SPIEGEL ONLINE
26.11.2012
 
S.P.O.N. - Im Zweifel links
Überall Antisemiten
Von Jakob Augstein
Jeder Kritiker Israels muss damit rechnen, als Antisemit beschimpft zu werden. Das ist ein gefährlicher Missbrauch des Begriffs. Im Schatten solch falscher Debatten blüht der echte Antisemitismus.
Augstein, du bist und bleibst eine antisemitische Dreckschleuder.
PS: immer schön aufpassen, wenn du über die Straße gehst.

Diese Nachricht erreichte den Autor vor kurzem über Facebook. Das Netz ist voller Wut und Wahnsinn. Aber dieser Angriff ist typisch für eine gefährliche Tendenz: Der Antisemitismus-Vorwurf wird inflationär gebraucht. Und er wird missbraucht. Immer häufiger wird Israels Besatzungspolitik mit dem Antisemitismus-Argument gegen jede Kritik in Schutz genommen. Dadurch verliert der Begriff seine Bedeutung und das Thema seine Würde. All das nützt den wirklichen Judenfeinden - und es schadet Israel.
Nehmen wir den Fall der Philosophin Judith Butler. Ende Mai wurde bekannt, dass sie den Theodor-W.-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt bekommen sollte. Butler hat die israelische Besatzungspolitik kritisiert. Und sie hat sich für eine Kampagne ausgesprochen, die unter anderem ein Ende dieser Besatzungspolitik fordert. In der "Jerusalem Post" wurde ein israelischer Politikwissenschaftler mit den Worten zitiert: "Die Boykott-Kampagne ist Teil eines größeren Feldzugs von Nichtregierungsorganisationen, der gegen Israel gerichtet ist und gegen das Recht des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung und Gleichberechtigung. Das ist die moderne Form des Antisemitismus." Und der Zentralrat der Juden in Deutschland schimpfte: "Eine bekennende Israel-Hasserin mit einem Preis auszuzeichnen, der nach dem großen, von den Nazis als 'Halbjude' in die Emigration gezwungenen Philosophen benannt wurde, kann nicht als bloßer Fehlgriff gelten."
Butler, die offenbar ernsthaft verletzt war, erwiderte: "Man versucht, diejenigen, die eine kritische Auffassung vorbringen, zu dämonisieren und so ihre Sichtweise zu diskreditieren. Es handelt sich um eine Taktik, die darauf abzielt, Menschen zum Schweigen zu bringen: Was immer man sagt, es ist von vornherein abzulehnen oder so zu verdrehen, dass die Triftigkeit des Sprechakts geleugnet wird."
Der Vorwurf fällt auf den Vorwerfenden zurück
Das ist das Problem: Es geht bei diesen Auseinandersetzungen in Wahrheit um politische Interessen und Werte. Aber die vorgeblichen Freunde Israels sind bereit, für ihre politischen Interessen einen hohen Preis in Kauf zu nehmen: die Ernsthaftigkeit der Antisemitismus-Debatte.
Es ist für die Philosophin Butler eine persönliche Kränkung, als Antisemitin verunglimpft zu werden. Das ist aber nicht einmal das Schlimmste daran. Der Vorwurf ist so erkennbar unsinnig und interessengeleitet, dass er auf die Vorwerfenden zurückfällt. Und da liegt das Problem: Je häufiger der Antisemitismus-Vorwurf für kurzfristige, politische Zwecke eingesetzt wird, desto irrelevanter wird er. Der Prozess hat schon längst begonnen: Früher war es eine Schande, für einen Antisemiten gehalten zu werden. Inzwischen muss man solchen Vorwurf nicht mehr ernst nehmen. Im Meer der hirn- und folgenlosen Injurien des Internets geht auch diese Beschimpfung einfach unter.
Israel ist eine Besatzungsmacht. Und es verhält sich wie eine Besatzungsmacht. Der New Yorker Politikwissenschaftler Peter Beinart hat im April dem "Stern" gesagt:
Innerhalb seiner international anerkannten Grenzen ist Israel eine Demokratie. Dort gilt die Unabhängigkeitserklärung von 1948, die allen Bürgern vollständige Gleichheit sozialer und politischer Rechte ohne Ansehen von Rasse, Religion und Geschlecht zusichert. Anders in den besetzten Gebieten: Dort stehen Millionen Menschen unter israelischer Herrschaft, die keinen Anspruch auf diese Rechte haben, weil sie nicht Staatsbürger Israels sind.
Was Beinart meint: Die israelische Machtpolitik bedroht die Legitimität des ganzen Staates. Wie andere Besatzungsmächte zuvor versucht auch Israel, Kritik an der eigenen Unrechtspolitik zum Verstummen zu bringen.
Als Südafrika beschloss, allen Importgütern aus israelischen Siedlungen im Westjordanland die Kennzeichnung "Made in Israel" zu verweigern, bestellte das israelische Außenministerium den südafrikanischen Botschafter in Jerusalem ein. Ein Sprecher des Ministeriums sagte: "Das erinnert an Ideen rassistischer Natur, die besonders die südafrikanische Regierung sofort zurückweisen sollte."
Zynische Argumentation
Wie soll man diese Argumentation nennen? Die Israelis nutzten das rhetorisch-politische Mittel der Inversion, der Umkehrung: Die Kritik an der eigenen Unterdrückung der Palästinenser wird selbst in einen rassistischen Zusammenhang gestellt. Und das im Dialog mit einer Gesellschaft, die ihrerseits Zeuge und Opfer furchtbarer rassistischer Verbrechen wurde. Man kann diese Argumentation nur zynisch nennen.
Aber die Verteidiger der israelischen Machtpolitik werden auch diesen Befund als antisemitisch abtun.
Sie gehen dabei jedes Mal zu weit. So wie der New Yorker Theatermacher Tuvia Tenenbom, dessen unwahrscheinliche Geschichte der aktuelle SPIEGEL erzählt, der über "Herrenrassen-Mentalität" schimpft, weil er sich mit seinem deutschen Verleger streitet. Oder die Berliner Menschenrechts-Aktivistin Anetta Kahane, die achtlos den Vorwurf des "Herrenmenschen" nutzt, weil sie sich über linke Israel-Kritiker ärgert. Und bei dem Publizisten Henryk M. Broder sind ohnehin schon seit langem alle Bremsen defekt, sonst würde er nicht im tagespolitischen Streit darüber fabulieren, wer wohl seinerzeit auch "an der Rampe" seinen Dienst versehen hätte oder wer sich nun gerade freut, "wenn's Judenblut wieder vom Messer spritzt".
Hier entgleisen nicht nur die Worte. Das Gedenken an den Holocaust wird zu niedriger Münze verkauft. Das Traurige ist: Am Ende bleibt nur ein Achselzucken. Inflationärer Gebrauch führt immer zur Entwertung. Das ist eine Katastrophe. Denn der Antisemitismusbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2011 kommt zu solchen Ergebnissen:
Jeder sechste Deutsche stimmt der Aussage zu, Juden hätten zu viel Einfluss in Deutschland. Jeder Achte findet, die Juden trügen eine Mitschuld an ihrer Verfolgung, und vierzig Prozent unterstellen ihnen, aus ihrer Verfolgung in der Vergangenheit Vorteile in der Gegenwart zu ziehen. Insgesamt hat jeder fünfte Deutsche etwas gegen Juden.
Aber wenn jede Kritik an israelischer Besatzungspolitik antisemitisch ist, hört Antisemitismus auf, etwas Verwerfliches zu sein. Das freut die echten Rassisten und Antisemiten.
 
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