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27.11.2012
 
ARD-Horrorsatire "Sechzehneichen"
Meine Frau, der Öko-Roboter
Von Christian Buß
FOTOSTRECKE
Für die Herren gibt's Gangbang-Pornos, um die Damen kümmert sich der Heilpraktiker: In der Siedlung "Sechzehneichen" finden Mittdreißiger ihr Glück. Oder doch nicht? Im ARD-Film wirken die Damen gehirnentkernt - der legendäre Anti-Emanzipations-Horror "Die Frauen von Stepford" lässt grüßen.
Kennen Sie das: Ein Bekannter Mitte 30 erzählt Ihnen, dass er jetzt ja auch vor die Stadt ins Grüne ziehen werde. Den Kindern zuliebe und weil die Frau in der Stadt ja immer Probleme mit ihrer Allergie hätte. Der Mann guckt dann so, als ob er ein Opfer brächte - nur um danach mit umso leuchtenderen Augen von dem neuen Luxuseigenheim zu berichten. Ich bin, was ich mir leisten kann.
Ungefähr so tickt auch Nils Eichhorn (Mark Waschke), Jungunternehmer aus Frankfurt am Main, der mit seiner Frau Laura ( Heike Makatsch) einen schnittigen Neubau in fast naturbelassener Hügellandschaft bezieht. Aus ökologischem Baustoff gebaut, versteht sich. Und von Stromzäunen geschützt.
Als Fotografin liebt Ehefrau Laura eigentlich das kulturell ergiebige Großstadtleben, doch die schlechte Luft setzte ihr zuletzt arg zu. Im betäubend eintönigen Grün der bewachten Siedlung "Sechzehneichen" fängt sie bald wieder das Kiffen an und fotografiert Eichhörnchen. Interessante Gespräche mit neuen Nachbarinnen wie Marlene (Lavinia Wilson) gestalten sich schwierig: Die reden am liebsten über alternative Heilpraktiken und traditionellen Küchenzauber. Gehirnentkernt und aufgeputzt, das ist eigentlich nichts für Laura.
Emanzipation war gestern
Nils hat es da einfacher: Er verschafft sich bald in der Runde der Macher und Machos von "Sechzehneichen" einen sicheren Stand. Die Männer schwadronieren über die Wehwehchen der Frauen und die Sicherheitslücken der bewachten Wohnanlage. Über die gemeinsame Satellitenanlage hat man Zugriff auf Fernsehprogramme aus aller Welt, auch das Angebot an Erotikfilmen ist groß.
Als Ehefrau Laura sich mal wieder selig in den Schlaf gekifft hat, schaut Nils noch einen Porno, in dem eine Horde Männer Geschlechtsverkehr mit einer Frau hat, die aussieht wie Nachbarin Marlene. Vielleicht nur eine Täuschung. Auf jeden Fall findet Nils die Vorstellung, dass die Frauen in "Sechzehneichen" nicht nur am Herd ihrer Pflicht erfüllen, sondern auch im Bett, durchaus reizvoll.
Ihnen kommt die Geschichte mit den adretten Aufziehpüppchen bekannt vor? Gut möglich, über weite Strecken funktioniert die ARD-Produktion "Sechzehneichen" wie ein Remake von Bryan Forbes' "Die Frauen von Stepford" aus dem Jahr 1975. Die legendäre Horrorsatire (die schon einmal 2004 mit Nicole Kidman wiederverfilmt wurde) beschrieb den ersten Emanzipations-Backlash: Katherine Ross spielte damals - die wilden Sechziger hallten nur noch schwach nach - eine Fotografin und Frauenrechtsaktivistin, die in der Vorstadt auf komplett konforme Geschlechtsgenossinnen trifft.
Globuli als Gleichschaltungsbeschleuniger
"Sechzehneichen"-Regisseur Hendrik Handloegten (war für den letzten Münchner "Polizeiruf" verantwortlich) und Autor Achim von Borries (hat den ersten Tukur-"Tatort" inszeniert) haben sich nun an einem Update versucht. Eine Übersetzung in die Gegenwart, die weitgehend schlüssig ist: Wo es in den Siebzigern bei der Stadtflucht gebildeter Besserverdiener auch darum ging, nach Jahren der Hippie-Experimente bürgerliche Werte zurückzugewinnen, da sollen heute eben Gated Communitys bei jungen, liberalen und umweltbewussten Dreißigjährigen für neue Geborgenheit sorgen. Motto: Wir bauen uns ein Hochsicherheitsnest.
So schafft die "Stepford"-Neuauflage (in den Credits verzichtet man auf die Nennung von Original-Autor Ira Levin, obwohl die Story fast identisch ist) den Transfer über die fast vier Jahrzehnte. Reflektierte "Die Frauen von Stepford" damals die allgemeine hippieske Naturverbundenheit, spiegelt "Sechzehneichen" ein neues breites ökologisches Mainstream-Bewusstsein wider. Gibt es im Original Softporno-Anspielungen, sieht man im Quasi-Remake angedeutete Gangbang-Szenen.
Wild und frei will man leben, aber auch gesund und abgesichert. Handloegten und Borries versuchen diesen Widerspruch in zum Teil krassen Bildern zu illustrieren. Dem bedrohlichen Naturalismus des Originals setzen sie streckenweise einen geballten Surrealismus entgegen, der Vorstadtterror kippt aber leider gelegentlich ins Maskenhafte. Auch die männlichen Darsteller laufen zuweilen wie Aufziehpuppen durchs Bild.
Und was könnte denn nun der Grund für die Willenlosigkeit der Frauen von "Sechzehneichen" sein? Wie werden gebildete, selbstbewusste Frauen zu unterwürfigen Öko-Robotern? Alle Bewohnerinnen schlucken Globuli, die ihnen der örtliche Heilpraktiker verschreibt. Zuckerkügelchen als möglicher Anpassungsbeschleuniger - ein perfider Gag in diesem keineswegs in homöopathischen Dosen daherkommenden Gleichschaltungshorror.
"Sechzehneichen", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD
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