, hoffnungsloses Experiment. Irrsinn ist die Gewalt nur demjenigen, der glaubt, dass sie überwunden werden soll. Wer die Sinnstiftung der Gewalt erkannt hat, wird die Hoffnung auf ihre Überwindung fahren lassen.
Im Nahen Osten sollte man nicht auf ein Ende der Gewalt hoffen.
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