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29.11.2012
 
Hot Spot für al-Qaida und Co.
BND warnt vor Terrorbasis in Mali
Von Matthias Gebauer
AP
Mali entwickelt sich zum neuen Hot Spot für Terroristen: Al-Qaida und ausländische Kämpfer nutzen den Wüstenstaat als Anlaufpunkt, warnt der Bundesnachrichtendienst. Auch Dschihadisten aus Deutschland sollen auf dem Weg in das Land sein.
Berlin - Die dramatische Entwicklung in Mali beunruhigt den Bundesnachrichtendienst (BND). Dieser warnt ausdrücklich vor dem schnellen Abrutschen des afrikanischen Landes, das sich zu einem neuen Hort des internationalen Terrorismus und zur Basis für al-Qaida entwickeln könne.
In vertraulichen Unterrichtungen für Abgeordnete und Kabinettsmitglieder der Bundesregierung erläuterte BND-Chef Gerhard Schindler in den vergangenen Tagen, dass sich der Wüstenstaat immer mehr zum Anlaufpunkt für ausländische Dschihadisten und Qaida-Kämpfer entwickelt, die sich in Mali an die Seite von Islamisten stellen.
Der BND sieht in der Entwicklung vor allem im Norden des Landes auch eine indirekte Gefahr für Europa. Man habe registriert, dass europäische und sogar deutsche Dschihadisten auf dem Weg nach Mali seien. Dort wollen sie sich ausbilden lassen oder kämpfen. Diese Terrorrekruten, so der BND, könnten bei einer Rückkehr nach Europa auch hier aktiv werden und ihre Kenntnisse an Waffen oder Sprengstoff nutzen.
Ob bereits deutsche Staatsbürger an der Seite der Islamisten in Mali stehen, erst auf dem Weg dorthin sind oder nur eine Reise planen, blieb zunächst offen.
Schindler warnte jedoch deutlich vor der Entwicklung Malis zu einem zweiten Waziristan. In der Bergregion zwischen Afghanistan und Pakistan waren in den vergangenen Jahren immer wieder auch deutsche Dschihad-Rekruten aufgetaucht, die sich dort in Terrorlagern ausbilden ließen. Die Behörden betrachten diese Reisenden als Sicherheitsrisiko, da sie in den Lagern radikalisiert werden. Einige von ihnen bekamen dort sogar Aufträge für Anschläge in Europa. Ganz ähnlich könnte es sich nun mit möglichen Rückkehrern aus Mali verhalten, so der BND.
Immer wieder Deutsche als Qaida-Geiseln
Für die Bundesregierung sind diese Erkenntnisse relevant. Seit Monaten plant die Europäische Union (EU) eine mögliche Trainingsmission in dem Wüstenstaat. Dabei sollen europäische Ausbilder die malische Armee für eine Militärintervention gegen die Islamisten im Norden des Landes vorbereiten. An Kampfeinsätzen sollen sich die EU-Soldaten nicht beteiligen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte vor einem Monat eine Beteiligung der Bundeswehr an einem solchen Einsatz zumindest in Aussicht gestellt, auf EU-Ebene planen die Militärs bereits länger an der Mission.
Die Einschätzungen des BND über die Lage sind düster, konkret berichtete der Chef des Dienstes zwar nur von rund 1500 islamistischen Kämpfern in der Region. Die in verschiedenen Gruppen organisierten Dschihadisten allerdings hätten einen breiten Unterstützerkreis in der Region und verfügten auch über reichlich Waffen. Das Kriegsgerät ist während der libyschen Revolution im Jahr 2011 ungehindert in die Hände von Tuareg-Rebellen aber auch in die von Islamisten gelangt. Seitdem interessiert sich auch der Qaida-Ableger in der Maghreb-Region (AQM) für den Norden Malis.
Der Qaida-Zweig bereitet den Analysten derzeit die größten Kopfschmerzen. Bisher hauptsächlich in Algerien und Mauretanien aktiv, mausert sich die Untergruppe des einst von Osama Bin Laden gegründeten Terrornetzwerks immer mehr zur Bedrohung weit über die Grenzen Afrikas hinweg. Mehrmals schon wurden auch deutsche Staatsbürger Opfer von Entführungen aus dem Kreis der AQM.
Unkalkulierbare Gefahren bei einer EU-Mission
Die Aussagen des BND unterstützen vordergründig eine Intervention im Norden Malis durch afrikanische Einheiten und auch die geplante EU-Mission für deren Ausbildung. Gleichzeitig illustrierten sie aber auch, wie gefährlich eine solche Mission werden könnte. Mehrere der Gruppen, so jedenfalls die BND-Analyse, hätten durchaus eine Agenda, die weit über Mali hinausreiche. Folglich seien Anschläge gegen die westlichen Ausbilder durchaus möglich. Mit dem Norden Malis als neue Basis für al-Qaida wachse eine unkalkulierbare Gefahr heran.
Auch für die Bundeswehr, die sich bei einer Entscheidung der EU an der Mission in Mali beteiligen würde, birgt der neue Auslandseinsatz Risiken. Denn laut der BND-Analyse betrachten al-Qaida im Maghreb und die anderen Islamisten-Gruppen die westlichen Staaten als treibende Kräfte eines möglichen Militäreinsatzes im Norden Malis. Folglich müsse mit direkten Angriffen der Dschihadisten gegen afrikanische Einheiten aber auch gegen die EU-Ausbilder gerechnet werden.
Im Zuge einer längeren Auseinandersetzung steht zudem zu befürchten, dass al-Qaida andere Gruppen und Einzeltäter aufstachelt, den vermeintlichen Feind überall anzugreifen. Den Effekt kennen die Analysten bereits aus Afghanistan und dem Irak, unter Bezug auf die Interventionen des Westens in diesen Ländern hatte die Qaida-Propaganda-Abteilung immer wieder auch zu Anschlägen in Europa aufgerufen und mit ihren Hass-Videos auch mögliche Rekruten in Deutschland erreicht. Ein ähnliches Szenario fürchtet man nun auch im Fall von Mali.
Intervention dürfte noch dauern
So alarmierend die Erkenntnisse über das Entstehen eines neuen Standorts für den internationalen Terrorismus sind, so schleppend laufen die Vorbereitungen für eine Intervention. Experten aber auch der deutsche Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) sind sich einig, dass die malische Armee mit ihren wenigen, völlig veralteten Waffen und einem ständig schrumpfenden Korps an Soldaten für eine Mission im Norden derzeit nicht in der Lage wäre. Eine Operation dort wird vermutlich erst im Frühjahr 2013 oder sogar später möglich sein.
Die EU will im Dezember über die Entsendung einer Ausbildungstruppe nach Mali entscheiden. Die Soldaten sollen malische Regierungstruppen ausbilden, damit diese mit Hilfe von Truppen der westafrikanischen Staatengemeinschaft Ecowas den von Islamisten kontrollierten Norden Malis zurückerobern können. Bisher geht man von einem Einsatz bis Ende 2013 aus, die Zahl der Ausbilder aus Europa wird wohl bei etwa 200 liegen.
 
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