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27.11.2012
 
Studie zum verkürzten Gymnasium
Turbo-Abiturienten lernen besser
Von Jan Friedmann
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Was bringt das schnelle Abitur nach der 12. Klasse? Eine neue Studie zeigt: Hamburger Schüler schaffen nach acht Jahren Gymnasium bessere Leistungen als nach neun. Die Ergebnisse bestärken die Verfechter von G8 und stellen Versuche in Frage, die umstrittene Reform aufzuweichen.

Hamburg - Meist ist es keine angenehme Aufgabe, die Ergebnisse eines Bildungsvergleichs als Schulsenator von Hamburg vorzustellen. Der Behördenchef muss häufig erklären, warum Kinder und Jugendliche in der Hansestadt schlechter abschneiden als ihre Altersgenossen in Ländern wie Bayern oder Sachsen. So war die Hackordnung bei Pisa und entsprechend bildete Hamburg jüngst bei einer Grundschulstudie mit den beiden anderen Stadtstaaten Bremen und Berlin das Trio der Ahnungslosen.
Umso erfreulicher sind für Schulsenator Ties Rabe (SPD) die Zahlen, die er am Dienstag im Rathaus der Hansestadt präsentiert hat: Demnach bringen Hamburgs Abiturienten heute bessere Leistungen als noch vor sechs Jahren, obwohl das Gymnasium ein Jahr kürzer dauert und damit die Abiturienten im Schnitt ein Jahr jünger sind.
Die G-8-Gymnasiasten zeigten sich fitter in Englisch, in zwei Mathe-Tests und in der naturwissenschaftlichen Grundbildung - diese Kompetenzen wurden in der sogenannten Kess-Studie geprüft. Die Forscher setzten die Ergebnisse in Bezug zum Niveau, das Abiturienten sechs Jahre früher bei einem anderen Hamburger Test, der Lau-Studie ("Aspekte der Lernausgangslage und der Lernentwicklung"), nachgewiesen hatten. Diese Studie hatte Abiturienten ebenfalls in Englisch, Mathe und Naturwissenschaften getestet. Außerdem machten besonders die 500 besten Schülerinnen und Schüler 2011 im Vergleich zu 2005 einen Sprung. "Die Schulzeitverkürzung G8 am Gymnasium hat nicht geschadet, sondern zu diesem Erfolg beigetragen", sagt Rabe.
Knapp 4000 Abiturienten nahmen an der Studie teil
Das Kürzel Kess steht für "Kompetenzen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern", dahinter verbirgt sich eine Längsschnittstudie: Hamburger Schulforscher vom Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung hatten in der Vergangenheit bereits viermal die Leistungen eines Schuljahrgangs auf verschiedenen Klassenstufen untersucht, beginnend mit der vierten Klasse. In der "Kess 12-Studie" erreichte dieser Jahrgang nun das Abituralter, knapp 4000 Abiturienten nahmen teil.
Die Untersuchung dürfte die bundesweite Debatte um das achtjährige Gymnasium befeuern, denn Vergleiche zwischen G-8- und G-9-Schülern sind bislang rar. Mancherorts wie in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen haben die G8-Schüler noch gar nicht die gesamte Schulzeit durchlaufen, in Baden-Württemberg und Hessen war es erst 2012 so weit.
Dennoch steht das Urteil vieler Eltern und Schulpolitiker über die umstrittene Schulreform bereits fest, diese hat einen verheerenden Ruf: Sie gilt als Ursache für Schüler-Stress, Hausaufgaben-Überlast und mangelnde Freizeit. Ihr wird auch nachgesagt, Jugendliche verfrüht aus den Bildungsanstalten zu entlassen; zu einem Zeitpunkt, an dem der Nachwuchs zentrale Fähigkeiten noch gar nicht richtig beherrsche, mitunter also zu grün für das Leben und ein mögliches Studium sei.
Zumindest mit dem letzteren Vorurteil räumt die Kess-Studie ein Stück weit auf. Auch wenn es zuletzt aus anderen Bundesländern gegenläufige Trends gab - in Bayern fielen mehr G-8-Schüler durchs Abitur, in Hessen gab es auf dem Weg dorthin mehr Sitzenbleiber - so zeigen die Hamburger Zahlen: Acht Jahre Gymnasium können ausreichen.
Gymnasialer Flickenteppich: Viele Länder rücken von Reform ab
Die Hamburger Landesregierung darf die Studie als Bestätigung der eigenen Linie beim Streitthema G8/G9 werten: Denn im Gegensatz zu den Kultusministerien in anderen Bundesländern bietet sie keine G-9-Optionen an Gymnasien an. Wer sich neun Jahre lang Zeit bis zur Reifeprüfung nehmen will, der muss an der Elbe eine sogenannte Stadtteilschule besuchen, die zweite Schulform neben dem Gymnasium.
Ganz anders im Süden der Republik: Dort wird die umstrittene Reform gerade teilweise rückabgewickelt. In Baden-Württemberg offerieren 22 Gymnasien landesweit G-9-Züge, mindestens noch einmal so viele sollen 2013 dazukommen. In Bayern wird es bald ein sogenanntes Flexibilisierungsjahr geben, eine freiwillige Ehrenrunde für Schüler, denen G8 zu schnell geht. Auch Hessen will Eltern eine verstärkte Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 einräumen.
Der Trend zur Langsamkeit hat Kalkül, in Bayern und in Hessen stehen im kommenden Jahr Landtagswahlen an. G8 ist bei vielen Schülern und Eltern im Westen der Republik enorm unpopulär, im Gegensatz zu Ostdeutschland, wo das Gymnasium traditionell acht Jahre dauert. Die Landespolitiker fürchten den Zorn der Eltern, bei der vergangenen Landtagswahl straften diese in Hessen und Bayern die unionsgeführten Regierungen ab.
Dass die G-8-Aufweicher mit der Rolle rückwärts dem Leistungsgedanken des Gymnasiums schaden, dafür liegt nun mit der "Kess 12-Studie" ein weiteres Indiz vor. Denn die Hamburger Schüler erreichten leicht verbesserte Lernstände, obwohl sich im Vergleichszeitraum zwischen 2005 und 2011 die Gymnasialquote erheblich erhöhte.
Während zuvor nur ein Drittel der Schüler Abitur machte, erwirbt nun über die Hälfte den höchsten Schulabschluss. "Wer mehr Schülerinnen und Schüler zu höheren Abschlüssen führen will, muss keineswegs das Leistungsniveau senken", sagt der SPD-Politiker Rabe.
Ein bundesweit vergleichbarer Leistungsstand im Abitur war bisher eine Illusion im Bildungsföderalismus. Es ist unwahrscheinlich, dass schwache Bundesländer wie Hamburg bald den Stand von Bayern erreichen. Doch künftige Bildungsvergleiche könnten weniger eindeutig ausfallen - wenn denn der Norden bei G8 eine ruhige Hand behält und der Süden weiter herumeiert.
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