SPIEGEL ONLINE
17.12.2012
 
Erdöl aus Ecuador
Mögliches Ende einer Klimaschutz-Utopie
Von Tobias Käufer, Bogota
FOTOSTRECKE
Es war ein Experiment für eine neue Form der globalen Zusammenarbeit: Ecuador wollte darauf verzichten, in einem Teil seines Regenwalds Erdöl zu fördern - und sich dafür von der Weltgemeinschaft entschädigen lassen. Jetzt könnte der Versuch vor dem Scheitern stehen. Es fanden sich bislang nicht genug Geldgeber.
Die neue Begeisterung für das Erdöl kommt via Fernseher und Radio in die ecuadorianischen Wohnzimmer: "Erdöl schenkt Amazonien Leben" schwört eine Kampagne der Regierung die Menschen in dem südamerikanischen Land auf den bevorstehenden Kurswechsel ein. Präsident Rafael Correa will insgesamt 21 neue Förderlizenzen im ecuadorianischen Amazonas-Regenwald an die Erdölindustrie zu vergeben. Für die ersten Gebiete wurden die Lizenzen schon Ende November unterzeichnet. Betroffen sind auch Teile des Naturschutzparks Yasuni, dem Namensgeber der von Ecuador ins Leben gerufenen Initiative "Yasuni-ITT" zum Schutz des Regenwalds.
Damit steht ein Idee vor dem Scheitern, die Präsident Correa in den letzten Jahren positive Schlagzeilen rund um den Erdball bescherte und ihn zum Liebling grüner Parteien weltweit machte. Die Idee lautete: Ecuador schützt den Regenwald - und die Welt bezahlt dafür.
Ecuador wollte die unter der Erde des artenreichen Regenwalds vermuteten Erdölreserven nicht antasten, wenn die Weltgemeinschaft im Gegenzug in einen Fonds einzahle. 3,5 Milliarden Euro will Ecuador in diesem Topf sehen, das ist etwa die Hälfte dessen was das Land durch den Verkauf des unter dem so genannten ITT-Areal liegenden Öls erlösen könnte. Doch der Rest der Welt hat kein Geld für Ecuadors Pläne übrig - und nun rücken die Bagger und Bohrer an. Mehrere Erdölgesellschaften halten ohnehin schon Förderlizenzen im Park. Die drei Bohrstellen Ishpingo, Tambococha, Tibutini (ITT) sind nun die letzten noch unerschlossenen Lücken im Nationalpark Yasuni.
"Seit Yasuni-ITT im Gespräch ist, bereitete die Regierung parallel dazu die Ölförderung in den südlich angrenzenden Waldgebieten vor, in einer Region, die 16-mal größer ist als das ITT-Stück. Dort leben sieben indigene Völker, die um ihre Zukunft bangen", sagt Mascha Kauka von der Umweltschutzorganisation "Amazonica" im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Münchnerin, die mehrere Monate im Jahr im ecuadorianischen Regenwald lebt, war bereits seit Beginn der Initiative skeptisch, dass Correas weltweit beachtete Idee einen nachhaltigen Fortschritt bringen würde. Jetzt sieht es aus, als sollte sie recht behalten.
Ein Eindruck, dem der ecuadorianische Botschafter in Berlin, Jorge Jurado, entschieden widerspricht. Das Projekt sei lediglich einer planmäßigen Evaluierung unterzogen worden, "Die bedeutet jedoch keineswegs, dass die Initiative eingestellt würde".
Der linksgerichtete Correa hatte stets mit offenen Karten gespielt: Sollten aus der internationalen Staatengemeinschaft für die Yasuni-ITT-Initiative nicht genügend Geld zusammenkommen, dann würde Ecuador irgendwann mit den Bohrungen beginnen.
Das Scheitern des Projekts ist nur eine Frage der Zeit
Die Bundestagsabgeordnete Ute Koczy (Die Grünen) gilt als eine der energischsten Verfechterinnen des Yasuni-Projekts in Deutschland. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE schließt Koczy ein Scheitern des Präzedenzfalls Yasuni nicht mehr aus: "Die eigentliche Frage ist doch, ob die ITT-Initiative noch eine Zukunft hat."
Die Weltgemeinschaft hat außer Absichtserklärungen bislang keine festen Zusagen über die Milliardensummen gemacht, die Ecuador verlangt, um zumindest den ITT-Block zu schützen. Deutschland, so Koczy, sei der einzige Staat, der wirklich konkret und konzeptionell für die Biosphäre Yasuni Geld gebe: "Das ist ein Fortschritt - doch der komplette Schutz des Nationalparks ist damit noch lange nicht Realität." Auch Deutschland hat allerdings nicht in den Fonds eingezahlt, sondern stattdessen 25 Millionen Euro zusätzliche Entwicklungshilfe bereitgestellt, um die Artenvielfalt in Yasuni und die dort lebenden indigenen Völker zu schützen.
Man könnte es auch weniger diplomatisch ausdrücken: Falls nicht weitere Zusagen eingehen, ist das Scheitern des weltweit beachteten Yasuni-ITT-Projekts nur noch eine Frage der Zeit. In Zukunft könnten vor allem chinesische Gesellschaften die begehrten Bohrlizenzen beanspruchen, denn China hat Ecuador großzügige Kredite gewährt und soll als Gegenleistung 52 Prozent des ecuadorianischen Erdöls erhalten.
 
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